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Angela Merkel: Die Klempnerin der Macht

Bei Schmidt war es der Terror, bei Kohl die Wiedervereinigung, bei Schröder der Krieg. Nur in schwierigen Zeiten reifen große Politiker - nun ist Angela Merkel an der Reihe. Aber ihr fehlt die Statur.

Ein Kommentar von Axel Vornbäumen

Mal wieder leichtes Spiel für die Opposition am Mittwoch im Bundestag: Erst kramte FDP-Chef Gudio Westerwelle in seinem Schulenglisch - "First she came too late and then she was wrong" - und dann in seinem Metaphernschatz: "Sie stehen mitten im Nebel. Sie fahren auf Sicht und wissen nicht wohin".

Nach fast zwei Monaten Dauerkrisenmanagement fallen die Noten für die Führungsfähigkeit der Bundeskanzlerin nicht nur bei der Opposition dürftig aus: Angela Merkel kann Krise nicht, heißt es fast unisono. Es fehlt ihr an Orientierung, an großer Geste, an Überbau. Unmut baut sich auf, ob in der eigenen Partei, wenige Tage vor Beginn des Bundesparteitags der CDU in Stuttgart, ob bei der Europäischen Kommission in Brüssel oder in den EU-Partnerstaaten. An der Grenze zum diplomatischen Affront formulierte Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy in Gegenwart Merkels zu Anfang der Woche: Frankreich arbeite an Maßnahmen zur Belebung der Konjunktur, Deutschland denke darüber nach. Viel drastischer kann auf internationalem Parkett eine Aufforderung nicht mehr: Angela, tu was!

Lizenz zum Zögern

Doch Merkel, so scheint es, hat die Lizenz zum Zögern. Kleinteilig werkelt sie vor sich hin, eine Klempnerin der Macht. Das ist ihr Politikstil, ihre Auffassung von Gestaltung. Sie kann nicht anders. So ist sie an die Macht gekommen, so hat sie dafür gesorgt, ihre Macht zu erhalten. Große Entwürfe, große Gesten waren dazu nicht nötig. Jetzt aber wären sie es.

Schröder? Der konnte nur Krise. Legte sein Jackett zur Seite, krempelte die Ärmel auf und verkündete. Nur die Harten komm' in'n Garten! Schröder hätte sich aufgepumpt und aufgeputscht in dieser Lage, hätte als erstes die Banken unter den Rettungsschirm geholt, basta und mit breiter Brust, da hätte sich Gordon Brown in London noch nicht einmal umgeguckt gehabt.

Kohl? Der hätte den Mantel der Geschichte ergriffen. Hätte ihn nicht mehr losgelassen. Hätte sich um nichts anderes mehr gekümmert und um niemanden anderes mehr geschert. Kohl hätte sein Handeln mit Pathos vermengt, bis die Bürger kapiert hätten: Au weia, da kommt was.

Kein Entwurf, kein Pathos

Und Merkel? Sie kann Pathos nicht. Dass Deutschland in eine schwierige Phase geht, muss fast mühselig aus ihren Reden herausgelesen werden. Dass das Land irgendwann mal wieder auf Zuversicht umschalten kann, diese Aussicht wird durch ein Gestrüpp von kleinteiligen Maßnahmen eher verstellt denn befördert. Die Kanzlerin hat es bislang versäumt, mit einem großen Auftritt ihren Entwurf von einem Deutschland in und nach der Krise zu präsentieren. Es steht zu befürchten, dass sie ihn nicht hat. Das wäre schlimm. Fast schlimmer noch wäre, wenn sie einen solchen Entwurf nicht für nötig hielte.