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Berlin vertraulich! Kubicki hat Arsch in der Hose


FDP-Mann Kubicki hat ein sensationelles Interview gegeben - und sagt stern.de warum. Außerdem in "Berlin vertraulich!": Weshalb Ex-Außenminister Kinkel seine Frau auf Reisen mitnahm und welchen Witz sich Sozialdemokraten über ihren Gesundheitsexperten Lauterbach erzählen.
Von Hans Peter Schütz

Mediales Großereignis der Berliner Politszene war vergangene Woche ein im Wochenmagazin "Zeit" veröffentlichtes Gespräch mit dem FDP-Politiker Wolfgang Kubicki, Fraktionschef im Kieler Landtag. "Hauen bis die Schwarte kracht," so der Titel. Und zugeschlagen hat Kubicki über vier Seiten hinweg.

Das politische Leben in Berlin kommentiert er: "Ich würde dort zum Trinker werden, vielleicht auch zum Hurenbock." Zur Politik sagte er: "Unsere politische Klasse befindet sich in einem elenden Zustand." Das Mehrwertsteuergeschenk der FDP an die Hoteliers nannte er "Quatsch." Guido Westerwelle, als dessen Freund Kubicki nur sehr bedingt gilt, nahm er gegen Kritiker aus der FDP, etwa den stellvertretenden FDP-Chef Andreas Pinkwart, in Schutz: "Wir haben Protagonisten in der Partei, die - weil sie keinen Arsch in der Hose haben - immer behaupten, die anderen seien schuld." Auf seine "Sprachmuster" müsse der Guido allerdings auch besser aufpassen. Auf die CSU will Kubicki draufhauen, "bis die Schwarte kracht." Vor allem CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt müsse attackiert werden: "Feuer frei von jedem. Ich freue mich schon auf jede Sottise." Und über sich selbst sagt Kubicki: "Ich habe einfach keine sympathische Ausstrahlung."

Wann gab es zuletzt ein derart offenes, mit Blick auf Gefühle und Gedanken so schonungsloses Interview mit einem Spitzenpolitiker? Seit Jahrzehnten nicht. Im Normalfall wird der Wortlaut von Gesprächen von Politikern hinterher so lange gestriegelt und gebürstet, bis jedweder Gedanke staatsmännisch einherschreitet. Wahrheiten stecken dann ohnehin meist nicht mehr drin. Zuweilen gibt es nur noch einen Platz: den Papierkorb.

Weshalb verstieß Kubicki auf so anerkennenswerte Weise gegen die übliche Wortbläserei? "Man muss den Bürgern auch einmal ein authentisches Bild der Menschen in der Politik geben", so Kubicki zu stern.de. Sechs Stunden hatte das Interview gedauert. Zu den Reaktionen darauf sagt er: "Meine Seele nimmt keinen Schaden." Was ihn betrübt: "Dass so viele politische Freunde und Gegner darüber reden, ohne das Gespräch gelesen zu haben. Sie reagierten nur auf die Meldungen der Nachrichtenagenturen." Besonders absurd sei die Forderung der schleswig-holsteinischen Grünen gewesen, alle Parteien sollten sich von ihm distanzieren. Der ehemaligen* Kieler CDU-Oberbürgermeisterin Angelika Volquartz habe er geraten, doch nicht auf Kurzmeldungen zu reagieren, sondern auf den originalen Text. "Danach hat sie mir gesagt, ich habe bis zur letzten Zeile gelesen, ich konnte nicht vorher aufhören." Die Frage sei doch, so Kubicki: "Wie lange halten Politiker im medialen Trommelfeuer durch?" Ein Guido Westerwelle gehöre auch zu den sehr sensiblen Menschen.

Kubicki, selbst kein Feind scharfer Worte, rät, zuweilen sei auch "Beißhemmung" angebracht. Er selbst empfindet sie derzeit gegenüber dem schleswig-holsteinischen SPD-Chef Ralf Stegner, gegen den wegen Betrugsverdacht ermittelt wird. Stegner soll seine Entschädigung als Aufsichtsrat der HSH Nordbank nicht mit dem Land abgerechnet haben. Angesichts der Vorwürfe hält sich Kubicki mit Kritik am SPD-Mann lieber zurück: "Ich bin schließlich auch schon einmal abgestürzt."

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Diese Woche widerfährt CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder bemerkenswerte Ehre: Er wird vom Deutschen Brauer-Bund zum "Botschafter des Bieres" ernannt. Eine hohe Auszeichnung, auch Horst Seehofer, CSU, und Frank Walter Steinmeier, SPD, waren das schon. Kauder ist jedoch der erste, der den Orden ohne Staatsamt im Rücken bekommt. Er habe nachweislich den Export von Weißbier gefördert, sagen die Bierbrauer. Die Ehrung spielte jetzt auch in der Haushaltsdebatte des Bundestags eine Rolle. Nach Kauders aggressiver Rede schimpfte der SPD-Mann Bernd Scheelen: "Es ist eben klar geworden, warum Sie diesen Titel verdient haben, Herr Kauder." Dann fügte Scheelen hinzu: "Das deutsche Bier unterliegt dem Reinheitsgebot. Ich fände es besser, wenn Sie auch ihre Reden vorher einem Reinheitsgebot unterziehen würden." Das Plenum lachte, sehr erheitert.

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Es fällt auf, dass die beiden Ex-Außenminister der FDP, Hans-Dietrich Genscher und Klaus Kinkel, sich in der Diskussion über die Amtsführung von Guido Westerwelle komplett bedeckt halten. Kein Kommentar ist darüber zu hören, wie ihr Nachfolger die Gunst der Mitreise auf seinen Auslandsreisen verteilt. Aus Genschers Umgebung ist zu hören, dass er die Mitnahme von Westerwelles Lebenspartner Michael Mronz nach China nicht sehr diplomatisch fand. Denn dort ist Homosexualität erst vor kurzem von der Liste der Geisteskrankheiten gestrichen worden. Von Klaus Kinkel konnte man früher erfahren, dass er in der Außenpolitik die Pflege persönlicher Beziehungen für sehr wichtig halte. Deshalb bat er seine Frau weit häufiger, als die es selbst gut fand, nämlich rund 25 Mal, ihn auf Auslandsreisen zu begleiten. Auch nach Moskau musste sie einmal mit. Danach, so erzählte Kinkel, hätten die späteren Treffen mit dem russischen Außenminister Jewgeni Primakov stets wie folgt begonnen: Kinkel sagte als erstes, wenn er in Moskau die Treppe vom Flugzeug hinunter kam: "Wie geht es Irina?" Und Primakow antwortete: "Und was macht Uschi?" Kinkel meint: "Die familiäre Kiste hat immer sehr geholfen." Und zwar nicht nur der Diplomatie, sondern auch Kinkel persönlich: Weil er absolut farbenblind ist, bewahrte ihn Uschi oft davor, sich auf seinen Reisen mit absolut unpassenden Krawatten aufzutreten.

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Hannelore Kraft, SPD-Spitzenkandidatin bei der Landtagswahl in NRW, weilte jetzt in Berlin, um dort ihr noch mattes bundespolitisches Profil zu schärfen. Journalisten erzählte sie, dass sie ein besonders enger Draht mit Dr. Dr. Karl Lauterbach verbinde, bekanntlich gesundheitspolitischer Sprecher und Besserwisser der SPD. Daraufhin erzählte ein Journalist der Genossin den Lieblingswitz, den der Ex-Fraktionsboss der SPD, Peter Struck, gerne zum Besten gab. Ein achtjähriger Bub geht über die Straße. Lauterbach beobachtet ihn dabei und fragt dann: "Wie alt bist du?". Antwortet der Bub: "Acht Jahre." Sagt Lauterbach: "In deinem Alter war ich schon zehn." Der Genossin Kraft kamen die Tränen, vor Lachen, über die präzise Definition von Lauterbachs Politikstils.

*Frau Volquartz ist nicht mehr Kieler Oberbürgermeisterin. Danke an User Maeus, der uns auf die ursprünglich fehlerhafte Formulierung aufmerksam gemacht hat, Red.


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