Im Widerstands-Camp Splitterfasernackt gegen die Nato


Rund 6000 Demonstranten gegen den Nato-Gipfel haben ihr Quartier auf einer Wiese im Süden Straßburgs aufgeschlagen. Bauer Burgmann und die Hausfrauen des Ortes Ganzau sind mehr als überrascht: So hatten sie sich die Nato-Gegner nicht vorgestellt. Ein Besuch beim Widerstand.
Von Manuela Pfohl, Straßburg

Das hat Ganzau noch nicht erlebt! Eine Gruppe splitterfasernackter Jugendlicher, die lediglich ihre Gesichter vermummt haben, marschiert durch die kleinen Straßen. "Wir sind die nackten autonomen Terrordancer", rufen sie den erschreckten Hausfrauen entgegen, die mit ihren Einkaufstaschen unterwegs sind. Die Damen huschen entweder fix in die Eingänge ihrer Häuschen oder versuchen wenigstens den direkten Blickkontakt mit dem zu vermeiden, was da über sie hereinbricht - am Freitagnachmittag um kurz nach drei.

Es ist Demo-Training im Camp der Nato-Gegner. Probe für den Ernstfall am Samstagnachmittag. Draußen, in der Vorstadt von Straßburg, eine halbe Autostunde vom Nato-Gipfel entfernt, haben sich all jene niedergelassen, die nichts am Hut haben mit den strategischen Weltenplänen des Verteidigungsbündnisses. Rund 6000 Leute aus allen möglichen Ländern und Organisationen. Darunter Linksautonome, Umweltaktive, eine Gruppe von Pax Christi, Feministinnen, Gewerkschafter, Alt-68er, die Clownsarmee und eben auch die "nackten autonomen Terrordancer". Die kommen unter anderem aus Baden-Württemberg und haben es nicht leicht, an Tagen wie diesem, an denen der Himmel wolkenverhangen und die Temperaturen bei 15 Grad liegen. Egal. Es geht um die Sache und die ist ernst genug, findet Leon, einer der Dancer.

Die Nato und die Militanzdebatte

Die Nato verfolge eine ähnliche Politik wie die G8. Es werde immer behauptet, dass es um Frieden und Demokratie gehe. "Aber wenn man sich anschaut, an wie vielen Kriegen die Nato schon beteiligt war, dann sieht man, dass das nicht stimmt", meint der Schüler aus Schleswig-Holstein. Er hat im Juni 2007 schon während des G8-Gipfels in Heiligendamm protestiert und im Camp gewohnt. Jetzt will er wieder bei den Protesten dabei sein. Mehr als 8000 Aktive sollen es werden, wenn am Samstag die Großdemo gegen den Nato-Gipfel durch Straßburg zieht. Ein Zeichen gegen die Politiker und Militärs, die sich in der deutsch-französischen Grenzstadt zu ihrer Konferenz treffen.

Noch ist nicht klar, wie die Demo verlaufen wird. Friedlich, wie die meisten im Camp hoffen - und trainieren, oder mit gewalttätigen Auseinandersetzungen, wie die extra für die Sicherung des Gipfels eingesetzte Polizeitruppe "Atlantik" fürchtet. Man rechne mit bis zu 3000 gewaltbereiten Demonstranten, hatte das Polizeihauptquartier in Freiburg erklärt. Im Camp wird darüber heiß diskutiert. Die Militanzdebatte, seit Jahrzehnten ein Lieblingskind der linken Streitkultur, wird auch am Lagerfeuer in Ganzau geführt. Allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Zwangsweise Einquartierung

Michel Burgmann macht sich deswegen eigentlich keine Sorgen. Der 51-jährige Landwirt sitzt in direkter Nachbarschaft des Camps an einem Biertisch und ist ziemlich gelassen. Es sind seine Wiesen, auf denen die Nato-Gegner vorübergehend wohnen. Eine zwangsweise "Einquartierung", die ihm der Präfekt aufgehalst hat. Irgendwo mussten die Protestler untergebracht werden. Burgmanns Wiesen schienen ideal. Also beugte sich der Landwirt der Anordnung - und ist inzwischen angenehm überrascht. Direkt an den organisierten Widerstand grenzt sein Hof. Eine Gastwirtschaft, ein Bioladen, eine Kinderfarm, ein paar Pferde und Esel gehören dazu. Es gibt Bratwurst und Brezeln und Bier und absolut keinen Ärger mit den Camp-Bewohnern, versichert er. "Lauter höfliche und nette Menschen." Anfangs, als erfuhr, was die Präfektur auf seinen rund 20 Hektar Land plante, sei er schon unsicher gewesen. Aber jetzt… "Die Leute kommen her und essen, fragen nach Strom oder Telefon oder sonst einer Hilfe, alles kein Problem. Ärger gibt es doch nur, wenn die Polizei kommt", ist Michel Burgmann überzeugt. Und überhaupt: "Demokratie braucht Opposition", erklärt er noch, bevor er sich wieder ums Geschäft und die Gäste kümmert.

"Revolution beginnt in der Küche"

Tatsächlich herrscht auf dem weiträumigen Camp-Gelände alles andere als Krawall-Stimmung. Vor den Zelten sitzen und liegen die Nato-Gegner, rauchen, schwatzen, schlafen. Irgendwo klingt Musik, Familien, die mit ihren Kindern zum Camp gekommen sind, spielen mit Heuballen, ein paar Leute sind auf dem Weg zum großen Plenumszelt. Hier werden die offiziellen Dinge besprochen. Auf den Bänken vor den Zelten der Volxküche die wichtigen. Entsprechend voll ist es an den langen Tischen. Am Dienstag sah es noch so aus, als ob das Camp auf die Versorgung durch "le Sabot" verzichten müsste. Die Mitglieder des Küchenkollektivs waren bei der Einreise nach Frankreich vorübergehend festgesetzt worden. Die Polizisten an der Grenze hatten beim Anblick der Gemüsemesser Schlimmes geargwöhnt. Man könne in solcher Weise bewaffnet, doch einiges anrichten. Seitdem hängt ein Spruchband am Zelt: "Wir lassen uns unsere Freiheit nicht nehmen - Revolution beginnt in der Küche."

Die geplanten Blockaden werden diskutiert. Was macht Sinn und wo macht es Sinn. "Nichts macht Sinn, was den Gipfel stört", sagt die Polizei. Man werde jede Beeinträchtigung rigoros unterbinden. "Und was ist dann mit dem Recht der freien Meinungsäußerung und des zivilen Ungehorsams", fragen die Camper vor der Volxküche und löffeln Gemüsesuppe mit den Zutaten von Händlern aus der Gegend. Die meisten werden zeitig schlafen gehen. Der Samstag wird ein anstrengender Tag. Der Weg zum Stadtzentrum muss zu Fuß zurückgelegt werden. Etliche Kilometer mit Straßensperren, Kontrollen, Blockaden, Weglaufen, sich wiederfinden, demonstrieren und protestieren. Vielen ist anzumerken, dass ihnen mulmig ist, wenn es um die Blockaden geht, niemand weiß, wie die französische Polizei reagieren wird. Wasserwerfer und Räumpanzer werden immer wieder gesehen und sorgen für Nervosität. Ebenso die Verletzten, die manchmal im Camp auftauchen und dem Legal-Team, einer Gruppe von Anwälten, die ehrenamtlich Demonstranten beraten, von Misshandlungen der Polizei berichten. Auch über die Grenzkontrollen wird viel diskutiert. Aus einigen Bussen, die zu den Protesten gekommen sind, wurden Leute an der Einreise gehindert, eine Begründung wurde meistens nicht genannt, erzählt Markus, der aus Frankfurt nach Straßburg gekommen ist. Auch aus dem Bus, in dem Marie gekommen ist, durften vier Demonstranten die Grenze nicht passieren.

Oskar ist sauer

Tatjana aus Berlin hält ihr Engagement trotz aller Ängste vor der Polizei für unerlässlich. In einem großen Kreis sitzt sie zusammen mit anderen Jugendlichen. "Nach der Nato-Sicherheitskonferenz im Februar in München war ich wütend", erzählt die Studentin. "Das neue Strategiepapier der Nato sagt klar, dass es bei den Aufgaben der Nato auch um militärische Ressourcensicherung geht. Dafür werden Kriege geführt. Ich denke, dass wir nicht akzeptieren sollten, dass aufgrund der Verschwendung von Energie in den Industriestaaten militärische Interventionen durchgeführt werden."

Dirk aus Freiburg sieht das ähnlich. Er ist schon seit einigen Jahren in der Antikriegsbewegung aktiv. "Die Nato führt gerade Krieg in Afghanistan und im Irak. Sie ist dazu da, die militärischen Interessen Deutschlands, Frankreichs und anderer westlicher Länder durchzusetzen", erklärt er und meint: "Merkel, Sarkozy und Obama wollen keine friedlichere Welt. Obama hat schon angekündigt, mehr Truppen nach Afghanistan zu schicken. Merkel hat den Einsatz dort als Prüfstein für die Nato bezeichnet. Die Situation dort ist katastrophal. Deshalb wollen wir auch in Straßburg unsere Forderung nach einem Abzug der Truppen deutlich machen." Oskar ärgert sich auch darüber, dass soviel Geld für das Militär ausgegeben wird. "Für Bundeswehreinsätze im Ausland ist Geld da, und wenn wir mehr Geld für Bildung fordern, wird gesagt, es wäre keines da. Jetzt in der Wirtschaftskrise ist das noch krasser: Milliarden wurde an die maroden Banken gezahlt, aber für soziale Verbesserungen ist angeblich nichts übrig. Gestern haben wir gehört, dass auch bei Daimler Stellen gestrichen werden. Wir sind nicht bereit für militärische Interventionen zu zahlen, die ein Großteil der Bevölkerung auch noch ablehnt."

Fotos mit nackten Hintern

Der Tag vor dem Gipfel neigt sich seinem Ende zu. Quer über die Wiese marschiert die Clownsarmee. Den ganzen Tag über war sie unterwegs. Beim Supermarkt gab es die ersten kühlen "Kontakte" mit französischen Polizisten. Ein Haufen einheimischer Jugendlicher hingegen fand die knollennasigen Demonstranten herrlich komisch und folgte ihnen feixend bis zum Eingang des Camps.

Bauer Michel Burgmann macht Feierabend, als die Lagerfeuer vor den Zelten angezündet werden. Über dem Gelände kreist ein Polizeihubschrauber. Darunter fliegen die ersten Schwalben dieses Jahres. Im Juli will Burgmann auf den Wiesen Weizen säen. Dann wird alles so sein wie immer und nichts mehr an die Aufregungen dieses Aprilwochenendes erinnern. Mit Ausnahme einiger Fotos vielleicht. Die schießen die Ganzauer derzeit mit ihren Handys. Die Motive: Die nackten Hintern und die bunten Pace-Fahnen der "autonomen Terrordancer".


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