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Pressestimmen

Fall Khashoggi: "Trumps einseitige Parteinahme zugunsten der Saudis ist unanständig und unklug zugleich"

Immer grausigere Details um den Tod des Journalisten Khashoggi machen die Runde. Doch die USA und deutsche Konzerne halten trotz der Affäre zu Saudi-Arabien. Die deutsche Presse reagiert mit Unverständnis.

Kritischer Journalist: Verschleppt oder ermordet? Warum Saudi-Arabien Jamal Khashoggi fürchtet

Es vergeht kein Tag, an dem türkische Medien nicht weitere Informationen zum mutmaßlichen Mord an dem Journalisten Khashoggi kolportieren. Doch deutsche Konzernchefs und der US-Präsident wollen es sich offenbar mit dem reichen Wüstenstaat nicht verderben. Deutsche Zeitungen halten das für äußerst fatal. 

"Frankfurter Allgemeine": Präsident Trump verlangt zwar Aufklärung und hatte früh von 'Strafen' geredet. Vor der Kongresswahl am 6. November kann es sich selbst der oberste Presseverächter Trump nicht erlauben, über die mutmaßliche Folterung, Tötung und Zerstückelung eines Kolumnisten der 'Washington Post' hinwegzusehen. Doch Trump hat auch den 5. November im Blick: Dann soll sein Kampf gegen Iran mit neuen Sekundärsanktionen in die heiße Phase treten. Trump hat zu viele potentielle Mitstreiter vergrätzt, als dass er nun auch noch auf die Saudis verzichten könnte - von Amerikas und Trumps arabischen Geschäftsinteressen zu schweigen. Deshalb verwahrt sich der sonst so gern in der Gerüchteküche mitkochende Trump nun gegen 'Vorverurteilungen' und beglaubigt Riads Märchen von der 'transparenten Untersuchung'.

"Leipziger Volkszeitung": Soll eine Gruppe von saudischen Geheimdienstlern, zu denen auch ein bekannter Gerichtsmediziner gehört haben soll, ohne Wissen ihrer Befehlshaber in Riad gehandelt haben? Dies zu glauben fällt schwer. Deshalb gilt umso mehr: Trumps einseitige Parteinahme zugunsten der Saudis ist unanständig und unklug zugleich. Trumps Verspanntheit ist erklärbar. Für den Präsidenten steht viel auf dem Spiel: die gesamte von ihm verfügte Neuausrichtung der US-Strategie im Nahen Osten. Trump wollte unbedingt alles dramatisch anders machen als sein Vorgänger Barack Obama. Den Iran schrieb Trump komplett ab, stattdessen setzte er auf ein einseitiges Bündnis mit Saudi-Arabien - und verkaufte Salman Waffen für 100 Milliarden Euro.

"Mittelbayerische Zeitung": Wenn sich die USA den mutmaßlichen Tätern mehr verpflichtet fühlen, als den Opfern elementarer Menschenrechtsverletzungen, stellt sich die Frage, ob sie noch ein Mitglied der viel beschworenen westlichen Werte-Gemeinschaft sind. Wer Menschenrechte nur selektiv einfordert, kann es nicht wirklich ernst meinen. Da Trump, wie die Saudis, mehr an einer Vertuschung als an einer Aufklärung interessiert zu sein scheint, und die Türkei alleine unter Druck geraten könnte, sollten die Vereinten Nationen oder der Internationale Strafgerichtshof die Aufklärung der Khashoggi-Affäre in die Hand nehmen.

"Hannoversche Allgemeine Zeitung": Es gibt aber Grenzen des Erträglichen. Diese Grenzen hat Donald Trump im Fall von Saudi-Arabien überschritten, zum Entsetzen auch von Leuten aus seinen eigenen Reihen. Trump schlug sämtliche Warnungen seiner Berater in den Wind und stellte sich breitbeinig vor Kronprinz Mohammed bin Salman. Aus zwei Telefonaten mit "MBS" will Trump herausgehört haben, dass sich die saudische Führung ernsthaft bemüht, die Affäre um den verschwundenen Journalisten Jamal Khashoggi aufzuklären. (...) Bewiesen ist noch nichts. In dieser Phase aber, in der die Ermittlungen auf Hochtouren laufen, wäre es für jeden US-Präsidenten ein Leichtes, auch vom saudischen Königshaus Aufklärung zu verlangen - und ansonsten abzuwarten und zu schweigen. Stattdessen wettert Trump über vermeintliche Vorverurteilungen.

Der Bonner "General-Anzeiger": Der mutmaßliche Mord an dem regierungskritischen saudischen Journalisten in Istanbul ist eine Grenzüberschreitung, die Europa und die USA nicht hinnehmen dürfen. Es geht nicht nur um eine Verrohung im Umgang miteinander. Es geht um das Eigeninteresse von Europäern und Amerikanern. (...) Wer sagt denn, dass saudische Regimekritiker nur in Istanbul gefährlich leben? Was würde Riad davon abhalten, auch in Berlin, Wien oder Washington zuzuschlagen?

"Frankfurter Rundschau": Eine derart skrupellose Politik, für die ein zu Tode gefolterter Regimekritiker bestenfalls ein Betriebsunfall ist, spricht allen Menschenrechten Hohn und untergräbt das Fundament der Demokratie. (...) Umso irritierender ist das dröhnende Schweigen aus Deutschland. Die Bundesregierung dringt brav auf eine 'schnelle und glaubwürdige Aufklärung' der Affäre. Und die Wirtschaft? Dass sich Siemens-Boss Joe Kaeser - anders als viele US-Firmenchefs - nicht einmal durchringen kann, die Teilnahme an einer PR-Veranstaltung des Kronprinzen abzusagen, ist eine Schande. Ja, es geht um Arbeitsplätze und es gibt schon genug Probleme um den Iran. Aber wenn das ritualisierte Heben des Zeigefingers die einzige Antwort auf ein derart barbarisches Verbrechen bleibt, dann hat der Westen seinen moralischen Offenbarungseid geleistet."

"Mannheimer Morgen": Saudi-Arabien wird von einer Königsfamilie angeführt, die wie die Terrororganisation Islamischer Staat Enthauptungen durchführen lässt. Geschäfte mit so einem Land sind anrüchig. Deshalb malen sich die Politiker ein eigenes Saudi-Arabien und preisen den brutalen Kronprinzen als Reformer. Sigmar Gabriel, also der Amtsvorgänger von Maas, hat dieses Bild vor rund einem Jahr zerstört. Er warf der Führung in Riad "Abenteurertum" vor. Maas sprach hinterher von einem Missverständnis und wollte dadurch die Wogen wieder glätten. Jetzt steht er ziemlich blamiert da.

sos / DPA / AFP