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Berlin vertraulich! Deutsch lernen, ihr Briten!

Volker Kauder, der auf dem CDU-Parteitag sagte, Europa spreche Deutsch, steckte dafür giftige Schlagzeilen ein - sowohl in Großbritannien als auch hierzulande. Zu Unrecht.
Von Hans Peter Schütz

Dem CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder widerfährt derzeit bedauernswertes Unrecht. Die Leitartikler großer Zeitungen beschuldigen ihn klugscheißerisch, man kann es nicht anders sagen, er spreche "Kauderwelsch." Wie das? Kauderwelsch ist bekanntlich eine verworrene, unverständliche Sprechweise. Kauderwelsch hört man oft aus Kodderschnauzen.

Bei Volker Kauder ist jedoch genau das Gegenteil der Fall. Weil die Briten die von den Deutschen geforderte Finanztransaktionssteuer auf spekulative Finanzgeschäfte blockieren, mit denen sie viele Milliarden verdienen, hat Kauder auf dem CDU-Parteitag gesagt: "Jetzt auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen." Und Kanzlerin Merkel nickte begeistert über Kauders glasklares Kauderwelsch. Die britischen Zeitungen empörten sich jedoch darüber, als ob der CDU-Mann zur Besetzung der britischen Inseln aufgerufen hätte. Er habe, so die "Süddeutsche", die Briten mit seinem Stammtisch-Gerede vor den Kopf gestoßen.

Doch davon kann bei der angeblichen Kodderschnauze Kauder keine Rede sein. Es gehe nicht, sagte der Unionsfraktionschef, "nur den eigenen Vorteil suchen zu wollen und nicht bereit sein, sich auch einzubringen". Exakt dies machen die Briten. Und dann kam der Satz Kauders, über den sich die Briten so dramatisch aufregen: "Jetzt auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen." Was in Sachen Euro-Rettung ja absolut stimmt. Wer rettet denn außer den Deutschen? Einer musste daher Richtung London auch mal Klartext reden! Im Übrigen haben die Briten bei dieser Gelegenheit die eigene Sprache besser kennen gelernt. Zum Beispiel das Wörtchen "to kauder", das der Historiker Timothy Garton Ash mit "Populismus verbreiten" übersetzte.

Fazit: Kauder hat als furor teutonicus nicht nur eine politische Wahrheit in unmissverständlichem Deutsch ausgesprochen, sondern auch noch die englische Sprache bereichert.

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Möglich gemacht hat Kauders Auftritt seine Frau Elisabeth. Eigentlich hätte ihr Angetrauter Volker wegen Halsschmerzen gar nicht auf dem CDU-Parteitag antreten und reden sollen. Dann hätte der Parteitagspräsident, Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich, nach Kauders Rede auch nicht jubeln können: "Du bist der richtige Mann an der Seite der Kanzlerin!"

Elisabeth Kauder ist die Tochter des langjährigen, ehemaligen Konstanzer CDU-Bundestagsabgeordneten Hermann Biechele, sowie eine überaus erfolgreiche Ärztin, spezialisiert auf Herzprobleme. Im Fall ihres Volkers in Leipzig ging es indes nur um seinen schwer entzündeten Hals, der ihn eigentlich sprechunfähig machte. Also verordnete sie ihm für den Tag seiner Rede Lutschtabletten und ein Schmerzmittel. Aber vor allem riet sie ihm, dem Parteitagsabend in Leipzig fern zu bleiben. "Geh früh heim", befahl sie Kauder, "denn auch mal für längere Zeit den Schnabel zu halten, das schaffst du doch nicht." Gesagt, getan, Kauder schonte seine Stimme und sprach am nächsten Tag so dynamisch, dass er den stärksten Beifall erhielt. Und die Kanzlerin erhob sich, schritt zu seinem Tisch und gratulierte ihm. Anderen Spitzenpolitikern wurde die Ehre nicht zuteil. Frau Kauder sei Dank.

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Überhaupt: die Kauders in Leipzig. Siegfried Kauder, CDU-Abgeordneter aus dem baden-württembergischen Wahlkreis Villingen/Schwenningen, Volkers Bruder und dessen politischer CDU-Mitstreiter seit Jahrzehnten, kämpfte in Leipzig bravourös gegen Gutscheine und für die Bargeld-Auszahlung der geplanten "Herdprämie" für Mütter, die ihre Kleinkinder zuhause erziehen und nicht in die Krippe schicken. Sein Argument, mit dem er die Interessen der schwäbisch-alemannischen Hausfrauen verteidigte: "Die Frauen im Schwarzwald-Baar-Kreis können mit Geld umgehen und brauchen keine Gutscheine." Hans-Joachim Fuchtel, CDU-Abgeordneter aus dem Wahlkreis Calw-Freudenstadt, der da heftig klatschte, antwortete auf die Frage von stern.de, ob er das den Frauen in seinem Wahlkreis auch zutraue: "Und ob. Im Lieblingskochbuch, das sie lesen, beginnt das Rezept fürs Spätzlemachen mit dem Satz: Wenn du Spätzle machen willst, dann leihe dir zwei Eier..."


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