70. Jahrestag Reichspogromnacht Bundeskanzlerin mahnt zur Wachsamkeit

Bei zahlreichen Gedenkveranstaltungen zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht haben Politiker vor Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit gewarnt. Besonders mahnende Worte fanden Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Vorsitzende des Zentralrates der Juden, Charlotte Knobloch.

Zum 70. Jahrestag der Pogromnacht des 9. November 1938 haben Spitzenpolitiker und Kirchen mehr Wachsamkeit gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus angemahnt. "Gleichgültigkeit ist der erste Schritt, unverzichtbare Werte aufs Spiel zu setzen", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Berlin bei der zentralen Gedenkveranstaltung der Bundesregierung und des Zentralrats der Juden in Deutschland. Die SPD-Kandidatin für das Bundespräsidentenamt, Gesine Schwan, rief die Deutschen zu mehr Zivilcourage auf. Eine Gesellschaft der Bürger mit Zivilcourage könne ein Bollwerk gegen Machtmissbrauch und Willkür errichten, sagte Schwan in München.

Israel wird nach den Worten des amtierenden Ministerpräsidenten Ehud Olmert die Ereignisse der Reichspogromnacht weder vergessen noch verzeihen. Diese Nacht sei zweifelsohne ein Wendepunkt hin zur Vernichtung des Großteils der europäischen Juden in der Zeit von 1939 bis 1945 gewesen, sagte Olmert in Jerusalem.

Knobloch kritisiert Nachsicht

Bei der zentralen Gedenkfeier in der Berliner Synagoge Rykestraße warf die Präsidentin des Zentralrates der Juden, Charlotte Knobloch, der Politik zu viel Nachsicht im Umgang mit Rechtsextremisten vor. Indirekt bekräftigte sie die Forderung nach einem NPD-Verbot. In München mahnte Knobloch auch angesichts jüngster Pläne von Neonazis, in der bayerischen Landeshauptstadt aufzumarschieren: "Wenn wir nicht imstande sind, die Lehren aus der Vergangenheit zu bewahren, verkommt die Demokratie zu einer leeren Hülle." Eine zentrale Lehre aus der Geschichte sei die grausame Beispiellosigkeit des Holocaust. "Nicht alle Opfer des Nationalsozialismus waren Juden, aber alle Juden waren Opfer des Nationalsozialismus", sagte Knobloch.

Merkel sagte, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus dürften in Europa "nie wieder eine Chance haben". Dies gelte auch für den arabischen Raum und andere Teile der Welt. In Deutschland dürfe niemand schweigen, wenn etwa ein Rabbiner auf offener Straße angegriffen oder ein jüdischer Friedhof geschändet wird. Jüdisches Leben müsse in Deutschland "eine gute Heimat haben". Papst Benedikt XVI. rief in Rom eindringlich zur Ächtung von Antisemitismus und Diskriminierung in allen ihren Formen auf. Das Grauen der sogenannten Reichskristallnacht dürfe sich nie wiederholen, sagte Benedikt nach dem traditionellen Angelus-Gebet.

Mehr als 1300 Tote

In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 hatten Nazis Geschäfte und jüdische Gotteshäuser in Brand gesetzt, Wohnungen demoliert und Bewohner misshandelt. Die Pogromnacht mit mehr als 1300 Toten war Auftakt der völligen Entrechtung der Juden in Deutschland. Allein am 10. November wurden mehr als 30.000 jüdische Jungen und Männer in Konzentrationslager verschleppt.

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) rief zum gemeinsamen Kampf gegen Antisemitismus auf. Hass, Rassismus und Gewalt dürften nicht geduldet werden, erklärte Beck nach Angaben der Staatskanzlei bei der Grundsteinlegung für eine neue Synagoge in Speyer. Auch im niedersächsischen Göttingen wurde eine neue Synagoge eingeweiht. Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) verlangte, den Kampf gegen Antisemitismus mit aller Konsequenz zu führen. "Das ist Aufgabe des Staates, aber auch von jedem von uns", sagte er auf dem jüdischen Friedhof in Erfurt.

Die US-Organisation American Jewish Comittee (AJC) forderte größere Anstrengungen im Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland. Notwendig seien mehr Geld für unabhängige Initiativen sowie eine Erneuerung der Lehrpläne an Schulen, sagte die Leiterin des Berliner Büros der 1906 gegründeten Organisation, Deidre Berger, der Deutschen Presse-Agentur dpa. "10 bis 15 Prozent der deutschen Bevölkerung bleiben antisemitisch eingestellt." Mehrere tausend Menschen demonstrierten in Aachen und Fulda friedlich gegen Rechtsextreme.

DPA DPA

Mehr zum Thema



Newsticker