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AfD-Parteitag in Bremen: Luckes nicht ganz normale Partei

Sieg für Bernd Lucke: Beim AfD-Parteitag in Bremen wurde sein Wunsch abgesegnet - künftig gibt es nur noch einen Parteichef. Doch die Machtkämpfe in der Rechtspartei dürften weitergehen.

Von Tilman Gerwien, Bremen

Am Ende, als Bernd Lucke gewonnen hatte, ließ er sich zu einer ungewohnten Geste hinreißen: Im Bremer Musical-Theater schickte er einen Handkuss in den Saal, in Richtung AfD-Basis. Der ansonsten immer etwas hölzern wirkende Ökonomie-Professor aus Hamburg schien, erleichtert wie er war, für einen Moment sogar so etwas wie Zärtlichkeit zu empfinden für seine Partei. Diese renitente, streitlustige, nicht selten ziemlich irre daherkommende Partei, die er 2013 mitgegründet hat.

Bernd Lucke hat sich durchgesetzt. Die "Schlacht von Bremen", die von vielen erwartet wurde, hat es nicht gegeben. Ein monatelanger Machtkampf, bei dem es vordergründig um die künftige Führungsstruktur der Anti-Euro-Partei ging, in Wahrheit aber auch um deren inhaltliche Ausrichtung, ist entschieden. Zumindest vorläufig. Mit großer Mehrheit stimmten die anwesenden Mitglieder für einen Kompromissvorschlag der Führungsleute. Bis Dezember soll zunächst eine Doppelspitze die AfD vertreten, danach ein Vorsitzender die Partei alleine führen. Bernd Lucke hat bereits klargemacht, dass er für diesen Posten kandidieren wird – auf einem weiteren Parteitag, der im April stattfinden soll. Dem neuen Parteichef wird ein professioneller Generalsekretär zu Seite gestellt. Eine Lösung also, wie sie in den von der AfD so gern kritisierten "Altparteien" üblich ist, die Grünen mal ausgenommen.

Wird die AfD jetzt erwachsen? Eine gediegene, rechtsbürgerliche Veranstaltung, ohne Zank, ohne notorisches Querulantentum und temporären politischen Irrsinn – ohne all das also, was in der kurzen Zeit ihres Bestehens auch immer dazu gehörte? Wohl kaum. Die AfD ist noch immer keine "normale" Partei. In Bremen kamen so viele Mitglieder zum Parteitag, dass die Veranstaltung auf zwei weit auseinanderliegende Versammlungssäle aufgeteilt werden musste. Eine Videoschaltung sorgte dafür, dass die eine Hälfte der AfD mit der anderen Hälfte verbunden war. Die Organisatoren brauchten Improvisationstalent, denn bei der AfD gibt es keine Delegierten, die von der Basis entsandt werden. Jeder, der das Parteibuch hat, darf kommen. Wie viele es am Ende sein werden, weiß man erst kurz vorher.

Die "Schlacht von Bremen" bleibt aus

Auch sonst ist einiges anders als bei anderen Parteien. Es dominiert oft der Typ des in die Jahre gekommen, aber immer noch sehr rüstigen älteren Herrn, oft mit juristischen Vorkenntnissen, der sich gerne hitzige Debatten um Satzungsfragen und Geschäftsordnungsanträge liefert. Der Versammlungsleiter kommt regelmäßig an die Grenzen seiner Geduld. "Ich liiieebe diese AfD" entfuhr es ihm in Bremen einmal und oft schien er Stoßgebete gen Himmel zu schicken. Dann wieder großes Zusammengehörigkeitsgefühl. Als linke Gegendemonstranten vor der Parteitagshalle "Haut ab!" und "Faschisten!" skandierten, reagierten diese vom Raucherbalkon aus AfD-adäquat – mit dem lauten Absingen des Deutschlandliedes.

Oft erinnert die AfD an die Grünen in ihren Anfangsjahren, nur politisch ins Rechte gewendet. Sogar die Trennung von Amt und Mandat, ein echter Klassiker der grünen Basis, wird in Teilen der AfD mit Eifer gefordert. Aber: Lust am eigenen Untergang hat diese Partei nicht. Sie wusste genau, dass Bernd Lucke nicht dazu bereit gewesen wäre, sich in der Führung aufzureiben, wenn seine Pläne für eine Ein-Vorsitzenden-Lösung in Bremen abgelehnt worden wären. Und sie wusste auch, dass sie auf Lucke nicht verzichten kann, wenn sie sich nicht in rechten und rechtsradikalen Abgründen verlieren will.

Die AfD-Bastionen liegen im Westen

Für den rechten Flügel um die Spitzenleute Frauke Petry aus Sachsen und Alexander Gauland aus Brandenburg dürfte das eine wichtige Erfahrung gewesen sein. Sie wissen jetzt, dass die Bastionen dieser Partei eben auch im Westen liegen, wo man Lucke schätzt, die Euro-Kritik weiterhin für zentral hält, wo man an tragfähigen Konzepten zu Steuern, Rente und Familienpolitik interessiert ist und wo man Pegida für eine unappetitliche und politisch dubiose Veranstaltung hält. Petry und Gauland haben versucht, die AfD näher heranzuführen an das brodelnde, rechte Protestpotential auf den Straßen von Dresden. Aber sie haben gelernt, dass die Partei als Ganzes nur begrenzt bereit ist, dieser Versuchung nachzugeben.

Petry und Gauland werden nicht locker lassen, vor allem die energische und hochtalentierte Frau aus Sachsen nicht. Sie wird sich wohl in die ab April übergangsweise amtierende Doppelspitze wählen lassen, um dann als gleichberechtige Co-Vorsitzende Einfluss auf die Arbeit am Parteiprogramm nehmen zu können. Ein solches hat die AfD nämlich noch nicht. Bis Dezember soll es fertig sein. Petry wird versuchen, Lucke dabei inhaltlich so festzulegen, dass er auch danach, wenn er alleiniger Vorsitzender ist, die Partei nicht zur Ein-Mann-Veranstaltung machen kann. Eine Konstellation mit erheblichem Konfliktpotential. Die Journalisten freuen sich schon auf schöne Interview-Kriege zwischen Lucke und Petry.

Nein, eine normale Partei ist die AfD noch lange nicht.