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AfD-Vize Hans-Olaf Henkel: Der Wutbürger

Hans-Olaf Henkel: perfekte Manieren, noble Weltläufigkeit, erbitterte Eurokritik. Seit dem Wahlerfolg seiner AfD im Gefühl, es allen gezeigt zu haben. Über einen Mann auf der Suche nach Genugtuung

Von Tilman Gerwien

AfD-Vize Hans-Olaf Henkel in seinem Penthouse in Berlin-Mitte

Dieser Mann wohnt nicht. Er residiert. Ein Penthouse in Berlin-Mitte, atemberaubender Blick über die Stadt. Die Räumlichkeiten erstrecken sich über zwei Etagen. Draußen ein Dachgarten, auf dem man zwei Tennisplätze unterbringen könnte. Eine überlebensgroße Mao-Jacke aus Aluminium, ein Gepard, den man von innen beleuchten kann. An der Treppe hängt ein Foto, vier mal vier Meter groß. Es zeigt seine Frau zusammen mit Fidel Castro. 

Hans-Olaf Henkel, 74 Jahre alt, hat hier oben ein bisschen sein Leben ausgestellt, es war das Leben eines mächtigen, angesehenen Mannes: Manager von IBM, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie. Mit Castro führte er Gespräche über die Abschaffung der Todesstrafe, noch heute verwahrt er eine Kiste edle Zigarren, die ihm der kubanische Machthaber einst persönlich überreichte. 

All das tauscht er jetzt gegen eine neue Existenz ein: Hans-Olaf Henkel, MdEP, Mitglied des Europäischen Parlaments mit besenkammergroßem Büro in Brüssel, gewählt für die "Alternative für Deutschland" - eine Partei, auf deren Plakaten steht: "Griechen leiden. Banken kassieren. Deutsche zahlen!" Am Abend der Europawahl steht er vor dem Berliner "Maritim"-Hotel, wo die AfD ihre sieben Prozent feiert, und spricht von einer "historischen Stunde". Er trägt einen leichten Sommeranzug, er sieht aus wie ein vornehmer Pensionär, der zum Dinner verabredet ist. Der vornehme Pensionär sagt, er werde jetzt das "Europaparlament aufmischen" und den Kampf aufnehmen gegen den "europäischen Superstaat". 

Wochenlang ist er dafür durch die Republik getourt, er kam sich vor "wie ein Haken schlagender Hase". 

In München stand Hans-Olaf Henkel in einem dünnen Mäntelchen auf dem Marienplatz und fluchte: "Ich frier wie Sau." In Frankfurt sprach er hinter einem Kordon schwer gerüsteter Bereitschaftspolizisten, die ihn gegen linke Demonstranten schützen mussten. Er zwängte sich in enge Economy-Sitze, er übernachtete in Hotels, in denen morgens der Kaffee in Plastikthermoskannen ausgeschenkt wird. 

Der Mann aus dem feinen Penthouse in Berlin-Mitte - er machte sich ganz klein, und er wirkte nicht mal unglücklich dabei. 

Warum das alles? 

Vor ein paar Wochen saß er in seiner Wohnung, die Beine lässig hochgelegt auf seinem schönen Artdéco-Schreibtisch. Er wippte in seinem Schreibtischstuhl und sprach über sein Leben. 

"Ich könnte um die Welt segeln. Interessiert mich nicht."

Es war sehr still. Im Hintergrund hörte man ab und zu das Klappern seiner Putzfrau. Irgendwie schien er sich hier oben in seinem breit ausgestellten Wohlstand ein wenig zu langweilen. Der Dachgarten? Beeindruckender Ausblick, ja, ja. Die Sammlung mit Hunderten von Jazz- CDs? Schöne Sache, in der Tat. 

"Die gesamte deutsche Elite versagt beim Euro"

Dann: der Euro, nur das Wort. Henkel schnellte hoch. "Die gesamte deutsche Elite versagt beim Euro! Wie die mit Eurokritikern umgehen, unglaublich! Was der Euro in Europa alles anrichtet! Dass das alles unter den Teppich gekehrt wird! Ich bitte Sie, das wird man doch wohl noch sagen dürfen. Was ist denn hier los? Ich bin für die Pressefreiheit!" Es muss etwas geben, das ihn mit der Welt der AfD verbindet, einen dünnen Faden, der sich von hier oben, aus Henkels gediegener Welt, hinabspinnt in die politischen Hinterzimmer der Republik, wo sich die Unverstandenen und Verzweifelten treffen.

Es kann nicht nur der Euro sein. 

Wenige Tage später steht er in Augsburg in der Turnhalle des TSV Haunstetten. Vor ihm Sparkassenangestellte, Anwälte, Ladenbesitzer. Henkel sagt: "Ich hab das Gefühl, bei Ihnen in der Mitte der Gesellschaft zu sein. Und nicht rechts oder links." Damit könnte er recht haben.

Fast spröde referiert er im Stil eines Privatgelehrten über Wechselkurse, Zinsen, Staatsdefizite. Der Euro für den Süden zu stark, für den Norden zu schwach. Die deutsche Exportstärke: ein zynisches Wohlstandsmodell, erkauft mit Massenelend in Griechenland und Spanien. 

"Wir stecken mitten in einer griechischen Tragödie", sagt Henkel. Ein leises Raunen geht durch den Saal. Kein Wort zu brisanten Themen wie Migration oder Schwulenehe. 

Trotzdem sind seine Reden mehr als währungspolitische Referate. Mit seiner Kritik am Euro kann er im Publikum ein Grundgefühl abrufen, das er mit der Turnhallen-Welt in der Provinz teilt: Es ist das Unbehagen darüber, dass in der Ära Merkel die Koordinaten der Republik Stück für Stück verschoben werden. 

Atomausstieg, Abschaffung der Wehrpflicht, Frauenquoten, Adoptionsrecht für Schwule und jetzt auch noch: deutsches Steuergeld für Südeuropas Schuldenmacher - das ist nicht mehr das Land, das sie von früher kennen, es ist auch nicht mehr das Land, in dem Hans-Olaf Henkel seine große Zeit hatte.

Etwas hat sich verändert. Und genauso wie Henkel haben die Menschen, die ihm zuhören, den Eindruck, dass sie nie gefragt wurden, ob sie das eigentlich wollen. 

Die Suche nach einer Rolle

Ihr Gefühl des Nichtangehörtwerdens erfährt durch Henkel, der mit seinen gut sitzenden Anzügen und seinen perfekten Manieren immer noch so etwas wie noble Weltläufigkeit ausstrahlt, eine zuvor nicht erlebte Aufwertung. Dafür erhält Henkel bei der AfD den Respekt, den er anderswo vermisst. Es ist auch ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. 

Lange hat Henkel, der Mann der Wirtschaft, der sich immer als homo politicus verstand, eine angemessene Rolle für sich gesucht. Als "Heimatloser", wie er sich erinnert, vagabundierte er einige Jahre durch das Parteiensystem. Er erzählt, dass es ein Angebot der SPD gab, in Hamburg Senator zu werden. Und eines der FDP, als Spitzenmann in Berlin anzutreten. Aber nirgendwo fand er völlige Übereinstimmung, nirgendwo richtige Wertschätzung - und nirgendwo das eine große Thema, auf das sich seine Energien hätten richten können.

Der Euro. Ursprünglich war Henkel dafür, weil er glaubte, dass die deutsche Industrie davon profitieren könne. Ende der 90er Jahre fährt er nach Tübingen und besucht den Volkswirtschaftsprofessor Joachim Starbatty in dessen Büro. Starbatty ist profilierter Eurokritiker der ersten Stunde. Henkel will wissen: "Warum sind Sie gegen den Euro?" Der Professor gibt ihm eine Privatvorlesung, er sagt, auf Dauer sei es unmöglich, Länder mit extrem unterschiedlicher Wettbewerbsfähigkeit in einen Währungsraum zusammenzuzwingen. Für Starbatty ist das so, als wollte man die Fluten des Rheins stromaufwärts pumpen.

Henkel ist nach diesem Gespräch sehr beunruhigt, hält sich aber an der "no-bail-out"-Klausel des Maastrichter Vertrages fest, nach der es verboten ist, dass ein Land für die Schulden des anderen geradesteht.

"Jetzt ist Schluss!"

Doch im Mai 2010 knackt Angela Merkel die Klausel, um Griechenland zu retten. Dieses Ereignis verändert Henkel. Er sagt zu sich: "Jetzt ist Schluss!" Er hat sein Thema gefunden. Die Schuldenberge, die Massenarbeitslosigkeit im Süden, die Tricksereien der Währungsretter, die das Wasser stromaufwärts pumpen wollen. 

Bis dahin war er ein Grenzgänger gewesen. Mit wirtschaftsradikalen Ruck-Reden Dauergast im Christiansen- Talkshow-Zirkus - aber auch Spender für die linke "taz" und Menschenrechtsaktivist. Einmal stand er vor dem Brandenburger Tor, ein Pappschild in den Händen mit der anklagenden Frage: "Wo ist Ai Weiwei?" Aus dieser schillernden Figur, die trotzdem stets zum deutschen Establishment gehörte, wird nun: der Wutbürger Hans-Olaf Henkel. 

Ein Wutbürger von rechts. 

Er macht danach ein paar sehr interessante Erfahrungen. Angela Merkel, die er, als sie noch blasse Oppositionspolitikerin war, persönlich bei den Großen der Wirtschaft einführte, ist plötzlich sehr beschäftigt und hat keine Zeit mehr für ihn. 

Wolfgang Schäuble rollt nach einer Podiumsdiskussion, bei der Henkel eine eurokritische Frage an den italienischen Finanzminister gerichtet hatte, grußlos an ihm vorbei. 

Dabei war Schäuble Wochen zuvor noch bei den Henkels zum Abendessen eingeladen. "Da hat er gesessen!", sagt Henkel und zeigt auf den großen Esstisch in seinem Wohnzimmer. "Es ist unglaublich." Im Frühjahr 2013 lädt Henkel Bernd Lucke zu sich nach Hause ein. 

Henkel will sich ein Bild machen vom Chef und Gründer der AfD. Lucke wirbt um ihn, er sagt: Sie würden zu uns passen, wir brauchen Persönlichkeiten wie Sie. Henkel kommt zu dem Ergebnis: "Ein anständiger Mann." Monate später lässt er sich vom Berliner Landesverband zu einer Diskussion einladen und stellt fest: "Alles anständige Leute, eigentlich Leute wie ich." Kurz danach füllt Hans-Olaf Henkel den Mitgliedsantrag der "Alternative für Deutschland" aus. Später gewährt er der Partei sogar ein Darlehen über eine Million Euro.

Blühender Redner für die Sache der AfD - Vize-Parteichef Henkel

Blühender Redner für die Sache der AfD - Vize-Parteichef Henkel


Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder. Geh doch in die Oberstadt, mach's wie deine Brüder, sang einst der linke Liedermacher Franz Josef Degenhardt. Die Zeilen passen erstaunlich gut zur Situation von Henkel. Er entscheidet sich. Er geht nicht in die feine Oberstadt wie seine Brüder aus Industrie und Hochfinanz, die auf gut dotierten Aufsichtsratsposten auspendeln. Er geht in die Unterstadt, in die politischen Hinterzimmer. Dahin, wo es manchmal etwas streng riecht. Er spielt mit den Schmuddelkindern der AfD. 

Henkel wird Vize-Parteichef, sofort legt er los, er stürzt sich auf die Arbeit am Europawahlprogramm. Nachts brennt jetzt oben im Penthouse oft noch Licht. Er sieht sich als "Chefideologe" der jungen Partei - auch als eine Art Brandmauer gegen rechtes Gedankengut. Lucke will einen patriotischen Wahlkampf, auf den Plakaten des Spitzenkandidaten soll nur die Deutschlandfahne zu sehen sein, nicht die blaue EU-Flagge mit den zwölf Sternen. 

Henkel setzt durch, dass zumindest ein Zipfel der EU-Flagge zu erkennen ist, mit fünf Sternen. 

"Ich war nie ein Rechtspopulist", sagt Hans-Olaf Henkel. "Ich war immer liberal. Ich als Person. Ich als Henkel."

Kaugummi an den Schuhsohlen der Partei

Aber in Wolfsburg entwirft die AfD ein Plakat mit dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un und schreibt dazu: "Was haben das dicke koreanische Kind und die EU gemeinsam? - Das Demokratieverständnis." In Köln lädt die AfD-nahe "Junge Alternative" zur Diskussion mit dem britischen EU-Hasser und Rechtsaußen Nigel Farrage. In Thüringen teilt ein Vorstandsmitglied mit, Abneigung gegen Ausländer sei "biologisch normal". 

Henkel möchte gern über all dem schweben. Manchmal, wenn er im Wahlkampf nachts von lokalen AfD-Funktionären ins Hotel gefahren wird und sie ihn in hitzige Debatten verwickeln wollen, stöhnt er kurz auf und sagt nur: "Ach, Kinder!" Dann hört er lieber ein wenig Jazz- Musik auf seinem iPhone. Und verfällt in brütendes Schweigen. 

Auch wenn man Wochen mit ihm unterwegs ist, hört man nicht eines der in der AfD immer wieder aufblitzenden Ressentiments gegen Fremde, Schwule, Sozialbetrüger. 

Aber all die Skandale und Skandälchen, sie kleben wie Kaugummi an den Schuhsohlen der Partei. Und damit kleben sie auch an den Schuhsohlen des Hans-Olaf Henkel. 

Wer sich für eine Partei engagiert, dazu in hoher Position, muss sich auch an dem messen lassen, was an Unappetitlichkeiten und Verirrungen im Namen dieser Partei verbreitet wird, und sei es nur von Einzelnen. Sonst betreibt er das, was Juristen "dolus eventualis" nennen: den bedingten Vorsatz, mit dem eine Tat zwar nicht direkt gewollt, aber doch billigend in Kauf genommen wird. 

Mag sein, dass er in der AfD die Freiheit findet, die er bei den selbstzufriedenen "Altparteien", wie er sie nennt, nicht gefunden hätte. Aber diese Freiheit tauscht er ein gegen neue Unfreiheit - die des ständigen Sich-rechtfertigen-Müssens für den unangenehmen Beigeruch, den seine Partei verbreitet.

 "Irgendwann wird Angela Merkel mit uns reden" 

Im April war Henkel in die Hauptstadtrepräsentanz des Schraubenfabrikanten Würth eingeladen, um über den Euro zu sprechen. Eine Villa auf der Halbinsel Schwanenwerder, handverlesenes Publikum aus Lobbyisten und Berliner Geldadel - alles erinnerte ein wenig an die Welt, in der Henkel sich früher bewegte. 

Ein Vorredner ergriff das Wort, er stellte klar: "Herr Würth ist ein leidenschaftlicher Europäer." Dann sagte er: "Ich habe Sie, lieber Herr Henkel, immer als analytischen, sachlich diskutierenden Mann kennengelernt. Und nicht als Spinner, Hetzer oder gar Antisemit." Es war eine Art ideologische Unbedenklichkeitsbescheinigung, ausgestellt zur Beruhigung der elitären Zuhörerschaft. Hans-Olaf Henkel stand plötzlich da als Vertreter einer ordinären Krawalltruppe, der man hier, in den besseren Kreisen, zumindest mit hochgezogenen Augenbrauen begegnen sollte. Bebend vor Zorn erwiderte er: "Das ist schon ein dicker Hund, dass ich es als Gnade empfinden soll, heute Abend hier reden zu dürfen." Dann fing er sich und hielt seinen Vortrag. 

Jeden Tag entfernt er sich weiter vom Establishment, wo es als unschicklich und provinziell gilt, gegen den Euro zu sein. Vielleicht hat er den Bruch zu der Welt, der er einst angehörte, auch längst vollzogen und kann genau deshalb verletzende Ausgrenzungserlebnisse wie jenes in der Villa von Würth direkt in politische Energie umsetzen. 

Noch ist nicht klar, wie all das ausgeht. Zieht er die Partei zu sich hoch - oder zieht sie ihn zu sich herunter? Ihn als Person, ihn als Henkel? Er meidet inzwischen Talkshows, weil er das Gefühl hat, dort "nur noch von Feinden" umgeben zu sein. Doch neulich machte er eine Ausnahme, er saß bei "Hart aber fair". Mit gereiztem Unterton räsonierte er zur Eurokrise. Von Minute zu Minute ging seine Gesichtsfarbe mehr in Richtung rot. Er wirkte wie innerlich übersäuert. Das hier war nicht mehr der Grandseigneur aus dem Penthouse. Das hier war ein Mann, der sich nach wochenlanger Wahlkampftour seiner AfD auf fast schon gespenstische Weise prototypisch anverwandelt hatte: ein schlecht gelaunter Vertreter einer notorisch schlecht gelaunten Partei.

Hans-Olaf Henkel - über den Dächern von Berlin

Hans-Olaf Henkel mit einem gequälten Lächeln über den Dächern von Berlin

Was will dieser Mann erreichen? 

Neulich saß Hans-Olaf Henkel im Frühstücksraum eines Hotels in Reutlingen. Es war auf Wahlkampftour und noch müde. Aber er versuchte, so etwas wie eine persönliche Utopie zu entwerfen. 

Brüssel, der Einzug ins Europaparlament, die nächsten Landtagswahlen - all das sei nur ein Durchgangsstadium, all das nur der Weg zum eigentlichen Ziel: die AfD so stark zu machen, dass die Kanzlerin nicht mehr an seiner Partei vorbeikomme, wolle sie sich im bürgerlichen Lager nicht völlig unmöglich machen. "Irgendwann wird Angela Merkel mit uns reden", sagte Henkel. "Reden müssen!" Seine Augen blitzten angriffslustig auf, er wirkte sehr glücklich bei diesem Gedanken. 

Das wäre es: Die Kanzlerin, so weit weg und unerreichbar, beugt sich herab und spricht mit den Schmuddelkindern von der AfD. 

Also auch mit ihm. Endlich wieder mit ihm.