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Berlin-Kreuzberg: Eldorado der Pädophilen

Die Grünen wollen ihre Vergangenheit aufklären, in ihrem Ur-Milieu in Kreuzberg könnten sie anfangen. Dort kamen sich Partei und Pädophile so nahe wie wohl nirgends sonst – nicht nur Anfang der 80er.

Von Wigbert Löer, Berlin

Am 22. Mai 2000 berichtete eine Sozialarbeiterin aus Berlin-Kreuzberg im Bundesfamilienministerium über ihren Bezirk. Sie formulierte sachlich. "Besonders im Bereich autonomer Wohnformen wurde Mitte der 90er Jahre die sexuelle Gewalt an Trebegängern und der sexuelle Missbrauch von Kindern durch Pädophile thematisiert."

Die Zuhörer waren vom Fach, viele arbeiteten im Kinder- und Jugendschutz, doch das hatten die wenigsten geahnt: Kreuzberg, ausgerechnet Kreuzberg.

Berlins bekanntester Stadtteil glich einem gesellschaftlichen Labor. Mit viel Idealismus machten Menschen hier ein graues Stück Großstadt bunt. Sie wollten von und mit ihren Gegensätzen leben. Kreuzberg, das war der Wille, selbst zu gestalten, der Versuch eines großen sozialen Miteinanders. Vieles gelang.

P wie Pädophile

"A&P-Bezirk" nannte der Stadtteil sich damals. A&P, attraktiv und preiswert, so hieß eine Produktreihe der Supermarktkette Kaiser's. In Kreuzberg stand das A für Arbeiter, Arme, Alleinerziehende, Alternative, Autonome, Ausländer, arbeitslose Akademiker und Alkoholiker, das P für Pädagogen, Psychologen, Planer, Polizisten. Und für Pädophile.

Pädophile hatten Kreuzberg schon Ende der 70er Jahre für sich entdeckt. Hier traten sie offener auf als anderswo. Hier stellten sie politische Forderungen. Und hier stießen sie auf Verständnis.

Seit Monaten wird in Deutschland debattiert, wie sich Pädophile Zugang zu Parteien und Verbänden verschafften. Spitzenpolitiker der Grünen bekennen sich zur Aufarbeitung, beauftragten Wissenschaftler, wollen zudem eine Zeitzeugen- und Expertenrunde bilden. In Nordrhein-Westfalen sind bereits interne Recherchen bis in die grünen Kreisverbände angekündigt. "Wir wollen unseren Teil der Hausaufgaben übernehmen", sagt Parteichef Cem Özdemir.

Das Ur-Milieu der Grünen

Aus Kreuzberg hört man nichts, dabei zeigen stern-Recherchen, dass Grüne und Pädophile sich hier über Jahre ziemlich nah kamen. Der Stadtteil war das Ur-Milieu der Partei. Sie kannte die Hausbesetzer genauso wie die Beamten der Bezirksverwaltung. Bei Wahlen räumte sie ab. Bis heute schickt Kreuzberg einen Grünen in den Bundestag.

Ein Tag im Oktober, Herbstsonne, die Sozialarbeiterin, die damals referierte, geht an hübschen Kreuzberger Altbaufassaden vorbei. "Früher war das alles düsterer", sagt Frauke Homann. Sie lebt inzwischen einen Stadtteil weiter, doch ihre Liebe zu Kreuzberg blieb. "Hier, ein Wohnprojekt für Aids-Kranke, das erste in Deutschland. Und dort drüben kommen seit Jahren illegale Flüchtlinge unter." Es war die Solidarität, die das linke Lebensgefühl in Kreuzberg ausmachte.

Doch Frauke Homann besuchte auch die Hinterhäuser. Dort, in heruntergekommenen Wohnungen, lebten die Opfer.

Sexueller Missbrauch im Kinderkeller

In der Falckensteinstraße, ein paar Meter vor der Berliner Mauer, hatten Pädophile 1986 den "Nachbarschaftskeller für Schlüsselkinder" eröffnet. In dem Raum im Souterrain stand ein Flipper, hinter einem Vorhang ein Sofa.

Die missbrauchten Kinder aus dem Falckensteinkeller zählten zu den ersten Fällen, um die Frauke Homann sich kümmerte. Einer der Täter hieß Fred K., er wurde später noch mehrfach wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt. K. war aktives Grünen-Mitglied. Er fotografierte und schrieb für die Partei und saß zeitweise im einflussreichen Landesausschuss der Grünen. Noch im Dezember 1994 durfte er im Magazin der Landespartei behaupten, Kinder erlitten durch "einvernehmlichen" Sex mit Erwachsenen "keinen psychischen Schaden". Da war K. bereits wieder angeklagt.

Schräg gegenüber dem Keller, im Stadtteilzentrum "Ship", suchten Pädophile nachmittags den Kontakt zu Kindern der Unterschicht. Die Männer boten den Kindern an, dass sie zum Duschen kommen dürften. Sie lockten auch mit Geld und Spielzeug. "Einmal fuhr ich mit drei Jungs zum Gericht, sie sollten aussagen", erzählt Frauke Homann. "Als wir zufällig an der Wohnung des Angeklagten vorbeikamen, sagte einer: 'Ach, da oben steht jetzt noch meine Eisenbahn.' 'Wieso deine, die gehört mir', sagte der zweite. Der Dritte sagte, die sei doch extra für ihn angeschafft worden."

"Kinderschänder raus"-Parolen

Ein paar Meter vom Ship entfernt liegt das "Kerngehäuse", ein alternatives Wohn- und Arbeitsprojekt. Die Männer vom Kerngehäuse zeigten, dass nicht alle in der linken Szene das Treiben der Pädophilen verharmlosten. Als sie erfuhren, dass direkt neben ihrem Quartier Pädophile aus dem ganzen Bundesgebiet gemeldet waren, zogen sie nachts los und sprayten den Nachbarn Parolen wie "Kinderschänder raus aus dem Kiez" an die Wand. Enttarnung der Täter nannten sie das.

Die Pädophilen und ihre Unterstützer behaupteten stets, dass gewaltfreier Sex unproblematisch sei und erst die juristische Aufarbeitung solcher Fälle die Kinder belaste. Genau so argumentierten auch Berliner Grüne, etwa Stefan Etgeton, der 1990 als Assistent der Fraktion im Abgeordnetenhaus arbeitete. Etgeton stritt ab, dass Pädophile sexuellen Missbrauch an Kindern begingen. Im Magazin der Berliner Grünen forderte er einen Tabubruch: "Eine sachgerechte Auseinandersetzung über pädosexuelles Verlangen sowohl der Pädos als auch der sogenannten Normalen ist überhaupt nur zu leisten, wenn das Tabu gebrochen und die legitime Möglichkeit solchen Verlangens zugestanden ist."

Im Rückblick sagt Etgeton, er habe damals das Machtgefälle unterschätzt, das sich aus dem Altersunterschied ergebe. "Heute werden solche Beziehungen zu Recht kritischer gesehen."

"Titus" und "Balu"

Solche Einschätzungen halfen damals Männern wie Stefan H., ihr Tun zu rechtfertigen. H. hatte mit Pädophilen in der Indianer-Kommune in Nürnberg gelebt, war dann nach Kreuzberg auf den Kinderbauernhof am Mauerplatz gekommen. Dort erinnert man sich noch an ihn. "Stefan war ein lustiger Typ, keineswegs unsympathisch. Aber er rannte andauernd nackt zwischen den ganzen Kindern umher, die zu uns kamen", sagt Heike, die den Bauernhof mitgegründet hat. "Wir mussten ihm sagen: Hör' auf damit, das geht nicht!"

H. bot sich dann alleinerziehenden Müttern als Babysitter an. 1987 verprügelte ihn die sogenannte Kiezmiliz, weil er sich weigerte, seine Kontakte zu Kindern abzubrechen.

Später zog er in die Reichenberger Straße 115a. Die Außenfassade ist heute gestrichen, das fünfstöckige Hinterhaus verrottet. In einer der Wohnungen betrieb H. mit Gleichgesinnten das "Kinder- und Jugend-Info-Telefon". Sie boten den Kindern Essen und Getränke und Aufmerksamkeit. Sie fotografierten sie nackt auf Diafilm. Sie missbrauchten sie. Stefan H. ließ sich "Titus" nennen, sein Komplize Michael "Balu", doch ihre echten Namen kamen heraus. Titus und Balu wurden 1994 verurteilt.

Vor Gericht applaudierten die Kumpels

In H.s Strafprozess zeigte sich, wie offensiv Kreuzberger Pädophile ihre Interessen verfochten. Vor dem Gericht verteilten sie Flugblätter und forderten Straffreiheit für den Angeklagten. Den Verhandlungssaal betraten sie in T-Shirts mit der Aufschrift "AG Pädo". Äußerte sich H., applaudierten ihm seine Freunde von der Zuschauerbank aus.

Stefan H. ließ sich von Felicitas Selig verteidigen, wie manch anderer Mann, der in Berlin wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger angeklagt war. Die Rechtsanwältin setzte sich mit Verve für ihre Mandanten ein. Mal zweifelte sie die Glaubwürdigkeit der missbrauchten Kinder als Zeugen an. Mal klagte sie dem Richter das Leid ihres Mandanten in der Untersuchungshaft.

In der Pädophilenszene genoss Felicitas Selig einen hervorragenden Ruf. Sie wurde sogar offiziell empfohlen, von der "Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität", in der sich Pädophile aus ganz Deutschland sammelten. 2011 verteidigte die Anwältin einen Berliner Walldorf-Lehrer, der zwei Jungen zum Oralsex genötigt hatte. Ein Gespräch über die Pädophilenprozesse in den 80er und 90er Jahren lehnt Felicitas Selig ab.

Pädophile auf der Liste der Grünen

Über die Gerichtsverfahren berichtete damals ausführlich der "Stachel", das Blatt der Kreuzberger Grünen. Im Stachel war auch vom großen Pädophilen-Kongress im Café Graefe 1992 zu lesen und vom Kreuzberger Kinderschutzteam, das sexuellem Missbrauch in Schulen und Kinderläden vorbeugte und der Polizei half, Taten aufzuklären.

Der Missbrauch von Kindern beschäftige die Grünen – nicht zuletzt auch aus Eigeninteresse: Zwischen der Partei und den Pädophilen bestanden personelle Überschneidungen.

Es war die Frauengruppe der Kreuzberger Grünen, die sich deshalb auf innerparteiliche Aufklärungstour begab. Willkommen waren die Frauen selten. "Wenn wir unseren Leuten erklärten, dass es Einvernehmlichkeit beim Sex zwischen Erwachsenen und Kindern nicht gebe, galten wir oft als Spaßbremse und als prüde", erinnert sich Dagmar Riedel-Breidenstein, die damals dabei war.

Doch die Frauen erreichten, dass die Mitgliederkartei der Partei in Kreuzberg durchgeschaut wurde. "Darin fanden sich dann etliche bekannte Pädophile. Wir wollten, dass die rausgeworfen werden", sagt Riedel-Breitenstein. Dazu kam es nicht. Irgendwann aber waren alle Pädophilen ausgetreten. "Sonst", sagt Dagmar Riedel-Breidenstein, "wäre ich auch nicht mehr Mitglied dieser Partei."

1994 trat die Frauengruppe auch vor die Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Das Ziel: Die eigene Partei sollte endlich verstehen, dass es beim Thema Pädophile um sexuellen Missbrauch ging und nicht um freie Liebe. Im Schwulenbereich der Partei beharrte man aber auch danach noch darauf, dass es einvernehmlichen Sex zwischen Kindern und Erwachsenen gebe.