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Frank-Walter Steinmeier: Der Kandidat geht in die Offensive

Er legt seine Zurückhaltung mehr und mehr ab - obwohl Frank-Walter Steinmeier immer noch so tut, als habe der Kampf mit Angela Merkel ums Kanzleramt noch nicht begonnen. Jetzt sagt der SPD-Kanzlerkandidat im stern offen, was er will: gewinnen.

Von Andreas Hoidn-Borchers und Jens König

Steinmeier vor Tausenden Opel-Arbeitern in Rüsselsheim, Steinmeier im Dauereinsatz auf der SPD-Veranstaltungsreihe "Das neue Jahrzehnt", Steinmeier auf der Leipziger Buchmesse zur Vorstellung seines neuen Buches, Steinmeier in nächtlichen Krisensitzungen im Kanzleramt - der SPD-Kanzlerkandidat ist in diesen Tagen und Wochen schier überall präsent. Doch fragt man ihn, wie der Bundestagswahlkampf so laufe, guckt Frank-Walter Steinmeier verständnislos: Ich, der Vizekanzler, im Wahlkampf? Jetzt schon, wo doch die Große Koalition noch ein paar Monate zu regieren hat? Wo denken Sie hin! Steinmeier macht verantwortungsvolle Politik, erst recht in Zeiten der Krise - so sieht er es selbst.

Doch als sich Steinmeier jetzt mit dem stern zum Interview traf, legte er eine Zurückhaltung ab. Er kritisierte die Führungsfähigkeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in der Wirtschafts- und Finanzkrise - und machte klar, dass er sich selbst für den besseren Kanzler hält. "Ich glaube, dass ich über viele Jahre hinweg bewiesen habe, dass man Kompass auch in der Krise bewahren kann, dass ich Richtung und Ziel auch dann beibehalte, wenn es schwierig wird", sagte Steinmeier. "Und ich weiß, dass man den leichten Weg manchmal meiden muss - auch, wenn es dafür keinen Beifall gibt."

"Keine Angst vor Krisen"

Auf die Frage, was er in der Wirtschafts- und Finanzkrise anders machen würde als die Kanzlerin, antwortete Steinmeier: "Ich würde Herrn Seehofer klarmachen, dass die bayerische CSU einer gesamtdeutschen Regierung angehört und sich deshalb auch so zu verhalten hat. Ich würde die Kräfte der Gemeinsamkeit stärken - mit der Wirtschaft, den Gewerkschaften, aber auch den Parteien und Fraktionen der Opposition." Das, was die Bundesregierung in den vergangenen Monaten gegen die Krise beschlossen hat, trage die prägende Handschrift der SPD. "Ich suche nicht nach Krisen, aber ich habe auch keine Angst vor Krisen", sagte Steinmeier. "Ich kann mit schwierigen Situationen umgehen."

Er war im rot-grünen Kanzleramt Gerhard Schröders Mann für heikle Fälle - daraus leitet der Außenminister und SPD-Vize die Überzeugung ab, ein besserer Krisenmanager als Merkel zu sein. Und so verteidigt er auch den Versuch, das Automobilunternehmen Opel mit staatlicher Unterstützung zu retten: "Industrielle Kapazitäten, die wir jetzt preisgeben, sind unwiederbringlich weg. In der nächsten Wachstumsphase würden sie nicht wieder bei uns entstehen, sondern weit entfernt in den Wachstumsregionen Indien oder China." Deutschland sei das "Silicon Valley der globalen Automobilindustrie", so Steinmeier. "Ich kämpfe dafür, dass wir dieses Stück Zukunft mit aller Kraft erhalten. Sich zurückzulehnen und geschehen zu lassen, was geschieht, kann nicht die Antwort der Politik sein."

Steinmeier kritisierte scharf die "Borniertheit und den Hochmut" von Bankern und Managern der Finanzwirtschaft. Sei seien überzeugt davon, dass die Welt einfach weiter nach ihren Regeln spiele. Nach dem Desaster auf den internationalen Finanzmärkten sei mehr denn je die Politik gefragt. "Der Schrecken sitzt tief wie nie. Ich kämpfe deshalb dafür, dass wir jetzt die Chance für einen Neuanfang nutzen und endlich jene Regeln schaffen, die auf den regellosen Märkten bisher fehlen." Er plädiere für eine bessere Aufsicht der Banken und eine Art TÜV für Finanzprodukte.

Steinmeier machte deutlich, dass die SPD die Bundestagswahl im Herbst gewinnen will. Das Wahlziel "35 plus x Prozent", das er vor zwei Jahren in einem stern-Interview genannt hatte, gelte immer noch: "Na klar, wir wollen stärkste Partei im Bundestag werden." Er räumte ein, dass die SPD "schwierige Jahre" mit "viel Hader und Kleinkrieg" hinter sich habe. Aber Parteichef Franz Müntefering und ihm sei es in den vergangenen Monaten gelungen, eine Geschlossenheit hinzukriegen, die der SPD kaum jemand zugetraut habe. "Ich trete an, um Bundeskanzler zu werden", sagte Steinmeier, "und das mit vollem Ernst und vollem Einsatz."

Bis heute Schalke-Fan

Weil dazu gehört, sich nicht nur als Politiker, sondern auch als Mensch den Wählern zu präsentieren, sprach Steinmeier im stern-Gespräch im Westberliner "Café Einstein" erstmals auch über private Dinge, seine Herkunft, seine Familie, seinen Glauben. So erzählte er, dass seine ersten beiden Autos Enten waren, er die "Rolling Stones" lieber mochte als die "Beatles" und er bis heute Fan von Schalke 04 sei. Ein bisschen verkannt fühlt sich dieser Frank-Walter Steinmeier. "Als Außenminister kommt man oft mit ernsten Meldungen über Kriege, Krisen und Geiselnahmen durch das Fernsehen in die Wohnzimmer der Menschen. Dadurch entsteht vielleicht der Eindruck eines stets ernsten Typen", bekannte er. "Wer mich kennt, weiß: Ich bin gern unter Freunden und lache viel."