Berlin vertraulich! Warum Röttgen der bessere Glos wäre


Was macht eigentlich Michael Glos? Das miserable Auftreten des Bundeswirtschaftsministers in der Finanzkrise stößt mittlerweile auch in Unionsreihen auf deutliche Kritik. Dabei hätte die Union gleich zwei potenzielle Nachfolger. Aber nicht nur Glos läuft bei der Union derzeit aus dem Ruder.
Von Hans Peter Schütz

Niemand glaubt in der Polit-Szene Berlins, dass sich Michael Glos noch einmal von dem Ansehensverlust erholen wird, den er sich in den Tagen des dramatischen Ringens um ein Rettungspaket für das zusammengebrochene Finanzsystems zugezogen hat. Der CSU-Politiker fand einfach nicht statt. Nichts zu hören von ihm, nichts zu sehen. Und wenn er mal auftrat, kam der als einziger Minister auch noch zu spät.

Zwar versuchte sein Parteifreund Peter Ramsauer verzweifelt, eine aktive Beteiligung von Glos an den Krisengesprächen zu konstruieren. Er habe, so Ramsauer tapfer in grinsende Gesichter seiner Zuhörer, oft mit Glos telefoniert. Aber im Bundestag haben auch viele Unions-Abgeordnete mit dem Kopf genickt, als Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn den Wirtschaftsminister als Mann bezeichnete, der durch die Finanzmarktkrise wie eine wandelnde "Schlaftablette auf zwei Beinen" stolpere. Nicht auszudenken murmeln viele sogar in der CSU, wenn Glos anstelle von Peer Steinbrück zuständig gewesen wäre.

Eines entschuldigt allerdings Glos. Nie hatte er auch nur eine Sekunde daran gedacht, Bundeswirtschaftsminister werden zu wollen. Den Posten hat ihm Edmund Stoiber aufgedrängt, nachdem der keinen Bock mehr auf Berlin hatte. Die eigene Frau hat Glos damals gefragt: "Weshalb tust du dir das an?" Wenn eine Kabinettsumbildung Sinn mache, sagen viele in der Union, da doch schon der Bauernminister Seehofer ersetzt werden muss, dann müsse unbedingt auch der Wirtschaftsminister ausgewechselt werden. Mit Glos könne man sich doch im Wahlkampf nirgendwo sehen lassen. Was alle irritiert: Es ist nicht mehr so, dass Merkel nach dem Abgang von Friedrich Merz keinen qualifizierten Mann mehr hätte für den Job des Wirtschaftsministers.

Denkbar wäre Roland Koch, wenn der in Hessen abgewählt wird. Aber er brächte den Makel des Verlierers in ihr Kabinett. Als rundum ministeriabel hat sich allerdings inzwischen Norbert Röttgen erwiesen. Der Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion hielt zum Beispiel die beste Rede, als im Bundestag über die Regierungserklärung der Kanzlerin debattiert wurde. Ihm fielen alle Argumente ein, die Glos so nicht einmal hätte vortragen können, wenn man sie ihm aufgeschrieben hätte.

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Wie schwach sie wirtschaftspolitisch aufgestellt ist, wird der Union demnächst einmal vorgeführt werden. In Maybritt Illners Talkshow treten demnächst Oskar Lafontaine und Friedrich Merz in einem ausschließlich auf sie begrenzten Duell gegeneinander an. Wer in der CDU/CSU außer Merz könnte das wagen? Lafontaine hat sich in der Bundestagsdebatte, in der Glos kein Wort sagen durfte, als eindrucksvoller Kenner des Finanzmarktsystems dargestellt. Und Merz hat mit ruhigem Selbstbewusstsein sein Buch "Mehr Kapitalismus wagen" mitten in der laufenden Kapitalismus-Krise vorgestellt.

Nur einmal wurde er erkennbar emotional: Als er gefragt wurde, ob denn seine Duzfeindin Angela ein einziges Mal in den vergangenen Wochen seinen Rat gesucht habe. Da pampte er stinksauer als Antwort: "Ich stelle hier ein Buch vor. Ich nehme keine Stellung zu privaten Kontakten." Locker räumte er allerdings ein, sie habe "die richtige Antwort auf die Krise gegeben." Aber private Kontakte zu Angela Merkel? Dass es die seit langem nicht mehr gibt, weiß jeder in der Union. Marschiert Merz einmal in eine Richtung, bleibt er dabei.

Überlegt wurde bekanntlich vom Verlag, ob der Titel seines Buchs nicht geändert werden solle. Merz lehnte das strikt ab. Ganz anders Sigmar Gabriel. Der Umweltminister stellte dieser Tage sein Buch "Links neu denken" vor. Geschrieben (schreiben lassen?) hat er es unter dem Titel "Politik für die Mitte."

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Noch immer staunt Berlin über den Fehltritt, den sich Angela Merkel im Bundestag geleistet hat, indem sie den Ex-Bundesbankpräsidenten Professor Hans Tietmeyer als Chef einer Beratergruppe im Kampf gegen die Finanzkrise ausgerufen hat. Der verfüge, so die Kanzlerin, "über erhebliche Erfahrungen." In der Tat: Als Aufsichtsrat der Bank Hypo Real Estate, die sich völlig übernommen hat im globalen Geldpoker.

Die grüne Politikerin Renate Künast hat sich bei der Rede Merkels als aufmerksamste Zuhörerin erwiesen. Kaum hatte die Kanzlerin den Namen genannt und von "Erfahrungen" geredet, rief Künast laut: "Ja, ja. Und was für welche." Am meisten dürfte sich Merkel allerdings über sich selbst geärgert haben, weil sie Lafontaine eine wunderbare Vorlage gegeben hat, sie als Amateurin der Finanzwelt vorführen zu können. Ob sie denn nicht wisse, höhnte der Linkspartei-Chef, wie sich Tiemeyer rühme, die Politik unter die Kontrolle der Finanzmärkte gebracht zu haben?

Bei der CDU brauchte man eindeutig länger, um zu begreifen, dass Tietmeyer der völlig falsche Mann war. "Was für eine Schei...," schimpften allerdings dann sogar CDU-Abgeordnete. Und erinnerten sich missgelaunt daran, dass die Kanzlerin der Partei mit dem Steuerprofessor Paul Kirchhof schon einmal eine desaströse Personalie eingebrockt hatte. Merkel hatte weder Finanzminister Peer Steinbrück noch den amtierenden SPD-Chef Frank-Walter Steinmeier vorher informiert. Zwar behauptete später das Kanzleramt, man habe sich "mit dem Finanzministerium abgestimmt." Geglaubt wird das von niemand, denn selbst der CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder war nicht informiert worden.


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