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HOMOSEXUALITÄT: Schwule in der Politik: Die versteckte Fraktion

Sie machen aus ihrer Art zu lieben ein Geheimnis. Denn sie haben ANGST, nicht mehr gewählt und von den eigenen Parteifreunden fallen gelassen zu werden. Auch nach dem bejubelten Coming-out des neuen Berliner SPD-Stars Klaus Wowereit bleiben die meisten homosexuellen Politiker vorsichtshalber in der Deckung.

Sie machen aus ihrer Art zu lieben ein Geheimnis. Denn sie haben ANGST, nicht mehr gewählt und von den eigenen Parteifreunden fallen gelassen zu werden. Auch nach dem bejubelten Coming-out des neuen Berliner SPD-Stars Klaus Wowereit bleiben die meisten homosexuellen Politiker vorsichtshalber in der Deckung. »Ich möchte nicht den Stempel ,schwul? aufgedrückt bekommen«, begründet ein CDU-Mann im stern seine Entscheidung, nicht an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Sorge scheint auf den ersten Blick unbegründet: Nach einer stern-Umfrage können sich zwei Drittel aller Deutschen sogar vorstellen, von einem schwulen Kanzler regiert zu werden. Doch die verklemmte Debatte um Wowereits mutige Flucht nach vorn beweist, dass längst nicht alle so gelassen sind, wie sie gern vorgeben

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Bekenntnis eines CDU-Politikers: »Ich heuchle kein Eheleben vor«

SPD-Generalsekretär Müntefering im Interview: »Schwul, na und?«

Schwule in der Politik: Sollen sie sich outen oder nicht, leidet ihre Glaubwürdigkweit unter der Homosexualität? Diskutieren Sie im Forum.

Interessiert es Sie, ob ein Politiker homosexuell ist? Stimmen Sie ab bei der Frage des Tages.

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Darf ein Schwuler Bundeskanzler werden? Die Frage muss man stellen, seit sich Klaus Wowereit, der neue – vorerst bis Herbst – Regierende Bürgermeister von Berlin, mit einem Satz outete, der das Zeug zum geflügelten Wort hat: »Ich bin schwul, und das ist auch gut so.«

Das hatte noch kein Spitzenpolitiker gewagt

Das hatte noch kein Spitzenpolitiker gewagt. In Deutschland, das erst 1994 den absurden Schwulen-Paragrafen 175 endgültig aus dem Strafgesetzbuch tilgte, galt eine Art Geheimhaltungspflicht: Zwar durften Schwule seit Adenauers Zeiten Minister werden, sogar Ministerpräsident – aber eins durften sie um Gottes willen nie: es zugeben. Dieses Tabu hat Wowereit mit einem Lächeln gebrochen.

Für den grünen Landespolitiker Dieter Telge, der einst im Tunten-Fummel das Berliner Abgeordnetenhaus aufsuchte, ist die angestrebte Neuwahl deshalb »ein Testfall« – dafür, ob die Wähler es auch gut so finden und es damit anderen schwulen Politikern erleichtern, offen mit ihren Neigungen umzugehen. Telge: »Schafft Wowereit es nicht, haben wir über viele Jahre nichts Vergleichbares mehr zu erwarten. Gewinnt er die Wahl, hoffe ich auf einen Erdrutsch.«

Entsprechende Umfragen klingen recht ermutigend: 89 Prozent der Deutschen interessiert es nicht, ob ein Spitzenpolitiker homosexuell ist, ermittelte das Berliner Forsa-Institut im Auftrag des stern (siehe Kasten Seite 42). Und die Sympathiewerte von Klaus Wowereit sind seit seinem Tag X erheblich gestiegen.

Noch eines hat der Sozialdemokrat, eher ungewollt, mit seinem Coming-out erreicht: einen steigenden Druck auf schwule Politiker in allen Parteien, sich zu erklären. Während die versteckt lesbischen Politikerinnen die Öffentlichkeit weiterhin kaum zu interessieren scheinen, werden die Schwulen nun stärker aus den eigenen Reihen wie auch von Journalisten zum Schritt nach vorn gedrängt.

Zugleich sind die Hemmungen gesunken

Zugleich sind die Hemmungen, jemanden gegen dessen Willen zu outen, gesunken. So enthüllte die »taz« gleich zwei Namen, »Spiegel online« war – allerdings nur kurz – mit Details über das Liebesleben eines FDP-Spitzenpolitikers im Netz, andere Medien formulierten nur haarscharf an einem justiziablen Outing vorbei. Und der grüne Parteichef Fritz Kuhn ließ alle Fairness fahren und rhabarberte zum wiederholten Mal in einer Rede über einen prominenten schwulen Oppositionspolitiker.

Dürfen die das? Nein, dürfen sie nicht. »Geoutet werden darf nur jemand, wenn er schwadroniert, Schwule seien ,perverse Subjekte?, sich dann aber am Abend vor dem Hamburger oder Leipziger Hauptbahnhof einen Stricher kauft«, hat es der schwule frühere JU-Sprecher Holger Doetsch mal auf den Punkt gebracht.

Ansonsten gilt für Homos wie für Heteros in der Politik: Jeder hat ein Recht auf das letzte bisschen Privatsphäre, das einem die Mediengesellschaft noch lässt. Es sei denn, er zieht, um Sympathiepunkte bei den Wählern heischend, selbst den Vorhang weg. Wer, wie Verteidigungsminister Rudolf Scharping, mit seiner neuen Liebe durch alle Blätter und Talkshows turtelt, der darf sich nicht beschweren, wenn er bei Gelegenheit durch den Kakao gezogen wird, den er selber angerührt hat.

Davon, ihre Liebe so zu präsentieren, sind homosexuelle Politiker und ihre Partner weit entfernt. In den Landesparlamenten und -regierungen sitzen Dutzende schwuler Politiker und Politikerinnen aus allen Parteien, aber nur ein Bruchteil steht offen dazu, als Mann Männer zu lieben und als Frau Frauen. Dem Bundestag gehören mindestens 20 schwule Männer an, die Hälfte von ihnen hat ein Parteibuch von CDU oder CSU, sechs sind Sozialdemokraten, drei aus der FDP-Fraktion. Und einer kommt von den Grünen: Volker Beck, 40, ist der Einzige, der im Abgeordnetenhandbuch eine »schwule Lebensgemeinschaft« angegeben hat. Bei SPD-Mann Johannes Kahrs, 37, steht »ledig«, aber er spricht offen darüber, dass er mit einem Mann zusammenlebt. Alle anderen sind »Klemmschwestern«, wie Schwule die Versteckspieler in ihren Reihen nennen.

Pure Angst

Pure Angst ist es, die alle aufmunternden Umfragen schlägt. Und die ist, wie fast jeder Schwule nach seinem Coming-out erzählen kann, meist dramatisch größer, als es die wirklichen Folgen sind. »Die Umfrageergebnisse klingen natürlich prima«, sagt ein versteckt schwuler Landtagsabgeordneter, »aber in der Praxis ist ein Coming-out noch immer ein Karriere-Hemmnis.« Viele seien zwar mit dem Verstand tolerant, auf der Gefühlsebene aber noch lange nicht so weit. Das würden Parteifreunde dann bei der Postenvergabe deutlich machen – und auch die Wähler mit dem Stimmzettel. Die Mehrheit der Heimlichtuer lebt ihre Sexualität so diskret wie nur möglich aus, viele von ihnen sind sogar verheiratet. Andere, auch Spitzenpolitiker, bewegen sich regelmäßig in schwulen Kneipen oder Cafés und bauen auf die Diskretion der Zeugen. Das funktioniert weitgehend, denn die schwule Gemeinde tratscht Gerüchte über Prominente aus den eigenen Reihen zwar blitzschnell weiter – aber Outing ist für die meisten tabu.

Wer schweigt, hat seine Tarnung über Jahre perfektioniert, sich damit erfolgreich durch Parteigremien und Wahlen gewurstelt und sieht keinen Anlass, seinen Status zu riskieren. »Je länger man wartet«, sagt Volker Beck, »desto schwieriger wird der Schritt zum Coming-out. Schließlich enthält es immer auch die Botschaft: Ich habe euch bis heute beschwindelt.«

Klaus Wowereits Schritt in die Öffentlichkeit – er kam damit einem offenbar drohenden Outing durch die Springer-Presse zuvor – hat den Mut zusätzlich gedrosselt. Nun sei es schon aus strategischen Gründen ungünstig, sagt ein FDP-Politiker: Wer jetzt über seine Homosexualität rede, gelte nur als mutloser Mitläufer im Windschatten Wowereits. Und so solle ihn die Öffentlichkeit doch bitte nicht wahrnehmen.

In den vergangenen Jahren hat sich viel bewegt

In den vergangenen Jahren hat sich viel bewegt, die Toleranz gegenüber Homosexuellen ist enorm gestiegen. Schwule und lesbische Nachbarn, Kollegen, Autoverkäufer – für die meisten ist das kein Problem mehr. 64 Prozent der Deutschen behaupten sogar, sie könnten sich einen Schwulen als Bundeskanzler vorstellen. Hört sich gut an. Aber Bernhard Weinschütz, Grüner im Berliner Abgeordnetenhaus, liest das Umfrageergebnis pessimistisch: »Umgekehrt heißt das auch: Ein Drittel hat der Kandidat gegen sich. Das ist immer noch zu viel.« Fällt jeder dritte Stammwähler weg, ist eine Wahl nicht mehr zu gewinnen. Was jetzt in der relativ toleranten Hauptstadt mit dem Spitzenkandidaten Wowereit passiere, sagt Weinschütz, lasse sich schließlich nicht auf die ganze Republik übertragen: »In Flächenstaaten ist so etwas nach wie vor kaum denkbar.«

Wer immer Pionierarbeit in einem Landesparlament leisten will, muss sogar mit der Häme der Kollegen rechnen. In Volker Becks Anfangszeit in Bonn klebten nachts Kondome an der Bürotür, schaltete die Verwaltung die Mailbox ab, weil in der Ansage das Wort »schwul« vorkam. Außerdem musste Beck sich auf dem Band mehrfach das Grölen und Stöhnen von Abgeordneten anhören, die so ihren Berührungsängsten Ausdruck verliehen.

Als der Grüne Albert Eckert 1990 zum Vizepräsidenten des Berliner Abgeordnetenhauses gewählt wurde, dauerte es nur wenige Tage, bis ihm der CDU-Abgeordnete Klaus-Hermann Wienhold via Radio vorwarf, ein »Strichjunge« zu sein – Eckert hatte unter dem Namen »Watai« Massagen angeboten. Wienhold wurde später gerichtlich untersagt, seine Behauptung zu wiederholen. Aber da war Eckert seinen Posten längst wieder los.

Der amtierende Hetero-Kanzler, der den schwulen Genossen Wowereit zur Kandidatur ermunterte, hatte nicht immer so großes Zutrauen in die Libertinage der sozialdemokratischen Klientel. Die Homo-Ehe solle die SPD lieber mit der Kneifzange anpacken, riet Gerhard Schröder intern vor nicht allzu langer Zeit – allzu vehementen Einsatz für Schwule und Lesben würde

der Wähler im Westerwald nicht honorieren. Hier irrte der sonst so instinktsichere Kanzler: Bei keiner der letzten Wahlen schadete das Thema der SPD – es wurde aber auch von keiner Partei kontrovers thematisiert. Wer wirft schon mit Steinen aus dem Glashaus?

In Bayern alles anders

In Bayern allerdings, das vor dem Verfassungsgericht gegen die Homo-Ehe klagt, wagen selbst Großstadtpolitiker noch, sich offen gegen die schwule Wählerschaft zu stellen. Der CSU-Kandidat für die Münchner Bürgermeisterwahl, Aribert Wolf, beschimpft Schwule öffentlich als unanständig: Es könne nicht angehen, dass ein schwuler Stadtrat mächtiger sei »als Hunderttausende von anständigen Bürgern und CSU-Wählern«. Hintergrund: Im Münchner Stadtparlament hat die rot-grüne Koalition nur eine Mehrheit von einer Stimme – die des Rosa-Liste-Stadtrats Thomas Niederbühl.

»In der CSU«, klagt der Münchner CSU-Mann Alex Poettinger, stellvertretender Regionalvorsitzender der Gruppe Lesben und Schwule in der Union (LSU), »haben es Schwule noch schwerer als in der CDU. Es kann noch zehn Jahre dauern, bis die Partei so weit ist, dass sich ein schwuler Spitzenkandidat öffentlich outen kann.« Für die CDU ist LSU-Chef Martin Herdieckerhoff optimistischer. »Ich bin zwar enttäuscht, dass es noch nicht geklappt hat, aber ich halte es für gut möglich, dass

sich in den kommenden ein, zwei Jahren auch in unserer Partei ein Spitzenpolitiker outet.»

Bei Helmut Kohl, erzählt ein Mitglied aus dessen Küchenkabinett, galt immerhin die Regel: »Ihr dürft treiben, was ihr wollt.« Unter einer Bedingung: »Es darf nicht nach außen dringen.« Als Gerüchte über die angebliche Homosexualität eines CDU-Ministerpräsidenten zu laut geworden seien, habe Kohl ihn fallen lassen.

Nicht alle heimlich schwulen Abgeordneten sehen sich in der Defensive. »Für mich ist es ein Zeichen von Selbstbewusstsein, mir nicht den schwulen Stempel aufdrücken zu lassen«, sagt ein Mitglied der FDP-Bundestagsfraktion. »Klaus Wowereit ist dem Druck der Presse ausgewichen. Ich fühle mich verpflichtet, so etwas nicht zu machen.« Und mit fast wütendem Nachdruck: »Man darf die Sexualität nicht instrumentalisieren.«

Dass Homosexualität noch immer nicht wertneutral behandelt wird, zeigen die Reaktionen auf Klaus Wowereits öffentliches Coming-out. Die Genossen auf dem Parteitag bejubelten ihn, als hätte er ihnen die lebenslange absolute Mehrheit versprochen. Und der knall-konservative CDU-Präside Jörg Schönbohm herrenwitzelte: »Jetzt kann er ja eine eingetragene Lebensgemeinschaft mit den Grünen eingehen.« Beides offenbart nur Nicht-Normalität.

Die Öffentlichkeit

Die gesamte Öffentlichkeit weiß nun, dass Berlins Regierender Bürgermeister mit einem Mann zusammenlebt – was ist daran exhibitionistischer als der öffentliche Auftritt des Bundeskanzlers mit seiner Ehefrau? »Wer einen Menschen als ,bekennenden Schwulen? bezeichnet, zeigt schon mit dieser Wortwahl seine eigene Verkrampfung«, sagt Volker Beck. »Überall sieht man bekennende Familienväter und bekennende Eheleute, ohne dass es als etwas Besonderes herausgestellt wird, und das gönne ich ihnen auch. Aber genauso selbstverständlich muss sich auch ein schwuler Mann zu seinem Lebensstil äußern können.«

In diesem Punkt ist die lesbische Bundestagsabgeordnete Christina Schenk (PDS) mit dem Grünen einer Meinung: »Wie groß Wowereits Coming-out thematisiert wird, zeigt, wie weit Deutschland hinter anderen Ländern zurückliegt. Am Ziel wären wir erst, wenn sich wie in Frankreich ein Bürgermeisterkandidat über seine Homosexualität äußert und keiner mehr darüber schreibt.« Als Bertrand Delanoë sich vor zwei Jahren beiläufig in einem längeren TV-Interview outete (»Ja, natürlich bin ich homosexuell«), nahm in der Tat niemand so recht davon Notiz. Mittlerweile sitzt er als erster Sozialist seit drei Monaten im Pariser Rathaus, auf seine Homosexualität ist er nie mehr zurückgekommen.

Was für einen deutschen Spitzenpolitiker bisher nicht möglich war, hat ein Hinterbänkler schon geschafft. Auch für den Hamburger Sozialdemokraten Johannes Kahrs, der sich 1999 im stern geoutet hatte, war sein Privatleben danach bis zum Fall Wowereit kein öffentliches Thema mehr. Wenn sein Lebensgefährte Lust hat, begleitet er Kahrs zu Veranstaltungen – etwa zum Sommerempfang des Bundespräsidenten. Nachteile für seinen weiteren politischen Weg fürchte er nicht, sagt Kahrs, eher im Gegenteil. Im Bundestag werde er seit seinem Coming-out viel besser behandelt – außerdem kenne ihn nun »auch wirklich jeder Minister«.

Werner Hinzpeter und Andreas Hoidn-Borchers / Mitarbeit: Andreas Albes, Stefanie Rosenkranz