Gerhard Schröder Der Außenkanzler


Gerhard Schröder erfindet sich neu: Als Kriegsgegner und Kumpel will er 2006 gegen die kühle Angela Merkel antreten. Außenpolitisches Selbstbewusstsein soll ihm dabei helfen - aus der Innenpolitik hält er sich raus.

Was ist los mit diesem Kanzler? Er ist überall - aber er ist auch schwer zu fassen. Bei "Kerner" erzählt er von Familie, Freundschaft und Fußball, bei "Maischberger" plaudert er über seine Leseerlebnisse. Dann lädt er 18 Journalisten ein, ihn zum EU-Lateinamerika-Gipfel ins mexikanische Guadalajara zu begleiten. Aber anders als früher, als er zwischen den hinteren Sitzreihen der Kanzlermaschine gern mal zum lockeren Plausch bereit war, meidet Gerhard Schröder jetzt die Medienvertreter.

Drei Tage lang sehen sie nur ein ernstes Kanzlergesicht, das auf Pressekonferenzen von "effektivem Multilateralismus" redet - und beim Verlassen des Flugzeugs das Schlafgemach des Regierungschefs, darauf zerwühlt seine rosa Bettwäsche.

Sucht er Nähe? Ist er auf der Flucht? Es geht ihm wieder gut, behauptet einer seiner Helfer, der oft mit ihm unterwegs ist. "Früher hatte er nach einem schlechten Politbarometer eine Woche miese Laune. Jetzt ist das Politbarometer immer noch schlecht. Aber er hat gute Laune."

Ein neuer Kanzler

Den Beginn der guten Laune taxieren viele auf Freitag, den 6. Februar - den Tag, an dem Gerhard Schröder den Vorsitz der SPD an Franz Müntefering abgab. Seitdem ist ein neuer Kanzler zu besichtigen. Vorbei die dunklen Monate, in denen er sich in seiner Regierungszentrale einbunkerte und zunehmend verzweifelt Gefolgschaft für seine Agenda 2010 einforderte.

Rastlos jagt der Kanzler jetzt durchs Land und sucht überall die Menschen, die ihm in den Umfragen abhanden gekommen sind. Gleichzeitig füllt er seinen Terminkalender mit Auftritten auf großer außenpolitischer Bühne. Dieses Wochenende wird er mit Frankreichs Jacques Chirac in der Normandie der alliierten Invasion von 1944 gedenken - eine Ehre, die noch keinem deutschen Regierungschef zuteil wurde, auch nicht Helmut Kohl.

Zweimal haben die Deutschen Gerhard Schröder gewählt: einmal, weil sie Helmut Kohl weghaben wollten, und einmal, weil sie Edmund Stoiber nicht trauten. Sie sind notorisch unzufrieden mit diesem Kanzler. Aber irgendwie hat er immer noch einen Weg zurück in ihre Gefühlswelt gefunden - wenn auch als kleineres Übel.

Operation Wiederwahl 2006

Jetzt versucht er es erneut. Die Operation Wiederwahl 2006 - sie hat längst begonnen, der Machtmensch Schröder nimmt wieder Witterung auf. Alles, was zwischen Volksnähe und großem Auftritt auf diplomatischer Bühne liegt, meidet der Kanzler: die deutsche Wirtschaftsmisere ebenso wie die bösen Medien. Dafür scheint der Chef der immer noch größten Industrienation Europas plötzlich unbegrenzt Zeit zu haben für geradezu bürgermeisterliche Auftritte. In Dresden feiert er Richtfest für eine Chipfabrik. In Trier lobt er das deutsche Stiftungswesen. Zwischendurch ist sogar noch Zeit für einen Besuch der Gesamtschule Ludwigsfelde. Dort isst Gerhard Schröder auf dem Schulhof eine Bratwurst.

Und immer wieder Bäder in der Menge, Händeschütteln, Schulterklopfen. "Wo kommen Sie her?", fragt er die Menschen. Oder: "Woll'n wir mal 'n Foto machen?" Viele kriegen vor Schreck ihre Digitalkameras nicht in Gang.

Es ist ein Anprall an Nähe, und wer Schröder auf seinen Fahrten begleitet, weiß schon nach kurzer Zeit nicht mehr, wer wen mehr bedrängt: die Menschen den Kanzler - oder umgekehrt. Manchmal ist beim Händeschütteln in dichtem Gedränge gar keiner da, der so schnell zugreifen kann. Dann sieht man, wie die Hand des Kanzlers für Sekunden ins Leere baumelt - tastend, suchend. Bis sie endlich einer ergreift.

Bratwurst in Ludwigsfelde und "effektiver Multilateralismus" in Guadalajara, Volkskanzler und weltläufiger Staatsmann - da kann einem leicht etwas schwindlig werden. Aber für den Überlebenskünstler Schröder ist die Kombination stimmig: Mit ihm wollen die Leute lieber Bratwurst essen als mit Angela Merkel, der kalten Physikerin der Macht. Und bei ihm, der den USA im Irak-Krieg die Stirn bot, fühlen sie sich in ihrer Friedenssehnsucht besser aufgehoben als bei der CDU-Frau. Bratwurst und Frieden - das zielt direkt in die deutsche Seele.

Wer regiert Deutschland eigentlich?

Dazwischen aber ist ein großes, schwarzes Loch: die deutsche Misere, Arbeitslosigkeit, Staatsschulden, marode Sozialsysteme. Darum kümmert sich jetzt vor allem Franz Müntefering. Nur ab und zu noch wagt sich der Kanzler in die innenpolitische Gefahrenzone, um - wie beim Streit um das Zuwanderungsgesetz - im letzten Moment in präsidialer Überparteilichkeit eine Einigung herbeizuführen. Aber dann zuckt sein Fuß ganz schnell wieder zurück aus dem schwarzen Loch, damit es ihn nicht verschluckt. Er lässt das Land in einem merkwürdig diffusen Zwischenzustand. Seit Wochen schon weiß man nicht mehr so recht, wer Deutschland eigentlich regiert. Ist es Müntefering? Oder auch Merkel? Oder ein bisschen beide?

14 "Reisen zu bilateralen Gesprächen" verzeichnet der Kanzler-Kalender bisher für das Jahr 2004, dazu kommen sechs "Reisen zu multilateralen Veranstaltungen und Konferenzen". Nach dem Mexikobesuch und den Feierlichkeiten in der Normandie wird der Kanzler im Juni noch in den USA, Belgien und Estland erwartet. Vergangene Woche musste Außenminister Joschka Fischer im Kabinett den Vorsitz übernehmen, weil der rastlose Schröder zum Blitzbesuch in Warschau weilte. Spätestens jetzt weiß Fischer: Deutschland hat nicht mehr nur einen Außenminister - sondern auch einen Außenkanzler.

"Die Koalition fährt jetzt das Friedensthema, weil sie sonst nichts hat, was rot-grüne Wähler an die Urne bringt", sagt Manfred Güllner, Forsa-Chef und Hausdemoskop des Kanzlers. Güllners Zahlen belegen, dass die Absetzbewegung in die Außenpolitik einen harten machtpolitischen Kern hat. 79 Prozent der Deutschen finden das Kanzler-Nein zum Irak-Krieg heute noch richtig und 63 Prozent sehen darin seine größte Leistung. Nur zehn Prozent nennen auf die Frage nach der größten Leistung die Agenda 2010.

Schliff der Nachkriegsimperative

Im Schutz der hohen Sympathiewerte gelingt Gerhard Schröder jetzt in der Außenpolitik, was ihm in der Innenpolitik, wo die Widerstände zäher und die Risiken fürs Renommee höher sind, versagt blieb: die Grundachsen des Landes neu auszurichten. Mit zunehmender Selbstsicherheit schleift der Niedersachse die Nachkriegsimperative deutscher Außenpolitik.

Die früher so unantastbare deutsch-amerikanische Freundschaft hat er zum robusten Streitbündnis auf gleicher Augenhöhe umfunktioniert, den Euro-Stabilitätspakt mit Unterstützung Frankreichs aufgeknackt. Dazu noch das Nein von Goslar und die Schwindel erregende Friedenskoalition, die auf dem Höhepunkt des Irak-Krieges von Paris über Berlin bis nach Moskau und Peking reichte - außenpolitisch tun sich neue Welten auf.

Nicht nur Inhalte, auch Stil und Habitus brechen mit allem, was der feine Club der internationalen Diplomatie bisher kannte. "Die anderen reden immer von ihren Interessen", sagt einer aus dem Beraterkreis des Kanzlers. "Für die ist es eine völlig neue Erfahrung, dass wir als Deutsche jetzt sagen: 'Wir haben auch Interessen, und über die müssen wir reden'."

Nach der Generation der Frontsoldaten, Widerstandskämpfer und Flakhelfer ist Schröder der erste Kanzler, der vom Gewicht der Geschichte unbelastet ist. Helmut Kohl schleppte noch die Weltkriegsvergangenheit mit sich herum, und selbst Joschka Fischer ist davon nicht frei: Kaum eine Rede des Außenministers ohne die "Lehren", die es aus der Geschichte zu ziehen gelte: ewige Freundschaft mit Amerika, Selbsteinbindung in Europa.

Im Grunde ein geschichtsloses Wesen

Schröders Biografie kennt dagegen als prägendes Erlebnis nur ein Nichts an Nachkriegsarmut. Zwar hat er sich ein Foto von Vater Fritz, der in Rumänien fiel, auf seinen Schreibtisch im Kanzleramt gestellt. Und das monumentale Werk des Historikers Heinrich August Winkler, das die deutsche Geschichte als einen langen, am Ende glücklichen "Weg nach Westen" beschreibt, hat er, wie so viele in der Generation Rot-grün, förmlich inhaliert. Aber all das hat in den Tiefenschichten des Politikers Gerhard Schröder keine prägenden Spuren hinterlassen. Er ist im Grunde ein geschichtsloses Wesen geblieben. Das gibt ihm innere Freiheit, führt aber auch zu Peinlichkeiten wie etwa dem Gerede vom "deutschen Weg" oder dem Wunsch, das Holocaust-Mahnmal möge "ein Ort sein, wo man gerne hingeht".

Bis heute wissen sie in der Union nicht, wie sie diesen Schröder packen können. Tief sitzt der Schock über seine pazifistischen Manöver. "Er hat uns überrascht", sagt Wolfgang Schäuble, Chef-Außenpolitiker von CDU/CSU. "Ihm war völlig wurscht, welche Beschädigungen er dem deutsch-amerikanischen Verhältnis zufügt. Es ging nur noch um die Frage: Seid ihr für Krieg oder dagegen? So hat Schröder das zugespitzt. Als ob irgendein vernünftiger Mensch für Krieg sein könnte."

Dann redet Schäuble vom "europäischen und transatlantischen Zusammenhang", in den die deutsche Außenpolitik eingebunden sein müsse. Es hat etwas fast schon rührend Altmodisches, es sind Worte wie aus einer fernen Zeit, als die "Transatlantiker" in der feinen außenpolitischen Gesellschaft noch weitgehend unter sich waren. In diese feine Gesellschaft ist der Machtmensch Schröder wie mit einem Bulldozer gefahren.

Aber die Aversion gegenüber der Supermacht wächst - nicht nur bei Attac-Aktivisten, auch im gesetzten Bürgertum. Vielleicht wird Deutschland jetzt erwachsen - pubertäre Flegeleien wie Bush-Hitler-Vergleiche eingeschlossen. Vielleicht ist es sogar eine Zeitenwende - und Schröder hat sie, geschichtslos und unsentimental, einfach nur als Erster erkannt.

Glänzendes Zeugnis für den Friedenskanzler

Ausgerechnet Hans-Dietrich Genscher, der wie kein Zweiter für das Zeitalter deutscher Selbstbeschränkung steht, stellt dem Friedenskanzler ein glänzendes Zeugnis aus. "In der Außenpolitik zeigt sich zunehmend Schröders politischer Instinkt", lobt der ehemalige Außenminister. "Die Ablehnung des Irak-Krieges war richtig. Ich wäre nach Washington gefahren und hätte mit den Amerikanern geredet. Aber in der Substanz hat Schröder natürlich Recht gehabt."

Das wissen sie im Kanzleramt. Anfangs hatte sich die Solidarität mit Neinsager Schröder auf Syrien beschränkt, da wurden manche Berater etwas nervös. Inzwischen aber dominiert der Stolz über neue Handlungsmöglichkeiten - so viel Freiheit war nie in der deutschen Diplomatie.

Verglichen mit dem Außenministerium ist das Kanzleramt schlank: 13 Fachleute kümmern sich dort um Europapolitik - rund 80 sind es im Auswärtigen Amt. Das führt zu schnellen Entscheidungswegen, wie sie im traditionsbewussten Apparat des Außenamts unbekannt sind. Wichtige Vorlagen sind in zehn Minuten auf dem Kanzlertisch. Die Nähe zu PR-Spezialisten, Innenpolitikern und Redenschreibern politisiert die Außenpolitik der Regierungszentrale und gibt ihr schnell etwas Schlagzeilenhaftes - genau der richtige Apparat für einen wie Schröder.

Mehr und mehr nutzt ihn der Kanzler und drängt seinen Außenminister an den Rand. Mit den Abteilungsleitern für Außen- und Europapolitik, Bernd Mützelburg und Reinhard Silberberg, verfügt der Kanzler über zwei selbstbewusste und ausgebuffte Spitzendiplomaten - von Silberberg heißt es, dass er mehr als 70 EU-Gipfel in den Knochen hat.

Eine neue Außenpolitik wird sichtbar - so etwas wie ein "linker Patriotismus"

Redet man mit Mützelburg und Silberberg, merkt man, dass Schröders Politik durchaus konzeptionelles Unterfutter besitzt. Die Beziehungen zu den USA: ohne Großmannssucht, aber auf gleicher Augenhöhe. Die Globalisierung: nur zu bändigen durch "soziale Kohäsion". Europa: Modell für friedliche Integration. Die UN: zentrale Autorität weltweit. Und schließlich, der Kampf gegen den Terror: nur gewinnbar durch globale Entspannungs- und Entwicklungspolitik. Überwölbt von unverkrampft vorgebrachten deutschen Interessen ergibt sich daraus in Umrissen eine neue Außenpolitik - so etwas wie ein "linker Patriotismus".

Auf der Rückseite dieses "linken Patriotismus" aber, wo es für Schröder um alles geht - die Macht nämlich -, riecht die Sache schnell etwas muffig und anti-amerikanisch: keine Rede und kein Auftritt ohne Sottisen gegen den US-Verteidigungsminister und einen vielsagenden "Ihr wisst schon, was ich meine"-Blick. Vielleicht sind wir ja jetzt wirklich "Friedensmacht". Aber ein wenig appelliert der Kanzler auch an den kleinen Feigling in uns allen - den deutschen Gartenzwerg-Feigling, der auf den Schutz der letzten großen Supermacht am Ende wohl nur ungern verzichten würde. "Kein Blut für Öl" kann man gut brüllen - solange andere bereit sind, es zu vergießen.

Gerhard Schröder stürzt das nicht in Selbstzweifel. Immer wieder testet er im Europawahlkampf die Sympathien. In Mannheim badet er in Jubel, als er daran erinnert, dass die Genossen beim Thema Irak "Recht gehabt haben". Hinterher bekommt er sogar noch Beifall für die Abschaffung der Eigenheimzulage. Unten im Publikum verteilt die Parteijugend kleine blaue Plakate, auf denen nur ein Wort steht: "Friedensmacht". Es gibt auch das Plakat "Zukunftsgerecht". Aber "Friedensmacht" findet deutlich mehr Abnehmer.

Festes Drehbuch bis 2006

Vielleicht geht die Rechnung ja auf. Bis 2006 ist das Drehbuch jedenfalls schon geschrieben. Nächster Akt: Schröder will für die Friedensmacht Deutschland einen Sitz in der ersten Reihe - im UN-Sicherheitsrat. Und dann kommt, passgenau im Wahljahr, die Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land. "Wenn wir da auch noch Weltmeister werden", sagt einer aus dem Kanzlerklüngel, "dann haben wir eine realistische Chance."

Tilman Gerwien print

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