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Nicht nur in Berlin: Hass auf Juden an deutschen Schulen - Eltern schildern erschütternde Vorfälle

Judenhass und antisemitisches Mobbing an Schulen ist offenbar kein Problem, das sich nur auf Berlin beschränkt. Als "Jude" beschimpft zu werden, ist da noch harmlos. Manche Kinder gehen mit Angst zum Unterricht, weil sie massiv bedroht werden.

Mobbing an Schulen ist kein neues Problem. Das weiß wohl jeder aus eigener Erfahrung. Jüngst nehmen in Deutschland allerdings auch antisemitische Bedrohungen zu.

Mobbing an Schulen ist kein neues Problem. Das weiß wohl jeder aus eigener Erfahrung. Jüngst nehmen in Deutschland allerdings auch antisemitische Bedrohungen zu.

DPA

Wie schlimm ist das religiöse Mobbing an deutschen Schulen? Leidet die Bundesrepublik seit der Flüchtlingswelle unter einem aus dem Nahen Osten importietren Judenhass? Nachdem mehrere Fälle bekannt wurden, bei denen Schüler von muslimischen Mitschülern bedroht oder gemobbt wurden, weil sie keine Muslime sind, wird das Thema in den Medien breit diskutiert. Der Zentralrat der Juden zeigt sich besorgt über antisemitische Vorfälle an Schulen, und die "Bild"-Zeitung sammelte für ihre Dienstags-Ausgabe eine ganze Reihe von Fällen, bei denen Eltern ihre Erfahrungen mit religiösem Mobbing schildern, darunter waren Berichte aus Frankfurt und mehreren Städten Nordrhein-Westfalens.

Immer wieder ist in diesen Erzählungen von Bedrohungen der Kinder die Rede, weil sie nicht an Allah glauben, von Prügel. Kleine Kinder werden von größeren attackiert, weil sie – vermeintlich – Juden sind, kein Kopftuch tragen, einen hebräisch klingenden Namen haben oder un-islamische Lebensmittel essen. In Whatsapp-Gruppen werden grausige Videos nach der Machart des "Islamischen Staates" verbreitet, und so nicht-muslimische Kinder terrorisiert.

Die Bedrohungen der gemobbten Schüler sind schaurig, zeigen die Eltern-Berichte: "Deine Eltern werden in der Hölle verbrennen", zitiert die "Bild"-Zeitung einen Fall aus Bonn. Juden müsse man töten, heißt es an anderer Stelle. Sogar um Gummibärchen sollen Streitigkeiten entbrannt sein – weil diese aus Schweinefleisch gewonnene Gelatine enthalten.

"Du Jude" als gängiges Schimpfwort auf Schulhöfen in Berlin

"Du Jude" ist schon seit Langem ein gebräuchliches Schimpfwort an Berliner Schulen, zitiert die DPA aus einer Studie von 2016. Das sei "total gängig", sagen mehrere Lehrer in der Studie.

Befeuert hat die jüngste Antisemitismus-Debatte ein Fall an einer Berliner Grundschule. Dort wurde eine Zweitklässlerin von älteren Schülern aus muslimischen Familien als Jude beschimpft. Ein Mitschüler soll gedroht haben, sie umzubringen, weil sie nicht an Allah glaube. So jedenfalls erzählte es der Vater des Mädchens einem Journalisten der "Berliner Zeitung". Demnach kursierte in einer Whatsapp-Gruppe der Grundschüler sogar ein IS-Enthauptungsvideo. Die Bildungsverwaltung und der Schulleiter bestätigten solche Vorfälle.

"Das ist kein Einzelfall", sagt Marina Chernivsky, Leiterin des Kompetenzzentrums Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Dieses arbeitet zum Thema Antisemitismus und Diskriminierung und bietet Eltern wie Schulen pädagogische Unterstützung und Opferberatung an. "Uns hat das nicht überrascht. Solche Vorfälle gibt es praktisch jede Woche, das ist selbst an Kitas ein Thema."

Das bestätigt auch der Antisemitismus-Beauftragte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Sigmount Königsberg. "Die meisten Fälle werden nur einfach nicht bekannt, etwa weil die Eltern nichts sagen." Schulen bagatellisierten solche Vorfälle als "Streitigkeiten" oder kehrten das Problem unter den Tisch - auch aus Sorge um ihren Ruf.

Nach Berichten über die Berliner Vorfälle äußerte der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, seine Besorgnis. Er habe das Gefühl, dass solche Vorfälle vor allem im großstädtischen Milieu zunähmen, sagte Schuster am Dienstag im ZDF-"Morgenmagazin". Berlin nehme dabei offensichtlich "leider eine führende Rolle" ein.

Schuster sieht vor allem eine Verantwortung der Eltern. Kein Kind werde mit rassistischen Vorurteilen geboren, sagte er im ZDF. Zudem müssten Lehrer besser auf solche Situationen vorbereitet werden. Er werde ein Gespräch mit der Kultusministerkonferenz (KMK) Mitte April nutzen, um dieses Thema anzusprechen.

Judenhass gehört in Teilen des Nahen Ostens zum guten Ton

Antisemitismus, da sind sich die Experten einig, gibt es von rechts, von links, in der Mitte der Gesellschaft - aber eben teils sehr ausgeprägt bei Muslimen, von denen zuletzt sehr viele gerade aus arabischen Staaten als Flüchtlinge nach Deutschland kamen.

Jüdische Organisationen wie das American Jewish Committee (AJC) sehen die Gefahr, dass das Problem an deutschen Schulen in der Folge der massiven Einwanderung nach Deutschland aus dem Nahen Osten zunehmen könnte: Die islamistische Ideologie, nicht zuletzt der Salafismus, habe große Anziehungskraft auf junge Leute, warnte die Berliner Direktorin Deidre Berger vor geraumer Zeit. Folge sei eine Radikalisierung muslimischer Jugendlicher in Deutschland, bei der Staat und Gesellschaft "mit wachem Auge" draufschauen müssten.

Eine AJC-Studie unterstreicht den Befund. In dem - nicht repräsentativen - Stimmungsbild berichteten Lehrkräfte an Berliner Schulen von einer stark gestiegenen Rolle der Religion im Schulalltag. Etliche muslimische Schüler hinterfragten Lehrinhalte, stellten den Koran über alles, wachten über die Kleiderordnung bei Mädchen. Drohungen gegen Juden oder Homosexuelle, das Infragestellen der Demokratie, Sympathien für Terrororganisationen wie den IS, das Tilgen Israels von der Weltkarte - an Schulen laut Studie keine Seltenheit.

"Das Problem kann man nicht auf die Zuwanderer reduzieren", betont Expertin Chernivsky. "Aber wir müssen auch sehen, dass viele dieser Menschen in ihren Heimatländern eine religiöse und vor allem politische Sozialisation durchlaufen haben, in der antisemitische und anti-israelische Haltungen prägend waren."

Was also ist zu tun? Die Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Marlis Tepe, fordert bessere Aus- und Weiterbildung für Lehrer in  Sachen interkultureller Kompetenz und mehr Sozialpädagogen an den Schulen, um auf die Konflikte angemessen reagieren zu können. Politische Bildung müsse einen höheren Stellenwert bekommen und in den Schulen viel früher als bisher thematisiert werden. "Lehrer müssen den Schülern klarmachen, dass es Regeln gibt, die auch einzuhalten sind", fordert Königsberg von der Jüdischen Gemeinde. "Und sie müssen sich hinter die Opfer stellen."

Heiko Maas twittert los

Dies tun auch Politiker. "Wenn ein Kind antisemitisch bedroht wird, ist das beschämend und unerträglich", twitterte Außenminister Heiko Maas (SPD). "Jeder Form von Antisemitismus müssen wir uns entschieden entgegen stellen." Berlins Regierungschef Michael Müller (SPD) sprach von einem "furchtbaren und besorgniserregenden" Vorfall. Klar sein müsse: "Stopp, das akzeptieren wir als Gesellschaft nicht."

Große Worte – denen bislang aber offenbar wenige Taten folgten. Auch Eltern in der "Bild" schilderten, wie Probleme von Schulen bagatellisiert wurden – oder wie ein Schulleiter den Eltern eines gemobbten Mädchens riet, das Mädchen könne sich ja ein Kopftuch überziehen.

Eher pessimistisch, dass Deutschland das Problem des Antisemitismus auf dem Schulhof in den Griff bekommt, zeigt sich auch der Deutschland- Direktor der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, Wenzel Michalski. "Wenn es um Judenhass geht, sind sich Rechte, Linke, Bürger der Mitte, Moslemverbände, Schulen, Parteien, Elternvertreter einig: Kopf in den Sand und verharmlosen", twitterte er am Montag. Michalskis Sohn war im Vorjahr an einer Schule in Berlin-Friedenau als Jude gemobbt worden.

Zentralrat der Muslime will Imame in Schulklassen schicken

Der Zentralrat der Muslime schlug am Dienstagnachmittag vor, Imame in Schulklassen schicken. "Wir stellen zunächst konkret zehn Imame bereit, die vorzugsweise mit Rabbinern in die Klassen gehen und für Dialog, Aufklärung und gegenseitige Achtung aus ihrem religiösen Selbstverständnis werben", sagte der Zentralratsvorsitzende Aiman Mazyek. Er würde sich freuen, wenn die jüdischen Gemeinden mitmachen.

anb / DPA / AFP