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Pressestimmen AfD: "Frauke Petry spielt mit dem Rückzug ihren letzten Trumpf"

Frauke Petrys Verzicht auf die AfD-Spitzenkandidatur war ein Paukenschlag. Die Kommentatoren glauben nicht an eine Frust-Reaktion, sondern an ein macht-taktisches Manöver. Die Pressestimmen.

AfD-Chefin Frauke Petry verzichtet auf die Spitzenkandidatur bei der Bundestagswahl. Die Kommentatoren wittern ein rein taktisches Manöver.

AfD-Chefin Frauke Petry verzichtet auf die Spitzenkandidatur bei der Bundestagswahl. Die Kommentatoren wittern ein rein taktisches Manöver.

Was bezweckt AfD-Chefin Frauke Petry mit ihrem überraschenden Verzicht auf eine Spitzenkandidatur bei der Bundestagswahl? Dass sie - zudem hochschwanger - kurz vor dem Parteitag am Wochenende in Köln die Flinte ins Korn geworfen hat, glauben nur wenige der Kommentatoren. Die meisten politischen Beobachter sehen dagegen eher ein macht-politisches Manöver - wenn auch ein möglicherweise riskantes. Dass es Frauke Petry dabei darum gehe, die "Alternative" aus dem rechtspopulistischen Fahrwasser zu holen und in eine bürgerliche Richtung zu lenken, sei allerdings ein Trugschluss. Die Pressestimmen zu Petrys Verzicht:

"Süddeutsche Zeitung":

"Jetzt versucht Petry in Bedrängnis eine neue Rolle. Darum geht es bei ihrem Verzicht auf die Spitzenkandidatur zur Bundestagswahl, der vor allem eine Kampfansage an die Widersacher in der Partei ist. Sie will bürgerlich wirken, eine Richtungsentscheidung erzwingen, um 2021, welch eine Selbstüberschätzung, als 'Seniorpartner' Deutschland zu regieren. Dafür soll die AfD jenes düstere Image ablegen, für das Petry maßgeblich mitverantwortlich ist. Sie hat gern zugelassen und dazu beigetragen, dass die AfD sich weiter und weiter nach rechts bewegte. Es ist nun offenkundig taktisch und mit der Sorge um die Macht begründet, wenn ihr das eigene Produkt auf einmal nicht mehr gefallen will."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung":

"Mit ihrem Verzicht auf die Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl vollzieht Frauke Petry wieder einmal ein taktisches Manöver. Sie will die Bühne nicht mit innerparteilichen Konkurrenten teilen, sondern auf dem kommenden Parteitag in Köln erreichen, dass die AfD ganz ohne Spitzenkandidaten in den Wahlkampf zieht – um als Parteivorsitzende weiterhin die Nummer eins zu sein. (...) 

Das jüngste Zerwürfnis begann, als Petry den rechtsradikalen thüringischen Landesvorsitzenden Björn Höcke aus der Partei drängen wollte. Das hatte schon ihr Vorgänger Bernd Lucke versucht – und war darüber gestürzt. Petry gewann den Machtkampf mit Lucke auch deshalb, weil sie sich schützend vor Höcke stellte. Nun, da Petry selbst gegen Höcke vorgeht, ergeht es ihr wie Lucke. Dieses Déjà-vu ist ein Sinnbild für den Zustand der AfD – einer Partei, deren Führung aus charakterlichen Gründen nicht zur Kooperation fähig ist, und die sich nicht vom Rechtsradikalismus distanzieren kann. Wer diese AfD in den Wahlkampf führt, ist da fast schon Nebensache."

"Tagesspiegel":

"Frauke Petry, die Gaulands rechte Truppen immer mehr isoliert haben, spielt mit ihrem Rückzug ihren letzten Trumpf. Aber kann Machterhalt durch Machtverzicht bei gleichzeitiger Erpressung der eigenen Partei funktionieren? Folgt die Partei auf ihrem Parteitag ihrer Chefin nicht und lässt den Antrag auf einen 'realpolitischen' Kurs durchfallen, wird sie zurücktreten müssen. Wer erlebt hat, dass Petry auf den vielen Veranstaltungen der AfD nach wie vor bejubelt wird wie eine Ikone, weiß wiederum, was das bedeuten würde: Viele treue Anhänger werden die AfD dann nicht mehr wählen."


"Frankfurter Rundschau":

"Frauke Petry stellt keine einzige der zentralen Positionen, die auch ihre Gegner vertreten, infrage. Sie erwähnt zwar einige kontroverse Punkte, die es innerhalb der AfD tatsächlich gibt, zum Beispiel Mindestlohn, Sozialstaat oder auch Datenschutz. Die sind nicht uninteressant, denn dahinter steckt die Frage, ob der völkisch-rassistische Kern durch eine national-soziale Komponente (wie etwa beim französischen Front National) ergänzt werden oder die neoliberale Tradition der Parteigründer weiter gepflegt werden soll. Zum völkisch-rassistischen Kern selbst aber steht Frauke Petry keinen Deut weniger als ein Alexander Gauland oder auch ein Björn Höcke. Wer auch nur einen Blick auf die Programmatik dieser Partei geworfen hat, sollte aufhören, auf das Trugbild vom Kampf der 'Gemäßigten' gegen eine völkische Ausrichtung der Partei hereinzufallen. Es ist schlicht und einfach falsch."

"Stuttgarter Zeitung":

"Wer Petrys Begründung für den Verzicht auf eine Spitzenkandidatur hört, fühlt sich an ein Politikseminar erinnert. Die Vorsitzende spricht sich gegen jede Form von Fundamentalopposition aus und wirbt dafür, auf mittlere Sicht eine Regierungsbeteiligung in den Blick zu nehmen. Das ist angesichts von momentan nicht einmal zweistelligen Umfrageergebnissen eine tollkühne Behauptung. Die Gründe, die zu diesem Schritt geführt haben, liegen in Wahrheit woanders: Petry erkennt, dass sie Teile der AfD gegen sich aufgebracht hat. (...) Mit dem Verzicht auf eine Spitzenkandidatur will Petry zeigen, dass es ihr nur um Sachfragen geht. Das ist aber schon deshalb wenig glaubwürdig, weil sie zuvor Angebote zur Zusammenarbeit ausgeschlagen hatte."

"Spiegel online":

"In dem andauernden Machtkampf vermischen sich persönliche und politische Ambitionen beider Lager. Denn auch Petry, die sich nun als scheinbar bürgerliche Stimme der Partei anbietet, hat in der Vergangenheit mit rechtsextremem Vokabular geflirtet - etwa, als sie den unter den Nazis gebrauchten Begriff des 'Völkischen' zu rehabilitieren versuchte. (...)

Es geht in der AfD also nicht nur um die Frage, wie rechts die Partei künftig sein soll. Die Vorsitzende ist nun vielmehr Opfer ihres eigenen Machtanspruchs geworden. Viele, die ihr bis vor Kurzem noch nahe standen, sind von ihr abgerückt. Ihre Kritiker werfen ihr seit Langem vor, die Partei wie ihr privates Eigentum zu benutzen, sich nicht an Absprachen zu halten und selbst Weggefährten zu vergrätzen."

"Neue Zürcher Zeitung" (Schweiz):

"Für die Alternative für Deutschland (AfD) kommt die Bundestagswahl im September spät. Vier Jahre alt ist die Partei zwar erst, aber sie hat bereits eine Reihe von Verwandlungen hinter sich. Kräftezehrende Machtkämpfe sind zu ihrem Markenzeichen geworden. Die Partei wirkt erschöpft. Nicht der Übermut hat sie in diese missliche Ausgangslage gebracht, obwohl einige Wahlresultate in den Bundesländern dazu hätten Anlass geben können. Vielmehr steht dahinter eine Mischung aus Unvermögen, mangelnder Erfahrung und Alleingängen exzentrischer Charaktere. (...)

Petry will der AfD vor der Bundestagswahl "Realpolitik" verordnen. Darunter versteht sie die sachpolitische, aber im konservativen Bürgertum verankerte Alternative zu den etablierten Parteien und das Bestreben, die AfD regierungsfähig zu machen. Sie nennt als Ziel gar die Rolle als Seniorpartner einer Koalition. Angesichts der Umfragewerte von derzeit höchstens 9 Prozent - 2016 waren sie noch zweistellig gewesen - ist das eine sehr ambitionierte Perspektive."

"De Telegraaf" (Niederlande):

"Frauke Petry galt als die größte Gefahr am rechten Rand für Angela Merkel. Aber gestern hat die hochschwangere AfD-Führerin die Flinte ins Korn geworfen. Nun droht in der Alternative für Deutschland die Machtübernahme durch die radikalen Nationalisten. Kurz vor dem Parteitag in Köln gab Petry auf. So konnte die selbstbewusste Politikerin ihre Ehre retten. In ihrer populistischen Partei galt sie als eine der gemäßigteren Stimmen. Andere, wie zum Beispiel Björn Höcke, schwärmten öffentlich für das tausendjährige Dritte Reich von Adolf Hitler. Darum wollte Petry ihn aus der Partei werfen. Aber ihre Gegner haben das verhindert. Die persönlichen Angriffe auf sie haben ihr sichtlich zugesetzt."