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Horst Seehofer: Der Ichling

Ein Einzelkämpfer zwischen zwei Frauen: Die Freundin in Berlin erwartet ein Kind von ihm. Seine Ehefrau in Bayern hofft, dass er sich für sie und die Familie entscheidet. Horst Seehofer ringt mit sich - und um den CSU-Vorsitz. Begegnungen auf dem Schlachtfeld der Moral

Von Tilman Gerwien

"Das kriegen wir schon hin, junger Freund", sagt Horst Seehofer, und dann klopft er einem kräftig auf die Schulter. Er wartet ein paar Sekunden, um zu schauen, ob es noch funktioniert. Es hat doch noch jedes Mal funktioniert, all die Jahre: verschmitzter Blick aus schmalen Augenwinkeln, Lausbubenlächeln - dieses ganze, immer etwas verschwörerisch daherkommende "Nunwollwirmalnichsosein". Konnte man diesem Mann eigentlich jemals für irgendwas richtig böse sein? Nun sitzt er da in einem Berliner Hotel, wippt auf seinem Stuhl, will, dass man das alles auch jetzt ganz normal findet: "Ich habe nicht das Gefühl, in einem besonderen Stress oder in einer besonderen Ausnahmesituation zu stehen."

Soeben hat er dem Vorsitzenden des Verbandes der Fleischwirtschaft eine Ehrenmedaille verliehen, es dabei an launigen Bemerkungen nicht fehlen lassen ("die Franken gelten als das intelligenteste Volk in Bayern"), davor war er bei Ulla Schmidt, um über die Pflegereform zu sprechen, morgens gab es ein Interview im Bayerischen Rundfunk über nachwachsende Rohstoffe. "Let’s go!", ruft der 57-Jährige neuerdings gern aufmunternd in die Umgebung, wenn er von einem Termin zum nächsten eilt. Soll keiner denken, dass der Minister nicht funktioniert. Dann aber gibt es andere Momente, die man in diesen Tagen mit Horst Seehofer erleben kann. Er erzählt, dass er jedes Wochenende nach Hause zur seiner Familie nach Ingolstadt fährt, aber: "Neues Vertrauen kann man nicht erzwingen." Nein, nichts ist mehr normal im Leben von Horst Seehofer - wahrscheinlich schon lange nicht, und erst recht nicht seit vor Monaten via "Bild" bekannt wurde, dass er Ehefrau und Familie jahrelang mit der jungen Bundestagsmitarbeiterin Anette F., 33, betrogen hat - und, dass die junge Geliebte nun auch noch hochschwanger ein Kind von ihm erwartet. Bis heute kann er sich zwischen Ehefrau und Freundin nicht entscheiden. Im Wochenrhythmus wird die Öffentlichkeit über die neuesten Irrungen und Wirrungen des Seehoferschen Liebesdramas auf dem Laufenden gehalten.

Das Ganze liesse sich als bizarre bayrische Provinzposse abtun, wäre es nicht aufs Engste verknüpft mit dem zunehmend erbarmungslos ausgetragenen Machtkampf in der CSU. Im September will Seehofer gegen seinen Rivalen Erwin Huber um den Parteivorsitz kandidieren. Dass sein Doppelleben im Januar ausgerechnet in jenen Tagen ans Licht kam, als Edmund Stoiber ins Wanken geriet und die Nachfolgefrage aktuell wurde, ist für ihn kein Zufall, sondern Ergebnis gezielter Indiskretion, um ihn politisch zu erledigen. Den vermeintlichen Urheber - ein hochrangiges CSU-Mitglied - meint er ausfindig gemacht zu haben. "Ich weiß, wer es war, und ich habe dafür gesorgt, dass er weiß, dass ich es weiß."

In seinem Ministerbüro steht er plötzlich auf, geht zum Schreibtisch und holt ein Schriftstück hervor. Es ist der Brief einer jungen enttäuschten Frau, der ehemaligen Geliebten eines Parteifreundes. Immer wieder bekommt er jetzt solche Briefe, in denen ihm kompromittierendes Material über andere CSU-Spitzenleute angeboten wird. Es ist ein dunkler, schmieriger Sumpf, in den dieser Horst Seehofer hineingeraten ist, Politik auf unterstem Niveau - Politik brutal. Seehofer aber, seit Jahrzehnten ganz oben mit dabei, Gesundheitsminister schon unter Kohl, scheint sich gar nicht so unwohl zu fühlen. Er sieht sich nur bestätigt in seinem von Erfahrung gesättigten Glauben, dass Politik im Grunde ein großes Ganovenstück ist, eine Welt von Halbverbrechern, in der nur die Härtesten überleben. Und er will weiter zu den Härtesten gehören. Notfalls kann er auch zurückschlagen. "Ich bin gut informiert. Ich weiß viel. Ich habe viel Material", sagt Seehofer und zeigt auf seinen Schreibtisch. Eine eigenartige Mischung aus Ekel und Faszination, die diesen Horst Seehofer an den politischen Betrieb kettet. Noch heute hat er die entsetzten Blicke von Erwin Huber und Günther Beckstein in Erinnerung, als er in interner Sitzung erklärte, er werde die längst ausgekungelte Neubesetzung von Ministerpräsidentenamt und Parteivorsitz, den "Durchmarsch", wie er es nennt, nicht akzeptieren und selbst als Parteichef gegen Huber kandidieren.

Aus seiner Sicht hatten sie versucht, ihn im Moment seiner "Handlungsunfähigkeit" auszutricksen, wie einen Politlehrling von der Jungen Union. Jetzt aber guckten sie blöd. "Der medizinische Begriff dafür wäre wohl: Schock", sagt Seehofer und freut sich. Überall wittert er Mittelmäßigkeit, Verlogenheit und Feigheit - und vor diesem Hintergrund hat er sich stets als der ganz andere inszeniert. Auf der Politbühne der freche Sprücheklopfer und einzige Aufrechte im Klub der großen Heuchler, daheim in Ingolstadt aber geerdet, grundsatztreu, verwurzelt: ein treu sorgender Familienvater mit Ehefrau, drei Kindern und der Märklin-Modelleisenbahn im Keller. Es war das System Seehofer, es hat lange gut funktioniert. Dann geriet das System ins Rutschen. Vielleicht ist es einfach nur eine typische Männergeschichte: Langeweile mit sich selbst, die Karriere stagniert, die Frage taucht auf: Will ich so weiterleben, bis zum Ende? Und dann kommt eine junge, hübsche Frau - und bringt vielleicht die Wende ... Man kann diese Geschichte erbärmlich finden, nur: Sie ist echt, und sie passiert überall, tausendfach. Wohl deshalb verfolgt das Publikum die Causa Seehofer nicht ohne ein Restgefühl von Sympathie.

Er trägt weiter seinen Ehering, aber er will auch heute nicht einfach alles wegschmeißen, was war, die letzten vier Jahre, das Leben mit seiner jungen Geliebten, heimlich zu zweit im Einzimmerapartment der Berliner "Abgeordnetenschlange", diesem Wohnsilo am Rande des Berliner Regierungsviertels, wo auf den Fluren so viel Einsamkeit ist. Er war nicht einsam. "Das war keine Hallodri-Geschichte, das war was Ernsthaftes", sagt Seehofer. Die beiden haben stundenlang über Politik diskutiert, Rotwein getrunken. Ein paarmal gingen sie aus, zum Essen in ein Restaurant. Aber das Getuschel an den Nebentischen zeigte ihnen, dass es riskant war, also ließ man es und verbrachte die Abende wieder in konspirativer Zweisamkeit in der "Schlange". Draußen aber, auf der Vorderbühne, führte er noch im vergangenen Spätsommer kitschiges Familienglück vor - mit Ehefrau Karin, den Töchtern Ulrike und Susanne posierte er für die "Bunte" im Ferienhaus und erklärte: "Hier entspanne ich mich im Kreis meiner Lieben vom Politikalltag."

Horst Seehofer, der einzig Aufrechte im Klub der Heuchler - in diesem Moment wurde er selbst zum Heuchler. "Die Leute begegnen mir völlig normal", beobachtet Seehofer. Sogar der Bischof von Eichstätt, mit dem er vor ein paar Wochen bei einer Feier auf irgendeinem Marktplatz stand, hat nichts gesagt. Aber "welchen Hintergrund nehmen wir?", ruft die Frau, die ihn mit dem Vorsitzenden des Fleischverbandes fotografieren soll. "Wir können Sie auch vor den Stand mit der ,Bild‘-Zeitung stellen!" Allgemeines Hihi und Hoho. Wenn im Bundestag über Gentechnik debattiert wird, und Seehofer ist mal gerade nicht da, drehen sich die Männer in der SPD-Fraktion breitbeinig auf ihren blauen Sitzen und rufen in den Saal: "Ist ja klar, der Minister sortiert gerade mal wieder seine Gene."

Dass er nun auch noch wegen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft den Vorsitz unter Europas Agrarministern führt und damit besonders mächtig ist, gibt der Angelegenheit eine besondere Note: Während der Minister auf den Gipfeltreffen über hochbedeutende Dinge wie "Cross Compliance" oder die Reform des europäischen Weinmarktes verhandelt, studiert das Publikum in der Lobby eifrig die vermeintlich neuen Erkenntnisse über Deutschlands inzwischen wohl bekanntesten Ehebrecher. Wenn er unterwegs ist, meidet er jetzt, noch häufiger als früher, das Menschengewusel auf den Flughäfen und nimmt auch für lange Strecken lieber das Auto. Es muss in diesen Tagen sehr anstrengend sein, Horst Seehofer zu sein. Hat er Angst, in dieser Affäre auf ganz neue Weise kenntlich zu werden?

Inzwischen sind die Beteiligten mit den Nerven so ziemlich am Ende. Ehefrau Karin, 48, wird beim Treffen der Agrarminister in Mainz öffentlich als eine Art First Lady an seiner Seite vorgeführt - aber auf ein ausdrückliches Bekenntnis zu ihr verzichtet er. Und die werdende Mutter lebt, von Boulevardjournalisten bedrängt, seit Monaten in einer Art Belagerungszustand. Fotografen halten vor der Privatwohnung Wache. Fleurop-Boten tauchen plötzlich auf, überreichen überdimensionale Blumensträuße, verbunden mit den besten Wünschen zum Geburtstag und dem Wunsch, man könne doch, wenn das Kind da sei, vielleicht am Wickeltisch ein Foto .

Horst Seehofer aber kann oder will das zermürbende Drama, das alle Beteiligten verletzt und entwürdigt, nicht beenden. Wortreich hat er auf Marktplätzen und in Bierzelten immer wieder die Kälte der radikalen Marktwirtschaft angeprangert, den reinen Wettbewerb der Egos. "Ich will nicht in einer Gesellschaft der Ichlinge leben!" Die Passage mit den "Ichlingen" gehört zu jeder guten Seehofer-Rede. Aber ist er, im höchstpersönlichen Bereich, vielleicht selbst einer? "Ich speise mich aus mir selbst", sagt er gern. Tatsächlich hält dieser Mann bei genauer Beobachtung einen inneren Abstand zu dem Menschen, der seiner breit zur Schau gestellten Volkstümlichkeit immer etwas leicht Kalkuliertes gibt. Das dampfende Bierzelt ist sein Ort, ein Ort, den er interessanterweise nie in Schweiß gebadet verlässt - hier versorgt er das Publikum mit eingängigen Populismen ("Hände weg von den Renten!"), gibt aber gern auch Menschlich-Allzumenschliches zum Besten: "Nirgendwo wird so viel gelogen wie vor einer Hochzeit, nach einer Jagd und während einer Beerdigung."

Politische Inhalte vertritt er stets mit einem für einen Katholiken fast schon irritierend wirkenden Gestus lutherischer Überzeugungsgewissheit, um sie dann auch gern mal mit leichter Hand zu entsorgen. Vor Jahren wehrte er sich heftig gegen mehr Wettbewerb durch Einzelverträge der Krankenkassen mit Ärzten - heute ist er lautstark dafür. Angesprochen auf den Sinneswandel, beruft er sich auf Parteiräson und erklärt schlicht: "Damals musste ich halt dagegen sein." Geschickt wie kein anderer Politiker Deutschlands spannt er immer wieder Ersatzmächte für sich ein - die Medien, den Sozialverband VdK oder schlicht: das Volk. Sie dienen ihm in erster Linie dazu, aus selbst gewählter Isolation immer wieder in genau jenes politische Establishment hineinzudrängen, dessen Lächerlichkeit und Mittelmäßigkeit er doch sonst so wortreich anklagt.

Ein beeindruckender Politiker: unterhaltsam wie wenige, fachlich mitunter brillant. Aber auch eine Spielernatur - verlieren nicht vorgesehen. Spielt man mit ihm Schach, sagt er: "Du kannst mir sagen, auf welchem Feld ich dich matt setzen soll!" Noch lieber zockt er. Ständig bietet einem dieser Horst Seehofer Wetten an, Wetten über CSU-Wahlergebnisse, über alles und jedes. Erst vor ein paar Wochen hat er in einem Festzelt im Landkreis Cham mit Landwirten gewettet, dass der Milchpreis steigen wird. "Und?", fragt er. "Was ist passiert? Der Milchpreis ist gestiegen!"

Auch politisch hat er öfter hoch gezockt, und es gab einige Situationen, in denen es ihn fast zerlegt hätte - etwa, als er sich im Streit um die Gesundheits-"Kopfpauschale" bei Angela Merkel so unbeliebt machte, dass niemand mehr glaubte, er könne in Berlin noch jemals ein Ministeramt ergattern. Er konnte - und stellt das heute als weitsichtige Strategie dar, die er in handgekritzelten Zeichnungen mit vielen Pfeilen und Kreuzen gern verdeutlicht. Aber kein Kreuz und kein Pfeil zeigt ihm jetzt den Weg aus dem privat-politischen Dilemma. Entscheidet er sich für die Geliebte, ist er öffentlich der Mann, der seine treue Ehefrau nach vielen gemeinsamen Jahren beiseite schiebt. Kehrt er aber zurück zu Frau und Familie, dann ist er der verantwortungslose Hallodri, der die junge Mutter seines neugeborenen Kindes sitzen lässt. Aufmerksam beobachtet er die Umfragen, er kennt sie alle auswendig. Noch sind die Sympathiewerte für ihn günstig. Aber er weiß auch: "In der Politik stehen Sie solange vorne, wie Sie nützlich sind. Wenn Sie nicht mehr nützlich sind, dann ist Politik grausam."

Ein Mann mit zwei Frauen als Vorsitzender der CSU, jener Partei, die wie keine andere das heilige Sakrament der christlichen Ehe betont? Das ist ziemlich wenig nützlich, das ist ziemlich undenkbar. Von daher wäre es wohl das Beste, die Sache jetzt schnell zu entscheiden - und notfalls brutal. Er aber, dem stets nachgesagt wurde, dass er für seine suchtartige Beziehung zur Politik notfalls alles opfern würde, zeigt sich plötzlich unfähig, Gefühle aus politischem Kalkül kalt zu entsorgen - die Gefühle der Beteiligten, aber auch seine eigenen. Das macht ihn fast schon wieder sympathisch. Plötzlich erkennt das Publikum etwas, das hinter der Fassade des Machtpolitikers und Spielers jahrelang fast völlig verdeckt war: den Menschen Horst Seehofer. Nein, es ist nicht einfach für ihn. Er hat doch immer so gern gezockt. Und jetzt hat er kein Ass mehr im Ärmel. Denn das hier ist kein Spiel mehr. Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben ist es kein Spiel mehr.

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