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Holocaust-Gedenktag: "Furchtbarstes Verbrechen der Weltgeschichte"

Mit einer Gedenkstunde wurde im Bundestag und an anderen Orten in Deutschland an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Doch wie die NS-Ideologie entstanden ist und funktionierte, wissen offenbar die meisten deutschen Jugendlichen nicht.

Die Holocaust-Überlebende und frühere Präsidentin des Europäischen Parlaments, Simone Veil, hat die osteuropäischen EU-Beitrittsstaaten aufgerufen, "mit Mut und Würde" ihre Geschichte aufzuarbeiten. Bei einer Gedenkveranstaltung des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus sagte sie am Dienstag in Berlin: "Jeder Mitgliedstaat sollte um seine Fehler und sein Versagen wissen und sich dazu bekennen." Die Shoah, die systematische Vernichtung der Juden durch die Nazis, sei in einigen osteuropäischen Ländern noch nicht ausreichend anerkannt.

Nach jahrzehntelanger sowjetischer Herrschaft "haben die Opfer des Kommunismus die Opfer des Nationalsozialismus verdrängt", sagte Veil. "Schlimmer noch: Gedächtnis und Geschichte werden manchmal so manipuliert", dass die Leiden durch die Kommunisten "dem Antisemitismus als Rechtfertigung dienen".

Auch in Frankreich hätten erst die 90er Jahre "die offizielle Anerkennung der direkten Verantwortung des französischen Staates für die unter der Vichy- Regierung begangenen Verbrechen" gebracht, sagte Veil mit Blick auf ihr Heimatland.

Der frühere Bundespräsident Roman Herzog hatte 1996 den Tag der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau (Polen), den 27. Januar, zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus bestimmt. An der Veranstaltung im Parlament nahmen neben Bundestagspräsident Wolfgang Thierse unter anderem Bundespräsident Johannes Rau, Bundeskanzler Gerhard Schröder und das gesamte Kabinett teil. Thierse sprach unter anderem vom "größten und furchtbarsten Verbrechen der Weltgeschichte".

Gedenken an Nazi-Opfer

Auch an anderen Orten in Deutschland, besonders ehemaligen Konzentrationslagern, wurde der Nazi-Opfer gedacht. In Auschwitz selbst versammelten sich 400 ehemalige Häftlinge und ihre Angehörigen. In Sachsenhausen bei Berlin wurde eine Ausstellung "Gewissenlos - Gewissenhaft" über medizinische Experimente der Nazis eröffnet. In der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora in Nordhausen rief Bundesratspräsident Dieter Althaus zu Zivilcourage und Wachsamkeit gegenüber Extremismus und Fremdenhass auf. Für ihr Engagement zur Dokumentation jüdischen Lebens zur Zeit des Holocausts wurden in Berlin fünf Persönlichkeiten mit dem "German Jewish History Award" ausgezeichnet.

Simone Veil wurde im April 1944 nach Auschwitz deportiert und war dort und in Bergen-Belsen 13 Monate lang inhaftiert. "Sie gehört zu den wenigen, die den Konzentrationslagern entkommen sind", sagte Thierse in seiner Rede. Er und Veil zeigten sich zuversichtlich, "dass jede Generation eigene Wege und Formen des Erinnerns finden kann und finden wird". Nach der Veranstaltung im Parlament diskutierten Veil und Thierse mit Jugendlichen aus Polen, Frankreich und Deutschland über den Holocaust und die Zukunft Europas.

Der Präsident des Zentralrates der Juden, Paul Spiegel, plädierte am Rande der Gedenkfeierlichkeiten für eine "Stunde der Erinnerung" an allen Schulen. "Wenn wir die Erinnerung nicht an die Jugend weitergeben, sind solche Gedenktage am Sinn vorbeigelaufen", sagte er der dpa. Es gehe dabei nicht um "stilles Gedenken", sondern etwa darum, "in einer Projektwoche das Thema vorzubereiten".

Jüdische Gemeinde in Deutschland drittgrößte in Europa

Thierse nannte es einen "besonderen Vertrauensbeweis", dass knapp 60 Jahre nach dem Zweitem Weltkrieg in Deutschland wieder 100 000 Juden lebten. Die Jüdische Gemeinde in Deutschland sei inzwischen die drittgrößte in Europa. Um so bestürzender sei, dass sich hier wieder Antisemitismus breit mache. Veil würdigte, dass Deutschland den 27. Januar zum Tag des Gedenkens bestimmt habe, und fügte hinzu, Europa habe sich verpflichtet, Deutschland "auf diesem Wege zu folgen".

Nach Ansicht des Frankfurter Holocaust-Forschers Prof. Micha Brumlik wissen deutsche Jugendliche nicht, wie der Nationalsozialismus entstanden ist. Von historischen Detailkenntnissen über Entstehung und Funktionieren des Nationalsozialismus könne man "überhaupt nicht mehr ausgehen", sagte der Leiter des Frankfurter Fritz Bauer Instituts in einem Interview mit dem DW-Radio.

Zwar seien deutsche Schüler im internationalen Vergleich immer noch besser über das NS-Regime informiert als Jugendliche anderer Nationen, doch sei ein "gewisser Übersättigungs- und Überdrusseffekt" festzustellen, sagte Brumlik. Die Diskussion um Täterschaft verunsichere Jugendliche dann, wenn sie den Eindruck erhielten, es gehe um Kollektivschuld. Im Umgang mit dem Nationalsozialismus sei jedoch nicht mehr die Frage der Schuld zentral, sondern die "staatsbürgerliche Verantwortung, die alle Bürger der Bundesrepublik zu übernehmen haben".

Aus: Otto Schwerdt, "Als Gott und die Welt schliefen"

Die Ankunft in Auschwitz-Birkenau "...Der Zug bleibt stehen. Die, die noch leben, geben jetzt keinen Laut von sich. Es ist unerträglich ruhig. Ich höre nur noch das schwere Atmen der anderen. Wo sind wir, und was wird mit uns geschehen? Diese Frage hämmert in meinem Kopf. Die Angst wird immer größer. Ich sehne mich nach meiner Mutter. An den vorderen Waggons schieben sie die Türen auf. Durch die Waggonwand gedämpft - Schreie, Weinen, Gebrüll. Ich höre Stimmen, die ich nie mehr vergessen werde. Unsere Tür wird aufgerissen. Plötzlich ist alles ganz laut.

"Raus, raus!", schreien die SS-Männer. "Schneller!" Sie ziehen uns aus den Waggons, Häftlinge in gestreiften Kleidern und mit rasierten Köpfen helfen der SS, uns nach draußen zu treiben. Ihre Gesichter sind grau und leer. Was haben sie hier schon alles gesehen und erlebt, dass sie so mechanisch, ja fast teilnahmslos mit uns umgehen? Es ist, als würden sie durch uns hindurch sehen. Sie nehmen uns nicht wahr. Mit der letzten Kraft springe ich aus dem Waggon. Zurück bleiben die Toten. Wie Vieh, das auf dem Transport zum Schlachthof verendet ist, liegen die Körper auf dem Boden des Güterwaggons. Gebrüll und hektische Stimmen. "Hier stehen bleiben!" Wir stehen an der Rampe von Auschwitz-Birkenau. Wir stehen da. Verlassen. Ein SS-Arzt geht musternd an uns vorbei. Dann dreht er sich um und stellt sich vor uns hin. Jetzt müssen wir langsam an ihm vorbeigehen. Bei jedem einzelnen zeigt er mit dem Finger nach rechts oder nach links. Das ist die erste Selektion. Ältere Menschen, zierlich und schwach Aussehende, Mütter mit Kindern schickt er auf die linke Seite. Junge, noch kräftig aussehende Menschen auf die rechte Seite, nach Frauen und Männern getrennt. Die kahlköpfigen Häftlinge tragen die toten Leiber aus den Waggons und legen sie neben die linke Menschenreihe auf den Boden. Plötzlich ist es mir klar. Links bedeutet Tod, rechts Leben. Rechts Arbeitslager, links Gas...."

Wenig später schreibt Otto Schwerdt: "...Nackt stehe ich vor ihnen. Die Nazis haben mir alles genommen, was mir lieb und wichtig war. Meine Familie, meine Freunde, meine Menschenwürde. Was können sie mir noch antun? Langsam wir mir klar, welchen Weg ich zu gehen versuche. Ich muss lernen, mit dem Leid und den Grausamkeiten umzugehen, die ich täglich sehen und auch erleben werde. Meine Seele darf daran nicht zerbrechen. Ich muss sie schützen. Wenn mein Körper und mein Geist aufgeben wollen, soll sie mich wieder zurückholen. Jeden Tag muss ich versuchen, den nächsten durchzustehen. Ich weiß noch nicht, was mich hier in Auschwitz erwarten wird. Ich weiß nicht, ob ich überleben werde, aber ich sollte es wenigstens versuchen..."

In der Folge schildert Otto Schwert den Alltag in dieser unvorstellbaren Welt der Grausamkeit, der Entmenschlichung. Wir erleben Untiefen des Menschen im Existenzkampf, aber auch Zeichen der Menschlichkeit in dieser Hölle. Der Bericht ist auch eine Lektion über unvorstellbare Abgründe des Menschen. Otto Schwerdt überlebt zusammen mit seinem Vater den Holocaust. Seine Mutter, seine Schwester und sein Bruder werden von den Nationalsozialisten ermordet.