HOME

Berlin³: Rennen um Parteivorsitz: Ein Mann gegen den Irrsinn: Warum die Röttgen-Kandidatur dem Land und der CDU guttut

Norbert Röttgen als CDU-Chef und vielleicht sogar als Kanzler? Die Kandidatur des Außenpolitikers ist ein Wagnis. Vor allem aber eine Bereicherung, analysiert stern-Hauptstadtreporter Tilman Gerwien.

Norbert Röttgen

Um 11.45 Uhr ist Norbert Röttgen am dunkelsten Punkt seiner Biografie angekommen. Er sagt: "Auch eine Niederlage erlebt, erlitten zu haben und wieder auferstanden zu sein, das halte ich in meiner politischen Vita für etwas Wichtiges und auch Bedeutendes."

Ein Mann mit Wunden, ein Mann mit Brüchen und Verletzungen, aber eben auch: ein politischer Kopf. Graue Haare, lila Krawatte, Durchblicker-Brille, energisch vorgerecktes Kinn. 

Norbert Röttgen und die ganz großen Begriffe

Was will der Mann hier eigentlich? Klar, kein Hinterbänkler sitzt jetzt vor den versammelten Hauptstadt-Journalisten, sondern ein höchst respektabler Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, aber: Eigentlich doch einer, dessen Karriere eher schon im Spätzyklus angekommen war. Und jetzt sitzt da dieser Norbert Röttgen und schiebt große Begriffe durch den Saal: "historische Alternative", "Krisendekade", "grundstürzende Veränderungen unserer Zeit". 

Norbert Röttgen, früher mal Bundesumweltminister, dann eines der vielen Opfer Angela Merkels, die ihn persönlich aus dem Kabinett schmiss, nachdem er in Nordrhein-Westfalen eine Landtagswahl verlor, dieser Norbert Röttgen sagt: Ja, ich will. Ich will Vorsitzender der CDU werden. Vorsitzender der Partei von Helmut Kohl und Konrad Adenauer. 

Und das ändert einiges.

Es liegt ja kein guter Geist über dieser ganzen verkniffen-verkrampften Suche nach dem neuen Parteivorsitzenden. Kandidaten, die sich nicht offen erklären, geheime Zweier-Gespräche im Adenauer-Haus mit einer Noch-Vorsitzenden, die den Prozess "von vorne führen" will, aber so schwer angeschlagen ist, dass ihr das Geschehen mehr und mehr entgleitet, dazu noch surreal anmutende Zeitpläne, nach denen der oder die "Neue" allen Ernstes erst Ende des Jahres feststehen soll. 

CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen

CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen

DPA

Dass jetzt alle, die eigentlich Chef sein wollen, von einer "Teamlösung" reden, ist so erkennbar verlogen, dass Röttgen sich eine Spitze nicht verkneifen kann: Ziel sei offenbar ein Interessenausgleich zwischen Friedrich Merz, Jens Spahn und Armin Laschet, der Kuchen solle also aufgeteilt werden, damit alles satt und zufrieden sind, wie im Kindergarten, oder wie Röttgen es vornehmer formuliert: "Damit es keinen Ärger gibt und alles ruhig bleibt."

AKK-Nachfolge: Merz weicht Frage nach CDU-Vorsitz aus

Röttgen will nicht, dass alles ruhig bleibt. Er ist der erste und einzige, der seine Kandidatur klar und offen erklärt und nicht auf Hinterzimmer-Manöver und versteckte Fouls in Interviews setzt. Das ist aller Ehren wert.

Aber wäre er auch der Richtige?

Dass er einst die Spitzenkandidatur in NRW nur unter der Bedingung wagen wollte, dass er im Falle des Scheiterns ins weich gepolsterte Ministeramt in Berlin zurückkehren könnte, hat ihm viel Spott eingetragen und am Ende das Genick gebrochen. 

Kampf um die erste Reihe in der CDU

Jetzt ist er wieder da, im Kampf um die erste, die allererste Reihe. Wer CDU-Parteichef wird, traut sich auch das Kanzleramt zu. Und man muss diesem jetzt wieder Auferstandenen eines lassen: Er kämpft nicht nur mit offenem Visier, er ist auch der erste, der wirklich über Politik redet und nicht nur über seine eigenen Ambitionen. Die CDU ist ausgehungert, ausgehungert nach Sinnstiftung, politischer Debatte, nach neuen kreativen Antworten. Sie ist längst nicht mehr die geräuschlose, gut geölte Machtmaschine von einst. Dafür hat der Triumphzug der AfD gesorgt, auch die desaströsen Wahlergebnisse der späten Merkel-Ära – beides traumatische Erfahrungen für die große, stolze Volkspartei. Röttgen nennt seine CDU jetzt fast zärtlich: "Die große Partei mit den großen Aufgaben."

Wohltuend hebt er sich ab von der technokratischen Sprache exekutierter Alternativlosigkeit, diesem ganzen, elenden und ewigen "Müssen, müssen, müssen" der späten Merkel-Jahre. Er spricht von der "strategischen Positionierung der CDU", von einer "christlich-demokratischen Idee für die Zukunft unseres Landes". Er diagnostiziert einen "massiven Vertrauensbruch" zu den Menschen in der Mitte der Gesellschaft, er warnt davor, der Union könne, wenn sie die ökologische Ideenführerschaft beim Klima-Thema nicht zurückgewinne, "eine ganze Generation" verlorengehen. "Die Fenster öffnen in der CDU, dass Politik wieder einzieht", das ist seine Ansage. Und es ist richtig, dass er auch sagt, dass der üble, braune Geruch der AfD in diese Fenster der CDU nicht einziehen soll. "Offen sein, vernünftig sein, nicht ausgrenzend, europäisch sein, transatlantisch sein" – das ist die Abgrenzung gegen alle Populismen von links wie rechts, ohne die eine CDU, die sich repolitisiert, Gefahr läuft, sich im Irrsinn zu verlieren.

Kanzler? Röttgen legt Wert darauf, für den Fall der Wahl als Parteichef das "Recht des ersten Zugriffs" auf die Kanzlerkandidatur zu haben. Er will, das ist klar. Ob er es auch gut kann? Ungewiss. Sein unausgesprochenes Motto lautet: "Wir wollen in der CDU endlich wieder mehr Politik wagen."

Und das ist erst mal richtig gut so. 

Vielleicht hat man ihn unterschätzt. Auf alle Fälle ist seine Kandidatur, so viel steht schon fest: eine große Bereicherung.  

wue