Ampelkoalition Wild entschlossen, aber abgekämpft: Bringt uns diese Regierung wirklich gut durch den Winter?

Koalition: stern-Politikchef analysiert deutschen "Wut-Winter"
Sehen Sie im Video: "Dann werden auch ganz normale Bürger protestieren" – stern-Politikchef über die Koalition und den "Wut-Winter".


















Die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung war noch nie so groß. Wenn die Politik scheitert, dieses Land und die Menschen durch die Krise zu bringen, dann wackelt nich die Ampelkoalition allein, die auch, aber dann wankt eigentlich unser politisches System, dann wankt die Demokratie.


Schlechte Umfragewerte, wachsende Unzufriedenheit in der eigenen Bevölkerung. Wir schaffen das! Lautet der neue Stern-Titel. Darin analysiert Politik Chef Nico Fried, ob uns die Ampelkoalition wirklich gut durch den Winter bringt.


Es gibt einen merkwürdigen Gegensatz. Die Regierung sagt, wir machen eigentlich alles richtig in der Krise, aber die Umfragewerte sind immer schlechter. Die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung war noch nie so groß wie jetzt im August. Das hat eine Umfrage ergeben. Und deswegen stellt die Koalition dem Volk jetzt eine Art Vertrauensfrage. Die Regierung sagt: Wir legen ein Programm auf über 65 Milliarden Euro – und wir haben euch ja schon 30 Milliarden gegeben und versuchen, das Land winterfest zu machen. Und jetzt wollen wir doch mal sehen, ob ihr da nicht mitgeht als Volk und ob ihr nicht sagt: Okay, wir vertrauen dieser Regierung noch mal, dass sie uns einigermaßen sicher durch den Winter und durch diese Krise bringt. Und das muss man jetzt sehen, ob das in den nächsten Wochen und Monaten reicht.


Wie ist dein Eindruck? Schaffen die das?


Sie müssen es schaffen. Die Koalition ist zum Erfolg verdammt. Denn wenn die Politik scheitert, dieses Land und die Menschen durch die Krise zu bringen, dann wackelt nicht die Ampelkoalition allein, die auch, aber dann wankt eigentlich unser politisches System, dann wankt die Demokratie. Weil dann werden die Leute sagen: Ihr habt es nicht fertiggebracht, uns zu schützen, uns zu unterstützen, sondern es geht uns immer schlechter. Und dann werden Sie früher oder später die Frage stellen: Warum wirken eigentlich die Kriegsfolgen bei uns wirtschaftlich dramatischer als zum Beispiel in Russland? Oder warum hilft es den Ukrainern, wenn die größte Volkswirtschaft Europas ökonomisch den Bach runter geht? Das sind die Fragen, die die Leute stellen werden, wenn es dieser Regierung nicht gelingt, einerseits die Energieversorgung zu sichern, und zwar zu bezahlbaren Preisen, und andererseits die Leute gegen die Inflation zu schützen und ihr zu helfen, um mit diesen hohen Preisen klarzukommen.


Droht Deutschland der befürchtete "Wut-Winter"?


Also die Frage, ob der Winter wettermäßig kalt und politisch heiß wird, die entscheidet sich daran, ob es die Regierung schafft, das Land gegen die Gefahren, die drohen, zu schützen. Das ist zum einen die Frage der Energieversorgung: Wird es der Bundesregierung gelingen, Gas und Strom zu bezahlbaren Preisen in dieses Land zu bringen? Und zum anderen wird es ihr gelingen, die Leute vor der Inflation zu schützen, den Menschen möglich zu machen, dass sie zu einigermaßen normalen Preisen noch ihr tägliches Essen kaufen können. Wenn das nicht gelingt, dann werden die Leute auf die Straße gehen. Dann werden sich vermutlich auch politische Richtungen zusammenschließen im Protest gegen diese Regierung, die sonst nicht unbedingt zusammengehören, also Rechte und Linke. Und wenn die Situation wirklich dramatisch werden sollte, dann werden auch ganz normale Bürgerinnen und Bürger, die sonst nicht auf die Straße gehen, anfangen zu protestieren. Aber ich glaube, wir sind noch nicht so weit, dass wir wirklich sicher eine Wut-Winter erwarten müssen. Und ich glaube, wir sollten auch aufpassen, dass wir ihn nicht herbeischreiben, indem wir die Lage dramatischer darstellen, als sie ist.
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Olaf Scholz pflegt eine Marotte. Man kann das immer wieder sehen, wenn man dem Kanzler durchs Land folgt, wo er sich den Bürgern stellt, sei es in Lübeck, Neuruppin, Magdeburg oder Essen. Er spaziert dann gern zwischen den Zuhörern herum, hält das Mikrofon in der rechten Hand – und wenn er mit einer Antwort fertig ist, drückt er mit der linken Hand fest auf die weiche Schaumstoffhaube. Es sieht aus, als wolle er der Botschaft, die er in das Mikrofon gesprochen hat, noch eine Mütze aufsetzen, ehe sie davonfliegt. Scholz weiß, wie stark draußen im Land der Gegenwind bläst.

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