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Glenn Greenwald auf Hacker-Kongress: Aufruf zum digitalen Widerstand

Der Kongress 30C3 der Internetaktivisten steht im Zeichen des NSA-Skandals. Die Hacker rufen zum digitalen Widerstand auf. Derweil erklärt ein US-Gericht die umfassende Überwachung für rechtens.

Monitore rund um das Podium des Chaos Communication Congress (30C3) in Hamburg: Das Treffen steht unter dem Eindruck der weltweiten Ausspähung durch Geheimdienste.

Monitore rund um das Podium des Chaos Communication Congress (30C3) in Hamburg: Das Treffen steht unter dem Eindruck der weltweiten Ausspähung durch Geheimdienste.

Die Hacker haben das Hamburger Kongresszentrum eingenommen. Eine Rakete kündigte ihre Ankunft an, sie ist das Symbol des Chaos Communication Congresses, des jährlichen Treffens der Hackergruppe Chaos Computer Club. Überall in dem riesigen Komplex sitzen Menschen mit ihren Laptops auf dem Schoß. Bis zu 8000 Teilnehmer erwarten die Organisatoren. Plastikrohre mit roten Lämpchen winden sich durch das Gebäude, eine Mischung aus Rohrpost und Kunstprojekt. In einer Halle flickern Lämpchen in bunten Mustern auf, 3D-Drucker schichten Plastik zu digital gezeichneten Gegenständen. Darüber thront ein Radom, eines dieser weißen, kuppelartigen Gebilde, die normalerweise Spionagetechnik verhüllen sollen.

Doch viele Hüllen sind gefallen in den vergangenen Monaten: Praktisch wöchentlich wurden neue Geheimnisse der Geheimdienste an die Öffentlichkeit gezerrt. Spionageprogramme bisher unvorstellbaren Ausmaßes wurden bekannt - und am Freitag von einem Bundesgericht in New York für rechtens erklärt. Die Spähprogramm betreffen die gesamte digitale Kommunikation. Für die Hacker ist das auch eine Bestätigung ihrer Warnungen: "Durch die Snowden-Enthüllungen haben viele gesehen, dass wir nicht gesponnen haben die ganzen Jahre", sagt Frank Rieger vom Chaos Computer Club.

Auch Greenwald setzt auf Hacker-Widerstand

Dennoch sitzt der Schock in der Szene tief. Seine schlimmsten Alpträume seien noch übertroffen wurden, erklärte der Auftaktredner Tim Pritlove, ein Urgestein der Szene. Daher gebe es auch kein Motto für den Kongress. "Dieses Jahr sind wir sprachlos", sagte er. "Es gab keine Botschaft, die stark genug war." Die versammelten Internet-Aktivisten und Computer-Experten rief er zum Widerstand auf. Sie müssten das Internet neu erfinden und die Überwachung eindämmen.

Das tat auch der Journalist Glenn Greenwald. Der Vertraute des Whistleblowers Edward Snowden sagte: "Letztlich wird der Kampf über die Freiheit des Internets vor allem auf dem Schlachtfeld der Technologie geführt werden. Die NSA weiß das", sagte Greenwald, der per Video aus Rio de Janeiro zugeschaltet war. Er rief die Hacker auf, sich für den Schutz der Privatsphäre einzusetzen. Gleichzeitig kündigte er eine Fortsetzung der Enthüllungen an: "Es wird noch viele weitere Berichte geben."

Greenwald, der eine Vielzahl der Snowden-Dokumente öffentlich gemacht hat, warb dafür, dass ein Land wie Deutschland, Frankreich oder Brasilien den Informanten aufnehmen solle. "Es hat einen Preis, das zu tun", sagte er. "Aber Edward Snowden hat einen höheren Preis dafür bezahlt, Eure Rechte zu verteidigen, und er hat es dennoch getan." Die USA kritisierte für ihre Haltung scharf. Die US-Regierung wolle Snowden für den Rest seines Lebens ins Gefängnis stecken, zeigte sich Greenwald überzeugt. Die drohende harsche Strafe solle andere mögliche Informanten abschrecken. "Es ist eine effektive Taktik", sagte Greenwald.

"Seid ein Teil der Lösung!"

Tim Pritlove erinnerte an oft augenzwinkernde oder auch leicht überhebliche Themen früherer Chaos Communication Congresse. "Wir kommen in Frieden", etwa, oder auch 2012 "not my department", was sich etwa mit "dafür bin ich nicht zuständig" übersetzen lässt. Das war damals ein kritischer Kommentar zu Politikern, die sich um die Auswirkungen ihrer Entscheidungen nicht kümmern. Dieses Jahr könnte es heißen: Wir sind alle zuständig. "Seid ein Teil der Lösung", lautet Pritloves Aufruf.

Wie eine solche Lösung aussehen soll, werden die Computer-Experten in den nächsten Tagen diskutieren. Aus ihrer Sicht muss viel repariert und erneuert werden. Dabei geht es nicht nur um die Szene selbst, in der viele in digitalem Selbstschutz versiert sind. Einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Nachrichtenagentur DPA zufolge glauben 84 Prozent der deutschen Internet-Nutzer, dass die Überwachung durch die NSA und den britischen Partnerdienst GCHQ gegen die Bürgerrechte in Deutschland verstößt. Ihr Verhalten im Netz ändern dennoch nur wenige.

Richter: Datensammelei ist Terrorabwehr

Unterdessen wertete ein Bundesrichter die umstrittene Telefonüberwachung der NSA als verfassungskonform. Das Gericht habe sich mit der Frage beschäftigt, ob das massenhafte Sammeln von Telefondaten legal sei, hieß es in dem Urteil. "Und das Gericht ist der Auffassung, dass es das ist." Die US-Bürgerrechtsgruppe ACLU hatte gegen die Praxis geklagt.

Richter William Pauley argumentierte unter anderem, dass das Terrornetzwerk al-Kaida mit der heutigen Technik in der Lage sei, aus der Ferne Terrorangriffe zu planen. Die Telefonüberwachung sei nun nichts weiter als der Gegenschlag der US-Regierung, hieß es in dem Urteil. Mit den Programmen könnten Kommunikationsdaten zusammengebracht und so das Terrornetzwerk "ausgeschaltet" werden.

Erst Mitte Dezember hatte ein US-Bundesgericht in Washington die gegenteilige Meinung vertreten und das massenhafte Sammeln von Telefondaten durch die NSA als wahrscheinlichen Verstoß gegen die Verfassung eingestuft, da das Programm die Privatsphäre der US-Bürger verletze. Das Gericht hatte sich mit einer Klage von zwei Privatleuten befasst und diese als erfolgversprechend bewertet.

dho/DPA/AFP / DPA