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CDU in NRW wählt Vorsitzenden: Warum es für Röttgen eng wird

Laschet oder Röttgen - wer soll den mächtigen CDU-Verband in NRW führen? Das Resultat des Mitgliederentscheids liegt am Sonntagabend vor. Damit erreicht ein Politdrama seinen vorläufigen Höhepunkt.

Von Lutz Kinkel

Thou shalt be king hereafter", heißt es in Shakespeares "Macbeth" - und besäße Jürgen Rüttgers so etwas wie Talent zur Ironie, könnte er diesen Satz am Sonntagabend zitieren und einem seiner möglichen Nachfolger, Armin Laschet oder Norbert Röttgen, die Hand huldvoll auf die Stirn legen. Ab 17 Uhr werden die Stimmen des Mitgliederentscheids ausgezählt, mehr als 40 Prozent haben ihr Votum schon vorab per Briefwahl bekannt gegeben, und zwischen 20 und 21 Uhr wird der Sieger feststehen. Es ist dann nur noch Formsache, dass er eine Woche später auf einem Parteitag zum Vorsitzenden der nordrhein-westfälischen CDU gewählt wird.

Eine Reminiszenz an Shakespeare wäre auch deshalb so treffend, weil der Kampf um den Vorsitz dramatische Züge hat. Die NRW-CDU ist mit 160.000 Mitgliedern der stärkste Landesverband, der neue Chef wird zugleich Stellvertreter von Angela Merkel im Bundesvorsitz. Zudem hat er die Chance, bei der nächsten Landtagswahl Ministerpräsident zu werden. Kurzum: Der Gewinner des Entscheids wächst zu einer machtpolitischen Größe heran, an der niemand so leicht vorbei kann. Der Verlierer hingegen kann seine Niederlage nicht leicht nehmen: Laschet, zuvor Integrationsminister unter Rüttgers, konnte sich bereits mit seiner Bewerbung um die Leitung der Landtagsfraktion nicht durchsetzen. Zieht er nun den Kürzeren, liegt seine politische Karriere vorerst auf Eis. Bundesumweltminister Röttgen, Spitzname "Muttis Klügster", würde zwar weiterhin Minister bleiben, wäre aber politisch angezählt. Ihm würde noch häufiger der Vorwurf gemacht, dass er zwar nach Außen hin glanzvoll auftrete, aber nach Innen mit seinem überbordenden Ehrgeiz und seiner Arroganz polarisiere. Den Schmucktitel "Kanzler in Reserve", der dem smarten Röttgen oft angeheftet wurde, wäre vorerst verloren.

Das Drama wäre indes nicht vollständig, hätte es nicht auch eine persönliche Note: Laschet und Röttgen sind Freunde. Oder waren es zumindest.

Wähler bevorzugen Laschet

Beide sind sogenannte Modernisierer, sie stehen für eine schwarz-grüne Koalitionsoption und unterscheiden sich in ihren politischen Ansichten nur um Nuancen. Deswegen mussten sie sich bei ihrer Bewerbung ums Amt auf andere Unterscheidungen konzentrieren. Acht Regionalkonferenzen haben sie in den vergangenen Monaten absolviert, dazu Dutzende Sitzungen in Kreisverbänden. Laschet spielte die Landeskarte. "Ich spüre an der Basis, dass sie einen Vorsitzenden will, der zu 100 Prozent im Land präsent ist", sagte er in einem Interview mit dem "Focus". Und er merkte an, dass die künftige Riege der Stellvertreter Merkels nicht überwiegend aus Ministern bestehen sollte, die in die Kabinettsdisziplin eingebunden seien. Das wäre der Fall, wenn das Los auf Röttgen fiele, denn Bundesbildungsministerin Annette Schavan und Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen sind bereits gesetzt. Als einziger "Externer" käme noch Volker Bouffier hinzu, der hessische Ministerpräsident. Würde Laschet gewinnen, wären immerhin zwei der vier Stellvertreter Merkels Landespolitiker. Röttgen argumentierte öffentlich genau gegenteilig. Aus seiner Sicht würde die NRW-CDU politisches Gewicht zulegen, würde sie von einem Bundespolitiker, nämlich von ihm selbst, vertreten. Somit haben die Mitglieder zu entscheiden: "Landeslösung" Laschet oder "Bundeslösung" Röttgen?

Könnte das Wahlvolk abstimmen - und nicht nur die CDU-Mitglieder - wäre die Entscheidung klar. Nach einer Forsa-Erhebung für den stern bevorzugen 52 Prozent der Nordrhein-Westfalen Laschet, unter den CDU-Anhängern sind es sogar 54 Prozent. Röttgens Werte sind weit schlechter. 26 Prozent der Nordrhein-Westfalen würden für ihn stimmen und 28 Prozent der CDU-Anhänger. Das Hauptargument gegen Röttgen lautet, dass sich der neue Landeschef voll auf seine Arbeit vor Ort konzentrieren müsse. Röttgen aber, das ist unbestritten, könnte den Landesvorsitz aufgrund seiner Berliner Verpflichtungen nur als Nebenjob ausüben. Diese demoskopischen Ergebnisse stehen im krassen Widerspruch zu einem Effekt, auf den das Lager Röttgens gesetzt hatte: Er sei schon allein aufgrund seiner medialen Präsenz und seines höheren Bekanntheitsgrades populärer.

Abgang Rüttgers

Auch in der Partei ist Röttgens Kandidatur umstritten. Die Spitzen der NRW-CDU, namentlich Fraktionschef Karl-Josef Laumann und Generalsekretär Andreas Krautscheid, unterstützen Laschet. Auf Bundesebene werden Kanzleramtsminister Ronald Pofalla und NRW-Landesgruppenchef Peter Hintze zu Laschets Unterstützern gerechnet. Sie werfen sich Röttgen in den Weg, weil ihnen sein Ehrgeiz missfällt, den er schon häufig gezeigt hatte. So trat Röttgen im Oktober 2009 gegen Andreas Krautscheid bei der Wahl zum Vorsitzenden des Bezirks Mittelrhein an und gewann. Auch Krautscheid zählte mal zu Röttgens Freunden. Die "Zeit" widmete dem Karrierismus Röttgens, der viele persönliche Bande sprengte, eine ausführliche Analyse. Der Titel: Die Einsamkeit des Norbert Röttgen.

Vermutlich wird der Sonntagabend nur noch für einen bitterer als für den Wahlverlierer - für Jürgen Rüttgers. Der "Arbeiterführer", bis zur offiziellen Bestätigung seines Nachfolgers auf dem Parteitag noch im Amt des Landeschefs, wird die Ergebnisse präsentieren. Und ist eine Sekunde danach endgültig Geschichte.