Berlin vertraulich! "Ein uneheliches Kind? Drei!"


Das war die Woche der Politik ober- und unterhalb der Gürtellinie. In der Hauptstadt ein Dauerprogramm. Tagtäglich stoiberte es, unmöglich, den Themen CSU, Wer-wird-jetzt-was und dem Bettgeflüster um Horst Seehofer zu entrinnen.
Von Hans Peter Schütz

Die FDP-Führung erörterte den Parteitag im Juni, wo sich Guido Westerwelle der Neuwahl stellt. Meldete sich der Walter Scheel und fragte den FDP-Chef: "Hat sich bei Ihnen schon jemand gemeldet, der nicht gegen Sie kandidieren will." Selten so gelacht, die Liberalen.

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Vizekanzler Franz Müntefering stellte ein Buch mit Merkel-Karikaturen des Karikaturisten Jürgen Tomicek vor. Eine Zeichnung zeigte Edmund Stoiber mit mächtigem Löwenkopf. "Das ist überholt, Herr Tomicek," nörgelt "Münte". "Da sind Sie einem großen historischen Irrtum aufgesessen." Selten so gelacht, der Vizekanzler. Ob der sich noch daran erinnert, dass er selbst mal gesagt hat: "Edmund Stoiber ist seit heute Vorsitzender der CDSU. Angela Merkel wird Abteilungsleiterin der CDU."

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Wirtschaftsminister Michel Glos tauchte bei einem Pressefest auf und erklärte laut: "Die Dame an meiner Seite ist meine Frau." Keiner hat gelacht.

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Verleihung des Medienpreises der Bundestags an den Journalisten Robert Birnbaum vom Berliner "Tagesspiegel". Während Bundestagspräsident Norbert Lammert die Laudatio hielt, drängelte sich ein hoher Bundestagsbeamter aus der Personalabteilung durch die Reihen und flüsterte jedem zu: "Schon gehört, Seehofer kriegt ein fröhliches Kind." Jetzt weiß jeder, wie die Dame heißt und für wen sie im Bundestag arbeitet. Damit war auch Laurenz Mayer wieder mal im tuschelnden Gespräch.

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Hintergrundgespräch mit Florian Pronold, dem Chef der bayerischen SPD-Abgeordneten im Bundestag. Die derbe Analyse des Chefs der bayerischen SPD-Abgeordneten in Berlin: "Jene, vor denen bis vor kurzem keine Körperöffnung Stoiber sicher war, greifen jetzt zum Messer." Sein Kommentar zur Seehofer-Affäre: "Wenn BILD über jede Affäre eines CSU-Politikers berichten würde, dann müsste das Blatt als Buch erscheinen." Dass Geschichten unter der Gürtellinie CSU-Wähler in Niederbayern abschrecken, glaubt er aber nicht. In Stephansposching zum Beispiel sei Jochen Richter zum Bürgermeister gewählt worden - und der sei Sozi, Lehrer und zum dritten Mal verheiratet.

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Traditionelles Frühstück mit Peter Ramsauer, dem Chef der CSU-Lan desgruppe. Er sagte: "In Kreuth ist die Handlungsfähigkeit der CSU bewiesen worden." Brüllendes Gelächter. Sagte: "Kreuth war keine Niederlage Stoibers." Brüllendes Gelächter. Frage an Ramsauer: Stehe er noch, wie vor kurzem erklärt, "vor, hinter, und neben Stoiber." Antwort: "Es gibt im politischen Prozess die Dualität der Wahrheiten." Was das heiße? "Ich lasse die Antwort im Raume stehen." Armer Ramsauer. Die Wahrheit war, dass Edmund Stoiber zu der Stunde schon weg war, nur Ramsauer wusste es noch nicht.

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Im Bundestags kursierte die Geschichte des ehemaligen CSU-Abgeordneten Franz Xaver Unertel, bis 1970 im Bundestag. Als der hörte, die Münchner Abendzeitung werde berichten, dass er ein uneheliches Kind gezeugt habe, stürmte er in die Redaktion. "Falschmeldung", schrie er, "was soll der Unsinn mit einem unehelichen Kind? Nicht eins! Drei!" Zugegeben, der Unertl hatte es leichter als der Seehofer heute. Er wollte nie CSU-Vorsitzender werden.

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Genau das aber will Horst Seehofer. Doch seine Chancen sind gering weil die CSU-Landesgruppe nicht hinter ihm steht. Er sei ein Opportunist, sagen dort viele, der vor der Bundestagswahl im Streit um die Gesundheitspolitik den Posten eines stellvertretenden Vorsitzenden der Unionsfraktion hingeworfen habe wie einen schmutzigen Lappen. Dem hat sich nun auch Ramsauer gebeugt, der zunächst für Seehofer als CSU-Chef plädiert hatte. In München wollen sie Seehofer nicht, in Berlin nicht mehr - da hat er schlechte Karten.


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