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Rechtsextremismus-Forscher Symbole wie Galgen und Guillotine werden viele Leute ermutigen

Rechtschreibung gehört nicht zu den Stärken von Pegida: Beim Vornamen des Vizekanzlers Sigmar Gabriel hat sich ein "e" zu viel eingeschlichen.
Rechtschreibung gehört nicht zu den Stärken von Pegida: Beim Vornamen des Vizekanzlers Sigmar Gabriel hat sich ein "e" zu viel eingeschlichen.
© Reuters
Galgenstricke bei Pegida, eine Guillotine bei der TTIP-Demo: Der Marburger Rechtsextremismus-Forscher Reiner Becker warnt im Interview mit dem stern vor der Anziehungskraft menschenfeindlicher Symbole.
Von Larissa Schwedes

Herr Becker, in Dresden haben Pegida-Anhänger am Montagabend einen Galgen durch die Straßen getragen – mit dem Hinweis "reserviert für Angela Merkel und Sigmar Gabriel". Sind die Menschen jetzt völlig am Durchdrehen?

Das ist ein bildhafter Ausdruck der Zuspitzung. Die Aggressionen waren auch schon bei den Winterdemonstrationen groß. Das Symbol und seine Weiterverbreitung durch die Medien ist allerdings nochmals ein anderes Pfund, das in die Waagschale gelegt wird.

Ist eine neue Stufe der Radikalisierung erreicht?

Die Pegida-Demonstrationen radikalisieren sich insgesamt. Der Zulauf ist wieder größer, die Parolen sind zugespitzter. Mit Galgen herumzulaufen - das habe ich bei Demonstrationen wie diesen noch nicht beobachtet. Aber es ist sicher noch nicht das Ende der Fahnenstange. Wer weiß, was beim nächsten Mal herumgetragen wird. Solche Symbole können Anhänger dazu ermutigen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Das ist sehr gefährlich.

Diese Galgen sind eine öffentliche Todesdrohung. Ist Pegida bereit, zu töten?

Die Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte ist exorbitant gestiegen. Es geht ein bisschen unter, aber jeden Tag passieren solche Angriffe irgendwo in Deutschland. Sowohl spontane als auch organisierte Übergriffe sehe ich als absolut realistisch an. Der von Pegida selbsterklärte "Volkszorn" kann sich jederzeit entladen. Das kann niemand seriös ausschließen.

Die Flüchtlingskrise spielt Pegida in die Hände.

Man hat ein Thema gefunden, dass die lose Bewegung wieder stark verdichtet. Große Demonstrationen werden auch wieder bundesweit stattfinden. Ängste, Sorgen und Befürchtungen der Bevölkerung können dort einen Resonanzboden finden. Man kann mit einem größeren Selbstbewusstsein der Bewegung rechnen. Das wird dadurch begünstigt, dass es keine schnellen Lösungen in der Flüchtlingskrise gibt.

Auch bei der großen Berliner Demonstration gegen das Freihandelsabkommen TTIP am Wochenende wurde zu krassen Symbolen gegriffen: Menschen trugen eine Guillotine "für Sigmar Gabriel" durch die Massen. Sind Todesdrohungen in allen Teilen der Gesellschaft angekommen?

Die Anti-Globalisierung ist nicht nur ein Thema der Linken, sondern auch der extrem Rechten. Es ist auffällig, dass innerhalb weniger Tage solch extreme Symbole zur Schau getragen werden. Meine Einschätzung ist, dass ähnliche Gruppen verantwortlich sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass gemäßigtere Bewegungen hinter Galgen und Guillotine stehen.


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