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Frust eines Jungwählers: Ich weiß nicht, was ich wählen soll

Ich bin 22, lese viel über Politik und bin trotzdem ratlos. Nicht, dass ich politikverdrossen wäre - ich bin einfach nur enttäuscht.

Ein Bekenntnis von Marius Gerads

Da liegt er, der Brief. Seit drei Wochen schon. Die Stadt Köln hat ihn mir nach Berlin geschickt, wo ich derzeit arbeite. Aber jedes Mal, wenn ich die Briefwahlunterlagen sehe, beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Verdammt nochmal, ich weiß nicht, was ich wählen soll! Isch krich Plag.

Und das liegt nicht daran, dass ich mich zu wenig mit Politik beschäftige. Ich hospitiere im Berliner stern-Büro, schon meine Arbeit zwingt mich dazu, täglich die Neuigkeiten aus dem Berliner Regierungsviertel zu lesen. Ich habe Parteiprogramme gewälzt und konnte sogar einige der Spitzenkandidaten persönlich erleben. Trotzdem kann ich mich nicht zu einer Entscheidung durchringen. Es fehlt etwas. Bloß was?

Früher war das anders. Als ich vor vier Jahren das erste Mal wählen durfte, habe ich mich gefreut. Im Lokalblättchen meiner Heimat am Niederrhein habe ich flammend dafür plädiert, wählen zu gehen: Das Wahlrecht wurde schließlich hart erkämpft! In anderen Teilen der Welt wird dafür immer noch Blut vergossen! Und ich empfahl den Unentschlossenen: Wer sich mit keiner Partei richtig identifizieren kann, soll eben taktisch wählen - nämlich: das geringste Übel. An meiner Meinung hat sich nichts geändert. Aber was zum Teufel ist bei dieser Bundestagswahl das geringste Übel? Keine Ahnung.

Die Inhalte überzeugen nicht

Bei einer Wahlentscheidung geht es, grob gesagt, um zwei Kriterien: die Inhalte und die Personen.

Wer sagt, Politiker machen doch eh alle das Gleiche, hat sich nicht ausreichend mit der Politik beschäftigt. Doch die Positionen unterscheiden sich nicht mehr so extrem wie früher. Die Ostpolitik von Willy Brandt war ein gigantisches Streitthema. Und heute? Die SPD will einen Mindestlohn, die CDU eine Lohnuntergrenze. Wer kann das schon genau auseinanderhalten. Es geht nur noch um Details, nicht um den Grundsatz.

Und bei den richtig großen Themen wird es sehr schwierig. Die Finanz- und Eurokrise verstehen nicht mal alle Ökonomen, geschweige denn alle Politiker und Bürger. Und ja, die Energiewende ist toll! Aber wie sie am besten umzusetzen ist - ehrlich: Ich weiß es nicht. Eigentlich hätte ich da gerne konkrete Antworten. Aber ich bekomme sie nicht. Die entscheidenden Themen unserer Zeit sind Expertenthemen.

Doch die Politik schafft es nicht, sie uns zu erklären. Haben Sie den Dreikampf in der ARD gesehen? Gregor Gysi (Linke), Rainer Brüderle (FDP) und Jürgen Trittin (Grüne) traten im kleinen TV-Duell gegeneinander an. Es war das reinste Chaos. Die drei schmissen mit Zahlen um sich und warfen sich gegenseitig Wörter wie "kalte Progression" und "Quersubvention" an den Kopf. Ich habe versucht zu folgen, aber es war irgendwann nicht mehr möglich.

Obendrein: Was ich gesehen habe, sind alte Männer. Ich bin 22 Jahre alt. Mein Eindruck ist, dass die Politik nicht für mich und meine Generation gemacht wird. Alle stieren auf den Wahltag und auf die nächsten vier Jahre. Aber wo sind die Konzepte für die nächsten 20 Jahre? Ich sehe nur einzelne, kleine Baustellen, aber keinen Plan.

Die Politiker enttäuschen

Okay. Angela Merkel (CDU) betreibt Wohlfühlpolitik. Und sonst noch? SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück spricht davon, dass etwas aus dem Lot geraten sei. Hat er eine Agenda 2020? Nie was von gehört. Die Grünen haben jetzt ihre Energiewende. Haben sie eine konkrete Antwort, wie die gestaltet werden soll? Ja, haben sie anscheinend, kommunizieren diese aber verdammt schlecht. Die Linke liefert großmäulige Wahlversprechen. Hat sie dafür irgendeinen ernsthaften, ökonomisch umsetzbaren Finanzierungsvorschlag? Und die FDP - wofür steht die eigentlich? Die Liberalen kann ich sowieso nicht ernst nehmen. Spätestens, seit sie im Bundestag gegen die Gleichstellung homosexueller Paare gestimmt haben. Nun proklamieren sie genau dieses Ziel im Wahlkampf.

Ich will zum Beispiel, dass die Bildung verbessert wird. Das wollen alle Parteien. Sie fordern mehr Geld, aber das eigentliche Problem will keiner angehen: nämlich, dass das föderale Bildungssystem idiotisch ist, weil 16 Bundesländer 16 unterschiedliche Schulpolitiken haben. Wer nach dem demographischen Wandel fragt, hört von allen Politikern Phrasen. Aber mir ist nicht klar: Wer wird meine Rente bezahlen?

Und meine Wahlentscheidung an Personalien festzumachen, ist noch deprimierender. Für einen Großteil des politischen Spitzenpersonals ist das die wahrscheinlich letzte Bundestagswahl. Das wissen alle. Und ich habe den Eindruck, dass sie nicht aus Überzeugung für die Sache kämpfen, sondern sich nur für die nächsten vier Jahre absichern wollen. Viele Politiker sind mir einfach unsympathisch, zu abgehoben. Es fehlen: Leidenschaft und Mut.

Also, was mache ich, wenn ich so unzufrieden bin? Nicht wählen? Ich kann verstehen, wenn Leute das tun. Aber ich werde wählen, irgendwo jenseits der Mitte. Eine Partei mit der ich wenigstens die Grundüberzeugungen teile. Ich hoffe, dass sich die politische Kultur zur nächsten Bundestagswahl 2017 ändern wird. Es wäre verdammt nochmal nötig.