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Staatssekretär muss Maaßen weichen: "Das Bauen verliert jetzt seine Heimat": Gunther Adler, das schwere Opfer für den GroKo-Frieden

Entsetzt, fassungslos, verzweifelt - die Reaktionen auf die Ablösung von Gunther Adler sind einhellig wie eindeutig. Der Staatssekretär mit SPD-Parteibuch genießt einen einzigartigen Ruf. Wer ist der Mann?

"Das Bauen verliert jetzt seine Heimat": Gunther Adler, das Opfer für den GroKo-Burgfrieden

Hans-Georg Maaßen (l.), Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, und Gunther Adler, beamteter Staatssekretär im Bundesinnenministerium (Archivbilder)

DPA

So richtig fassen wollen es die wenigsten. Gunther Adler? Ausgerechnet? Von einer Hiobsbotschaft ist die Rede, einem Unding und Desaster. Wie soll Bundesinnenminister Horst Seehofer, die Regierung überhaupt, bloß auf diesen Mann verzichten? Das vermag derzeit kaum jemand zu beantworten. 

Aber: Wer ist dieser Mann überhaupt?

Gunther Adler, 55, ist Staatssekretär im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat. Noch. Der ausgewiesene Fachmann für Bau und Stadtentwicklung mit SPD-Parteibuch wird laut Seehofer in den einstweiligen Ruhestand versetzt, damit der ehemalige Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen hochgefeuert werden kann (lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen). Ein goldener Handschlag, sollte er nicht wieder in ein Amt zurückkehren: Adler bekäme nach seiner Zwangspensionierung in einem Zeitraum von drei Jahren, wie der "Tagesspiegel" vorrechnet, ein Ruhegehalt von etwa insgesamt 400.000 Euro, die Seehofers Ministerium locker machen müsste. Aber ist es das wert? Die Reaktionen sind eindeutig: Adlers Abgang ist ein herber Rückschlag.

Gunther Adler, Opfer für den Burgfrieden

Gunther Adler genießt einen einzigartigen Ruf in der Baubranche. Der 55-Jährige, der sich seit 2012 explizit mit Bau- und Wohnungspolitik beschäftigt, wird sowohl in der Immobilienwirtschaft als auch bei den Mieterverbänden gleichermaßen geschätzt. Er gilt als angesehener Fachmann auf seinem Themengebiet, über Parteigrenzen hinweg. So hat Adler, zynisch ausgedrückt, immerhin ein halbes Jahr im von der CSU geführten Bundesinnenministerium überlebt: Seehofer behielt ihn nach Übernahme des Amtes und der Eingliederung des Baubereichs vom Umweltministerium in sein neues Super-Ministerium wegen dessen Expertise, trotz seines SPD-Parteibuches. Ein durchaus ungewöhnlicher Schritt.

Entsprechend befremdlich und argwöhnisch fallen nun die Reaktionen auf seine Ablösung aus. Allein: Der Bau von bis zu 1,5 Millionen neuen Wohnungen wegen der steigenden Mietkosten in Städten ist ein zentrales Thema der Koalition, das auch beim "Wohngipfel" im Kanzleramt am Freitag zur Sprache kommen dürfte. Adler hat ihn mitorganisiert, die drei Bundesminister für Justiz, Inneres und Wirtschaft sollen dort sprechen. Aber Adler muss seinen Posten räumen.

"Das Bauen verliert jetzt seine Heimat"

"Es macht uns fassungslos, dass die Regierung auf diesen Mann verzichtet", sagt Barbara Ettinger-Brinckmann zum Deutschlandfunk. Die Präsidentin der Bundesarchitektenkammer bedauert den Verlust eines "ganz, ganz wichtigen" Mitarbeiters und fürchtet, das Thema Bauen werde ohne Adler "keine richtige Vertretung mehr in der Regierung" haben. "Das Bauen verliert jetzt seine Heimat", sagt sie.

"Hier wird mitten im Rennen das beste Pferd vom Platz genommen", meint Axel Gedaschko, Chef des Wohnungswirtschafts-Verbands GdW. "Die Wohnungswirtschaft verliert mit Gunther Adler einen wichtigen und kompetenten Fachmann. Für uns ist diese Entscheidung nicht im geringsten nachvollziehbar." Adlers Ablösung sei "eine herbe Hiobsbotschaft" und für die gesamte Branche "ein Unding". 

Die angekündigte Entlassung des Staatssekretärs "zwei Tage vor dem Wohn-Gipfel der Bundesregierung ist ein fatales Signal", erklärte der IG-Bau-Vorsitzende Robert Feiger am Mittwoch. Ihn zu entlassen zeige "in erschreckender Weise, welchen Stellenwert der Wohnungsbau" bei Seehofer tatsächlich habe. Es sei zu befürchten, dass mit Adler ein Großteil der wohnungsbaupolitischen Kompetenz im Bundesinnenministerium verloren gehe, so Feiger.
"Seehofer löst ein weiteres Desaster aus", sagt Ex-Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) zu Adlers Ablösung. "Diesmal betrifft es eine der drängendsten Fragen, mit der wir es auf allen Ebenen zu tun haben: Bauen und Wohnen." 

Ein ungewöhnlicher Schritt der Bundeskanzlerin 

Einen neuen Bau-Staatssekretär gibt es erstmal nicht, das übernimmt der bisher auch für den Verfassungsschutz im Innenministerium zuständige Hans-Georg Engelke. Beobachter seien skeptisch, schreibt der "Tagesspiegel": Angesichts der schwierigen politischen und wirtschaftlichen Gemengelage in der Bau- und Wohnungspolitik könne Engelke allenfalls Adlers Erbe verwalten.

Die Bundeskanzlerin sah sich wegen der deutlichen Kritik genötigt, im Ausland von sich aus Stellung zu dem innenpolitischen Thema zu beziehen. Vor Beginn eines informellen EU-Gipfels in Salzburg machte die Kanzlerin am Mittwoch deutlich, dass sie die Arbeit der SPD-Manns sehr schätze und sich alle Seiten darauf verständigt hätten, dass dieser "sehr schnell" eine "angemessene Position" bekommen solle.

Horst Seehofer hingegen scheint über das Ausscheiden des SPD-Staatssekretärs nicht allzu betroffen zu sein. Darauf deuten zumindest seine Aussagen bei der Pressekonferenz über die personellen Veränderungen hin. Er sprach zwar gerade über Maaßen, gab allerdings auch ganz allgemein zu Protokoll: Ein guter Beamter lasse sich hinstellen, wo er gebraucht werde.

fs / DPA / AFP