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Hannelore Kohl: Ihr Leben, ihr Leiden, ihr Tod

Hannelore Kohl hat ihrem Mann ein halbes Jahrhundert lang treu gedient - in guten wie in schlechten Tagen. Sie hat auf Helmut Kohl gewartet. Bis zum Schluss. An der Einsamkeit und ihrer Krankheit ist sie verzweifelt.

Sie hat ihr Leben mit einer Überdosis Schmerz-und Schlaftabletten beendet. Weil die Dunkelheit, in der sie zunehmend lebte, ihre Seele verschattete? Oder vor allem deshalb, weil sie sich der Anstrengung nicht gewachsen fühlte, zwei verschiedene Leben in einem zu führen?

Das falsche Leben an der Seite des Politikers Helmut Kohl, das sie ein halbes Jahrhundert geschultert hat. Und das Leben, das sie liebte: In dem sie eigene Wege gehen durfte und sich bewähren konnte. Als Mutter und als Präsidentin des Kuratoriums für schwerst Hirnverletzte.

Wer die Frau schildern will, die 16 Jahre lang perfekt die Kanzler-Gattin mimte, muss auch über ihn schreiben: ihren Mann, neben dem sie nur eine Rolle zu spielen hatte - die der strahlenden, aber möglichst stummen Dienerin. Und der sie immer öfter allein ließ, als er sie nicht mehr brauchte.

Sie ertrug auch das lange. Hannelore Kohl war eine pflichtbewusste Protestantin. Sehr preußisch, immer diszipliniert. Als sie spürte, dass ihre Kraft erschöpft war, könnte sie sich für den Tod entschieden haben. »Aufgeben ist das Letzte, was man sich gestatten darf«, hat sie in ihrem letzten veröffentlichten Gespräch Anfang April gesagt. Ein doppelsinniger Satz.

Könnte dieser Satz ein verzweifeltes Signal gewesen sein, ein Hilferuf, den niemand hörte, am allerwenigsten Helmut Kohl? »Wenn das so war«, sagt der Psychiater Michael Stark, »wäre es eine Todsünde gewesen, sie allein zu lassen«.

Schwierige Spurensuche

Spurensuche. Sie gestaltet sich schwierig. Noch im Juni hat sich Hannelore Kohl an einem langen Gespräch über eine vom WDR geplante TV-Dokumentation über Kohl beteiligt. Lebhaft diskutierte sie mit. Lachte, alberte, spottete. Depressionen? Keine Spur. Vier Tage vor ihrem Tod saß sie wie so oft zuvor in Kohls Lieblingsrestaurant »Deidesheimer Hof« und löffelte genüßlich einen Eisbecher leer. Schmerzen? Keiner merkte ihr etwas an. »Sie sah gut aus und scherzte mit uns«, berichtet Restaurant-Chef Manfred Schwarz.

Doch da gibt es auch die erst wenige Wochen zurückliegende Hochzeit ihres Sohnes Peter mit der Türkin Elif Sözen. Kohl ist mit dem Privatflieger des Medienzaren Leo Kirch nach Istanbul geflogen, im Tross auch seine langjährige Vertraute Juliane Weber. Die Mutter des Bräutigams aber saß hinter den Betonmauern des

Oggersheimer Bungalows und musste sich von ihrem älteren Sohn Walter per Handy vom Fest am Bosporus berichten lassen. Nicht dabei zu sein, schon das hat sie schier umgebracht. »Ein furchtbarer Schlag«, sagt auch der frühere Friesenheimer Stadtdekan Erich Ramstetter, sein Leben lang Freund der Kohls.

Es wisperte und flüsterte damals in den Berliner CDU-Zirkeln. Gab es wirklich keinen Weg, sie trotz ihrer Lichtallergie wenigstens am Abend an der Hochzeit teilnehmen zu lassen? Weshalb nur nahm Kohl die Weber mit? Unmöglich, der Alte, raunte es. Ausgerechnet die Frau, deren enge Beziehung zu Kohl 30 Jahre lang Anlass für Spekulationen gab! An diesem Tag, da ist sich einer ganz sicher, der Hannelore Kohl über Jahrzehnte nahe war, hat sie wieder ein Stück Lebensmut verloren.

Wenig reimt sich zusammen in der Lebensphase vor Hannelore Kohls Tod. Widersprüche überall. Wenn es stimmt, dass sie zuletzt kaum die wenigen Treppenstufen zwischen Schlafzimmer und Wohnzimmer schaffte, weshalb hat sich dann Kohl zu einer mehrtägigen Auslandsreise abgemeldet, ausgerechnet in der Woche, in die der 41. Hochzeitstag fiel? Anteilnehmende Fürsorge sieht anders aus.

Da teilt das Büro Kohl mit, die letzten 15 Monate habe sie in Oggersheim ohne jedes Tageslicht verbringen müssen. Nur nach Eintritt »völliger Dunkelheit« habe sie das Haus verlassen können. Ein befreundeter Fotograf erinnert sich andererseits, wie Hannelore Kohl und er vergangenes Jahr gemeinsam den Reichstag besichtigt und anschließend im Restaurant gegessen haben. »Sie war gut gelaunt.«

Weshalb hat Kohl noch am Tag vor ihrem Tod in der Unionsfraktion seinem Tischnachbarn Peter Bleser von gemeinsamen Urlaubsplänen erzählt? Wo und wie hätten sie Ferien machen können, wenn Hannelores Lichtallergie so dramatisch war, wie behauptet wird?

Von einem langen Telefonat, das sie vor ein paar Wochen mit Hannelore Kohl geführt hat, berichtet wiederum Doris Schröder-Köpf. Sie wollte die Frau des Amtsvorgängers, die sie sehr schätzte (»Sie hat sich sehr um mich gekümmert und mir sehr geholfen, mich nach dem Machtwechsel zurechtzufinden«), ins neue Kanzleramt einladen. Trotz des Angebots, den Besuch in die späten Abendstunden zu verlegen, habe sie sich nicht in der Lage gefühlt, nach Berlin zu kommen. »Sie klang sehr niedergeschlagen.«

Wabernde Gerüchte

Und welche Rolle spielten die immerzu wabernden Gerüchte? Sie habe sich in den Alkohol geflüchtet. Sie sei in Oggersheim ausgezogen und wohne in Mannheim, in einer Wohnung ihrer Freundin Christiane Esswein. Sie habe eine Affäre, wurde kolportiert - mal ortete der Klatsch einen hochrangigen Wirtschaftsführer, mal einen Chefarzt. Zog sie beim Spaziergang auf der Mannheimer Rheinpromenade zum Schutz vor dem Licht die Kapuzeihres Anoraks über den Kopf - höchst verdächtig: Sie will nicht erkannt werden, flüsterten Passanten. Nichts von alledem wurde jemals belegt, alles aber lüstern durchgehechelt - in der CDU vor allem.

Mag sein, dass solche Schmuddel-Storys an der Hornhaut hängen blieben, die sich Hannelore Kohl in vier Jahrzehnten an der Seite eines Spitzenpolitikers zugelegt hatte, zulegen musste. Sie gab vor, locker damit zu leben. Sei es nicht beschwerlich, das Kanzlergattin-Dasein? »Ooch, das übt sich«, hat sie geantwortet.

Am 27. Juni 1960 haben Helmut Kohl und Hannelore Renner in der St. Josefs-Kirche in Friesenheim geheiratet - zwölf Jahre nachdem sie sich bei einem Tanz im Gasthof »Zum Weinberg« kennen gelernt hatten. Die 15-jährige Hannelore trug damals den Spitznamen »Pfannkuchen« und ein Kleid, das ihre Mutter aus drei Fahnen zusammengenäht hatte; aus zweien hatte sie zuvor die Hakenkreuze herausgetrennt. Wenig später waren sie und der drei Jahre ältere Helmut ein Paar. Allerdings eins, das von Anfang an häufig getrennt war. Er studierte in Heidelberg, sie ließ sich in Germersheim und Paris zur Dolmetscherin ausbilden. Elf Jahre lebte das Paar bis zur Hochzeit an verschiedenen Orten.

Es blieb eine Fernbeziehung. »Tags arbeiten, abends feiern« sei Kohls »lebenslange Devise« gewesen, erinnert sich dessen Ex-Sprecher Karl Hugo Pruys. Schon als Ministerpräsident in Mainz zog es ihn nicht nach Hause; die Abende verbrachte er oft bis spät mit seiner Entourage - essend, trinkend, politisierend.

»Die Ehe verlief nicht so, wie es sich Ehefrau Hannelore während der langen Verlobungszeit vorgestellt hatte«, notiert Kohl-Biograf Klaus Dreher. »Der Mann kam höchstens zweimal in der Woche nach Hause, und wenn er da war, wollte er ausspannen. Sie machte aus ihren verlorenen Hoffnungen bald keinen Hehl mehr.«

Zwei Schlüsselwörter prägen die wenigen Gespräche, in denen sie überhaupt etwas Privates preisgab. Das eine ist Warten. Das andere ist Einsamkeit. Einmal beklagte sie die »vielen einsamen Stunden daheim«, wenn das Essen fertig ist, der Mann

aber nicht kommt, dafür ein Anruf, dass es wieder später wird. »Nach vier, fünf Stunden echten Wartens kann man nur noch von einem Hund verlangen, dass er nicht schimpft und sich immer noch freut«, sagte sie ein andermal. »Ich habe das von unserem Hund gelernt.«

Der hieß Igo, war ein Schäferhund und musste herhalten, wenn Frauchen Trost brauchte. Sie habe, gestand Hannelore Kohl in einem Interview, »in der Ehe gelernt, meine Tränen in einem Hundefell zu begraben«. Aber Igo war auch nicht immer da, weil ihn »der Ehemann ihr gelegentlich wegzunehmen pflegte, wenn er ihn bei sich im Mainzer Landtag haben wollte«, wie Pruys mokant anmerkt.

Die andere Frau

Und dann war da noch diese andere Frau: Juliane Weber. »Kohl und Frau Weber verhalten sich zueinander wie zwei alte Eheleute, die sich verstehen, wenn sie sich nur anblicken«, beschrieb Kohl-Sprecher Pruys die Beziehung, die man »in empfindsameren Epochen als der unseren als einen Liebesbund, freilich exzeptioneller Art«, bezeichnet hätte. Eine Liaison, von der man nie wusste, ob sie rein platonisch war, die aber seit den 70er Jahren Anlass zu Flüstereien und Spekulationen gab, die Hannelore Kohl tief verletzen mussten.

Anmerken liess sie sich nichts. Die Maske saß. Sehr selten ließ die zierliche Frau erkennen, wie das Leben an der Seite dieses alles und jeden erdrückenden Kolosses sie belastete. »Es ist nicht der allein seeligmachende Zustand. Manchmal kommen

schon Zeiten, da kocht es einem hoch.» In Sätzen wie diesen drang durch, dass sie ihr öffentliches Leben auch als Passion begriffen hatte. Allerdings mehr als Leiden, nicht als Leidenschaft.

Von Anfang an ist Hannelore Kohl ihrem Gatten eine funktionierende Dienerin. Sie korrigiert und tippt seine Doktorarbeit, sie kutschiert ihn Tausende Kilometer weit durch seine ersten Wahlkämpfe, sie hält als Landesmutter zweimal die Woche Bürgersprechstunden im Privatbungalow ab, sie richtet, als Kohl nach Höherem strebt, die Zweitwohnungen ein, in denen sie dann nicht wohnt. Sie bewirtet Staatsgäste, hackt das Zehn-Punkte-Programm zur Deutschen Einheit in ihre Reiseschreibmaschine, auf der sie auch alljährlich Kohls Neujahrsansprachen tippt.

Und sie ist allein für die beiden Söhne Walter (Jahrgang 1963) und Peter (Jahrgang 1965) zuständig. »Ich tue alles, was normalerweise eine Frau tun sollte. Und das, was ein Mann tun sollte, noch dazu«, hat sie früh ihre häusliche Rolle beschrieben. Die Erziehung sei »ausschließlich« ihre Sache gewesen, er habe die »psychologische Schwierigkeit eines Vaters gehabt, der allmählich den Zugang zu den Problemen seiner Familie verliert«, erzählte sie, als die Jungs längst erwachsen waren.

Es ist ein Leben in einem nicht einmal goldenen Käfig. Draußen vor dem Haus steht ständig ein Wachposten, die Söhne müssen wegen der Bedrohung durch die RAF von der Polizei zur Schule und wieder zurückgebracht werden. Sie schützt die beiden Buben wie die Briten die Kronjuwelen. Am liebsten hätte sie nicht einmal ihre Vornamen preisgegeben: »Meine Kinder

und ich - alles, was uns betrifft, ist unsere private Gemeinsamkeit. Darin hat die ffentlichkeit absolut nichts zu suchen.» Sie versucht , Peter und Walter zu immunisieren gegen Vorwürfe, die ihrem Vater gelten, die Kinder aber oft viel härter treffen. Das sei «sehr schwer» gewesen, sagt sie später.

Einsame Zeit

Sie muss sehr allein gewesen sein in dieser Zeit. »Früher, wenn du heimkamst, warst du da. Heute bist du anwesend, aber nicht unbedingt da«, beschwerte sie sich 1973 bei ihrem Mann. Auch Freunde halfen nur bedingt. Selbst mit ihnen habe sie ihre Sorgen nicht teilen können, »weil die diese Erfahrungen nicht haben«, sagte die Kanzler-Gattin rückblickend. Wie man das alles aushält? Nur ohne Rücksicht auf Verluste im eigenen Seelenheil. Oder, wie Hannelore Kohl es selbst ausdrückte, »mit Durchhaltevermögen, das in jungen Jahren antrainiert wurde«.

Das Passiv verrät schon viel: Eigener Antrieb war nicht dabei. Die junge Hannelore Renner, Jahrgang 33, ist bereits mit zwölf erwachsen, wie sie später erzählt. Noch Kind, hat sie bereits schlimmere Erfahrungen hinter sich, als gefestigte Charaktere verarbeiten können. Zunächst Kriegshilfsdienst als Zehnjährige im sächsischen Döbeln: Tote bergen, Verletzten und Müttern helfen, deren Kinder erfroren sind. Dann Flucht mit der Mutter nach Westen, die Füße in zurechtgeschnittenen Gummireifen. Nächte in Straßengräben und Heuschobern. Ständiges Hungern, das bisschen, was es zu essen gibt, muss sie klauen. Schließlich die russischen Soldaten. Frauen werden vergewaltigt, geschlagen, manche totgeprügelt, auch Hannelore kommt nicht davon, wird schwer am Rücken verletzt.

Wenigstens den bereits tot geglaubten Vater treffen sie wieder. Die Familie schlägt sich nach Mutterstadt bei Ludwigshafen durch, wo die Großeltern wohnen. Aber auch deren Haus ist zerstört. Sie kommen in einer 15 Quadratmeter kleinen Waschküche unter.

Hannelore Kohl spricht, wie viele Flüchtlinge, später nicht gerne von dieser Zeit. Nur einmal bricht es aus ihr heraus: »Man hat mich später als Kriegsversehrte mit 5000 Mark abgeschädigt. Nicht gutzumachen waren die seelischen Belastungen.« Gut erklärlich jedenfalls ihre peinliche Ordnungsliebe - von der Frisur bis zum akkurat gestutzten Rasen - und ihre Definition von Luxus: ein eigenes Badezimmer, das man abschließen kann. Und Ruhe. Viel Ruhe.

Schmerzlich getroffen hat sie deshalb, wie sich die Beziehung zu Kohl nach dessen Machtverlust entwickelte. Da war zunächst Hoffnung gewesen: auf mehr Privatheit und gemeinsame Zeit. Sie träumte davon, nicht mehr täglich im »Fadenkreuz der

Medien» zu stehen, die Popularität loszuwerden, «die man auf den Schultern hat». Nicht länger auf der Hut sein bei jedem Wort. Nicht so oft zu warten.

Kaum entkanzlert, macht Kohl jedoch keineswegs, was seine Frau erhofft haben mag, Pause und in Familie, sondern suhlt sich im Glanz der Feiern zur zehnjährigen Wiederkehr des Mauerfalls, hält, überzeugt von seiner Unentbehrlichkeit, in der Unionsfraktion Hof und rauscht ungebremst in der Weltgeschichte herum. Polens Präsident Aleksander Kwasniewski, der

Heilige Vater, Roman Herzog, Egidius Braun - kaum einen lässt der Rundumbesucher aus. Ansonsten sitzt er in seinem Büro Unter den Linden und - auch in sitzungsfreien Wochen - in der Berliner Wohnung, die sie liebevoll möbliert hatte. Sie sitzt im bekannten falschen Film: Hannelore allein zu Haus.

Der Spendenskandal belastet sie, für ihn ist er die Rechtfertigung seiner nimmermüden Berlin-Präsenz. Sie bleibt einsam. Nur jetzt, da die Söhne aus dem Haus sind, spürt sie diese Einsamkeit schmerzlicher als früher, als sie für den »Famillje«-Kanzler eine heile Welt organisieren musste, an der er kaum teilnahm.

Selten Zweisamkeit

Zweisamkeit hat es in dieser Ehe selten gegeben. Einmal im Jahr verzieht sich Kohl zum Fasten nach Bad Hofgastein - allein. Im Sommer geht?s 30 Jahre lang zusammen an den Wolfgangsee, aber das ist vor allem Show für die angereisten Fotografen: Das Kälbchen im Stall des Bauern Josef Rentsch tätscheln, Kätzchen streicheln. Frau Hannelore beim Abtrocknen zur Hand gehen. So mochte er es, drei Wochen im Jahr.

»Ortsveränderung mit Bonner Elementen«, nennt sie es. Der Gemahl empfängt ständig Gäste aus Politik und Presse und ist noch im Urlaub »wahnsinnig pünktlich«. Sie möchte dagegen endlich mal fünf gerade sein lassen. »Das ist es doch. Aber er hängt dauernd an den Drähten.«

Hinter der Attitüde des treusorgenden Vaters versteckte er den Egomanen. »Ich mache, was ich für richtig halte«, war einer seiner Lieblingssätze. Ich, ich, ich. Privat gefiel er sich in der Rolle des Paterfamilias. Der bei Tisch den Wein ausschenkt und die Frau im Hause für die Nestwärme verantwortlich macht. Sie sorgt für die kleine Welt, er ordnet die große.

Hat er seine Frau um Rat gefragt, seine Nöte mit ihr besprochen, sie in sein Leben einbezogen? Im »Tagebuch 1998 - 2000«, in dem Kohleone sich den Frust über die Schwarzgeldaffäre von der Seele schreibt, kommt die Gattin nur am Rande vor - und dann vor allem in der Rolle einer besseren Angestellten. Sie darf ihn zu zwei, drei Festivitäten begleiten und ihm helfen, Spenden zu akquirieren, damit er wenigstens den Geldschaden begleichen kann, den er mit seinem Festhalten am Ehrenwort bei der CDU angerichtet hat.

Dankbarkeit mag sie dafür erwartet haben; bekommen hat sie sie nicht. Jedenfalls nicht in einer Form, die wirklich zählt. Wie viele - vielleicht sogar die meisten - Politikergattinnen hat Hannelore Kohl die Karriere ihres Mannes eher skeptisch verfolgt, hat insgeheim gehofft, dass es irgendwann ein Ende hat damit. Sie hofft es Jahr um Jahr. Vergebens. Zuletzt setzt sich Kohl auch noch über sein Versprechen hinweg, nach 1994 auf keinen Fall mehr weiterzumachen.

Nur gelegentlich bricht sie aus und amüsiert sich solo. Wie am 13. September 1999 im Berliner Ritz-Carlton-Schlosshotel, wo der Komponist Jack White den Börsengang seiner Firma feiert. White erinnert sich: »Johnny Logan hat gesungen - ein

traumhafter Abend. Ich bin um zwei oder drei nach Hause gegangen, und Frau Kohl tanzte immer noch. Ich hab mir von meinen Freunden sagen lassen, dass sie bis in die frühen Morgenstunden getanzt hat und eine der Letzten war, die gegangen ist. Sie hat sich so wohl gefühlt, das war so toll, die war so gut drauf.»

Tragische Lebenslüge

Die Tragik im Leben der Hannelore Kohl liegt darin, dass sie die Lebenslüge der heilen Familie stets mitgemacht hat. Sie ließ sich auf Kohls Lebensziele verpflichten, als wären sie ihre eigenen. »Es ist eines der wesentlichen Dinge im Leben, dass man weiß, wann man sich zurücknehmen muss.« Damit hat sie sich ihm ausgeliefert. Er wiederum hat ihr Leben rücksichtslos besetzt und benutzt für seine Karriere. Unbegreiflich, wie sie jemals die Hoffnung hegen konnte, dieser Mann würde im Ruhestand Gefallen daran finden, den Rasen zu mähen und Rosen zu züchten. Kohl kann nicht anders: Sein Selbstbild verpflichtet ihn aufs Bäumeausreißen - in Berlin hat er sich soeben mal wieder ungebeten als Wahlkämpfer aufgedrängt.

Mag sein, dass sie daraufhin endgültig resigniert hat. Begriffen hat, dass einer wie Kohl sich nicht ändern und sich nie auf sie und ihre Bedürfnisse so einlassen wird, wie sie es umgekehrt getan hat. Mag sein, dass sie sich in diesem Augenblick aus der vor vielen Jahren selbst auferlegten Pflicht entlassen hat, perfekte Kanzlerfrau zu sein. Stets mit Betonfrisur, immer mit puppengleichem Lächeln und oft mit Kragenbluse. Brav, bieder und offenbar ohne eigene politische Ansichten. »Anpassen«, sagte sie, »ist für mich kein schlechtes Wort.«

Fix war das Bild der »Barbie aus der Pfalz« fertig. Für eine Provinzkuh habe man sie gehalten, gestand sie 1998 dem stern. Für »blond und blöd«. Bei der es nur dazu reicht, für den Dicken Saumagen zu braten und mit dem Hund in die Hundeschule zu gehen.

Wer hat schon mehr gewusst über die andere Hannelore Kohl? Darüber, wie sie auch sein konnte. Eine fröhliche Frau, die gerne lachte. Die beim Fototermin im ungeliebten Bonner Kanzlerbungalow plötzlich »Du Schweinehund!« zischte und dem verdatterten Fotografen freundlich erklärte: »Man hat mir gesagt, dass der Mund auf Fotos besonders schön aussieht, wenn man Schweinehund sagt.« Sie mochte es nicht, wenn sie mit »Frau Bundeskanzler« angeredet wurde. »Ich bin nicht Bundeskanzler«, antwortete sie dann. Zuständig für die Strickwesten des Staatsmannes sei sie, spottete sie zuweilen über ihre Rolle. Sie konnte locker sein und leicht auch spitzzüngig. Wer hätte gedacht, dass sie einen heißen Reifen fuhr. Manchmal so schnell, dass ihre Bewacher nicht mithalten konnten. Sie parlierte fließend Französisch und sprach Englisch akzentfreier als Henry Kissinger.

50 Jahre Kohl - die hat sie mit unendlicher Selbstverleugnung ausgesessen. Stolz war sie auf anderes. Auf ihre Arbeit als Gründerin und Präsidentin des Kuratoriums ZNS, das sich um Unfallopfer mit Schäden des Zentralnervensystems kümmert. Mehr als 30 Millionen Mark hat sie dafür zusammengebettelt.

ZNS, das war das Kürzel für ihr Leben aus eigener Kraft. Über 150 Reha-Zentren hat die Stiftung finanziert. Dafür setzte sich Hannelore Kohl in Talkshows ein, obwohl sie die Neugier hasste, die sie dort befriedigen musste. Ein Kochbuch hat sie

herausgegeben, sehr zweideutig: »Was Journalisten anrichten«, Vorträge gehalten. Da wurde die Hannelore Kohl jenseits von Oggersheim sichtbar, ohne die Maske der hausbackenen Kanzlergattin, die zu tragen sie so viel Kraft gekostet hat.

Jeder Freitod eine Botschaft

Einen ihrer letzten Auftritte hat sie in der Nacht zum Jahrtausendwechsel, als der Ex-Kanzler demonstrieren will, wie wenig ihm die Attacken wegen der Schwarzgeldaffäre anhaben können. Das Paar feiert in Berlin - öffentlich. Kohl notiert später: »Ich versuche, sie in der Silvesternacht an schönere, bessere Zeiten zu erinnern.« Welche waren das wohl? »Beispielsweise an die Silvesternacht vor zehn Jahren, als wir gerade bei den ersten gesamtdeutschen Wahlen so erfolgreich abgeschnitten hatten und die Regierungsverantwortung für das erstmals vereinte Deutschland übernehmen konnten.« Auch hier: Selbst wenn er an sie zu denken glaubt, denkt er nur an sich.

Jeder Freitod ist eine Botschaft an den »Anderen«, urteilt der Philosoph Jean Amry. »Mit seiner Freiheit durchkreuzt er die meine, mit seinem Projekt steht er dem meinigen im Wege, sein Blick allein schon, der mich richtet und zu einem bestimmten Sosein verurteilt, ist eine Art von Mord.«

So ist dieser Suizid vielleicht so etwas wie ein emanzipatorischer Akt gewesen; die befreiende Tat einer Frau, die ihr eigenes Leben weitgehend aufgegeben hatte, damit ihr Mann das seine so gestalten konnte, wie es ihm passte. Einer Frau, die zum ersten Mal keine Rücksicht mehr nehmen wollte. Das hat auch etwas Tröstliches. Denn die Angst vor dem Licht war womöglich nur das kleinere Martyrium der Hannelore Kohl, geborene Renner, zur Welt gekommen am 7. März 1933, aus dem Leben geschieden am 5. Juli 2001.

Andreas Hoidn-Borchers / Hans Peter Schütz

Mitarbeit: Walter Wüllenweber, Stefan Schmitz, Markus Grill, Florian Gless, Tilman Wörtz, Ulrike von Bülow

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