Außenansicht auf die Wahl Berichte aus einem Land im Hintertreffen


Am Sonntag richtet sich der Fokus der internationalen Berichterstattung auf Deutschland. Wo steht das Land Ihrer Meinung nach? stern.de hat den BBC-Moderator Nik Gowing gefragt - mit einem ernüchternden Ergebnis.
Von Florian Güßgen

Am Sonntag wird in Deutschland gewählt, und schon am Freitag bringen sich vor dem Reichstag die Beobachter in Position. Die Scheidemannstraße, durch die sonst der Verkehr am deutschen Parlament vorbei rauscht, ist gesperrt. Nun parken dort schon Ü-Wagen von TV-Sendern. Direkt vor dem Westportal des Reichstags, wo Besucher anstehen, um zur gläsernen Kuppel hochzufahren, hat sich der Informationsbus des Deutschen Bundestags postiert.

Chef-Moderator der britischen CNN-Version

Nik Gowing steht auf einer weiß überdachten Bühne an der Paul-Löbe-Allee. Wenn die TV-Teams von hier berichten, haben die Moderatoren den Reichstag im Rücken, die Kameras erfassen den Schriftzug, der über dem Westportal prangt: "Dem Deutschen Volke." Es ist ein rechtes Sauwetter an diesem Morgen, es schüttet. Gowing ficht das nicht. Um vier Uhr ist er aufgestanden, seit sechs steht er nun hier, um die Welt im Stundentakt mit den jüngsten Neuigkeiten aus Germany zu versorgen. Gowing ist Chef-Moderator des britischen Senders BBC World, der britischen Version von CNN. 268 Millionen Haushalte erreicht BBC World nach eigener Auskunft in über 200 Ländern und Gebieten - 128 Millionen am Tag.

Welt-Spezialist mit Überblick

Der grauhaarige, zupackend wirkende Gowing ist eine Art Global-Journalist, einer von denen, die immer überall sind, wo es knallt und brennt, wo Geschichte gemacht wird oder die Welt sich verändert. Die Solidarnoc in Polen, der Mauerfall in Berlin, der Krieg im Irak, der Streit um Iran. Sie sind dabei - Gowing oder Christiane Amanpour bei CNN. Sie sind Welt-Spezialisten, die Antwort der Sender auf die Globalisierung. Sie kennen vielleicht nicht immer die Details, aber sie haben den Überblick, können einordnen. Vor kurzem sei er in Kairo gewesen, und in Helsinki, und in Rom, berichtet Gowing in einer Pause. Und in Asien. Er weiß, was dort passiert. Jetzt ist er in Berlin, am Donnerstag eingeflogen, am Montag wieder raus. Im Englischen wird sein Job "Presenter" genannt - er präsentiert Deutschland.

Wie präsentiert Deutschland sich ihm? Er finde das Land faszinierend, sagt Gowing, er wäre gerne öfters hier. Aber wenn man sich Deutschland so ansehe, so könne man erkennen, das der Anpassungsdruck enorm sei, dass strukturelle Veränderungen nötig seien, um mithalten zu können im internationalen Wettbewerb. Er sei oft in Asien - in China oder auch in Indien. Es sei unvorstellbar, was dort geschehe, in welch' atemberaubenden Tempo sich die Volkswirtschaften in diesem Raum entwickelten. Deutschland, immerhin Europas größte Volkswirtschaft, sei fraglos wichtig, sagt Gowing. Es würde ihm nie in den Sinn kommen, das Land, über das er berichtet, schlecht zu reden. Aber wenn er so ins Schwärmen kommt über die Dynamik der Asiaten, schämt man sich fast - angesichts mauen Wachstums und der verheerenden Arbeitslosenzahlen. Gowing sagt das nicht, aber er vermittelt einem das Gefühl, dass dieses Land hinterherhinkt.

Schlechter Kabinen-Service auf der Titanic

Er habe vor kurzem an einer Konferenz in Australien teil genommen, berichtet Gowing. Eine hochrangige Konferenz sei das gewesen, mit vielen Firmen-Chefs, Managern internationaler Konzerne. Über Deutschland, das sei ihm aufgefallen, habe dort keiner geredet. Es spielte keine Rolle. Die Gewichte verschieben sich. Die Zeit, in der sich Europa oder Deutschland eine gönnerhafte Haltung gegenüber Asien hätten erlauben können, sei ohnehin schon lange vorbei. Im Gegenteil. Mittlerweile würden chinesische Unternehmen eine aggressive Einkaufspolitik im Ausland verfolgen, europäische und deutsche Firmen in strategisch wichtigen Märkten einfach aufkaufen. Gowing, der Welt-Reporter, dessen Berichte in jedem Hotel in Hongkong oder Singapur gesehen werden können, sagt, wenn sich sein Publikum für Deutschland interessiere, dann auch deshalb, um zu sondieren, wo die teuren Deutschen im Preis unterboten werden können. "Es gibt gerade in Indien viele phantastisch ausgebildete Leute, die hungrig auf Erfolg sind, die etwas wollen", sagt er. Lauscht man den Beschreibungen des Weltmannes, dann scheint Deutschland rückständig, die Diskussionen um die Agenda 2010 und Hartz IV kleinlich - es erscheint etwa so, als würden sich die Reform-Zauderer auf der untergehenden Titanic über den Kabinen-Service beschweren.

Weshalb Kirchhof?

Über Kanzler Gerhard Schröder und dessen Herausforderin Angela Merkel will Gowing nicht urteilen. Das stehe ihm nicht zu, sagt der BBC-Journalist. Aber, und so weit geht er dann doch, wie eine deutsche Maggie Thatcher, so wirke Merkel nicht, sagt er. Zumal nach der Sache mit Kirchhof. Der Vergleich mit Thatcher liege zwar nah, greife aber zu kurz. Thatcher sei beinhart strategisch vorgegangen, sagt er, habe ihre Partei im Griff gehabt. Auch von ihrer Art sei sie anders gewesen als Merkel, sie habe alles aufgemischt. Merkel wirke nicht so polternd, sagt Gowing. Mehrmals fragt er nach, was es eigentlich auf sich habe mit diesem hin und her um Merkels Steuer-Mann Kirchhof. Es erscheint ihm schwer verständlich, weshalb eine Kanzlerkandidatin drei Wochen vor der Wahl einen Mann aus dem Hut zaubert, dessen politische Agenda der eigenen zuwiderläuft.

Es ist manchmal sehr gut, Leute wie Gowing zu hören - zu der eigenen Binnensicht die Perspektive jener hinzuzufügen, die auch die Zusammenhänge jenseits der Berliner Bannmeile im Blick haben. Wie ein mächtiger, schnell fließender Strom erscheint dann das, was da global gerade geschieht, was die Gewichte dieser Welt verschiebt. Erdrückend scheint dann der Anpassungsdruck. Was kann sich in diesem Land tun? Was wird sich hier tun? Gowing selbst fragt, ob Merkel eine Reform-Kanzlerin sein würde – oder ob unter ihrer Regierung schon in zwei Jahren wieder Neuwahlen anstünden. Und er will wissen, ob es ihr mit der Union genauso ergehen würde wie es Gerhard Schröder mit der SPD ergangen ist, ob ihr die eigenen Leute die Gefolgschaft aufkündigen würden.

Abflug am Montag

Am Sonntag, wenn um 18 Uhr die Ergebnisse kommen, wird Gowing wieder vor dem Reichstag stehen. Er wird berichten, für welche Parteien-Konstellation sich die Deutschen nun entschieden haben. Er wird klar und deutlich erklären, was es nun auf sich hat mit diesem Koalitions-Dingens, mit Schröder, Merkel oder einem Herren namens Gerhardt. Gowing wird Deutschland dabei so darstellen, dass es auch für Zuschauer in Indien, in Peking oder in Kairo verständlich sein wird. Dann, am Montag, fliegt er wieder weg - und es wird eine Zeit dauern, bis der Welt-Spezialist nachsieht, wie schnell Deutschland sich denn nun dem globalen Druck angepasst hat, was sich unter der neuen Regierung verbessert hat in diesem Land. Das Wetter solle bis Sonntag übrigens besser werden, berichtet eine von Gowings Mitarbeiterinnen.


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