VG-Wort Pixel

Islam-Debatte Wie muslimisch Deutschland ist


Kaum ist Innenminister Friedrich im Amt, hat er eine strittige Diskussion losgetreten: Gehört der Islam zu Deutschland? Die wichtigsten Antworten und Fakten.
Von Fabian Löhe

Der Islam und Deutschland: Über dieses Verhältnis streitet die Politik seit Jahren wieder und wieder. Tatsächlich leben mehrere Millionen Muslime in der Bundesrepublik. Während es zur Zeit, als die Bundesrepublik die ersten "Gastarbeiter" engagierte, noch so gut wie kaum integrationspolitische Projekte gab, bemüht sich die Politik seit ein paar Jahren verstärkt darum, Einwanderer muslimischen Glaubens in die Gesellschaft einzubinden. Viele Kinder von Migranten sind hierzulande geboren und haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Gruppe der Muslime gilt als in sich sehr heterogen.

Die Frage aber, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist, zählt immer noch zu den Dauerstreitfragen - vor allem in den Unionsparteien. Im CDU-Grundsatzprogramm von 2007 ist vom "Integrationsland" die Rede. Nun entfacht der neue Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) mit seiner These, es gebe keine historischen Belege für den Einfluss des Islam auf Europa, erneut die Debatte.

Wie viel Islam gibt es in Deutschland?

In der Bundesrepublik leben etwa vier Millionen Muslime, das entspricht etwa fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. Der Islam ist somit nach dem Christentum die zweitgrößte Konfession in Deutschland. Ursprünglich stammen die Muslime in Deutschland aus rund 50 Ländern, etwa die Hälfte von ihnen hat mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft. Der islamische Glaube in Deutschland ist sehr unterschiedlich ausgeprägt: Laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bilden die Sunniten mit 74 Prozent die größte konfessionelle Gruppe und die Aleviten mit 13 Prozent die zweitgrößte. Nach den Türken bilden Muslime aus südosteuropäischen Ländern mit etwa 355.000 Einwanderern den zweitgrößten Anteil. Insgesamt fast genauso viele stammen aus dem Iran, Ländern Südost- und Zentralasiens sowie dem Nahen Osten und Afrika. Laut Schätzungen gibt es zwischen 13.000 und 100.000 Deutsche, die zum Islam konvertierten. Aus der Studie "Muslimisches Leben in Deutschland" geht hervor, dass sich 36 Prozent der Muslime als stark gläubig einschätzen, weitere 50 Prozent bezeichnen sich als eher gläubig. Als Religionsgemeinschaft ist der Islam indes nicht anerkannt. Dies ist nur bei den beiden großen christlichen Kirchen der Fall, die durch einen Staatsvertrag beispielsweise auch Steuern erhalten. Ein wichtiger Dachverband ist der Zentralrat der Muslime. Ihm gehören allerdings nicht alle islamischen Einrichtungen in Deutschland an.

Welchen Einfluss hatte der Islam bisher?

Vor Jahrhunderten übersetzten islamische Gelehrte Schriften der Antike. Sie hätten, so argumentiert der Chef der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, als Grundlage der europäischen Aufklärung gedient. Preußen zeigte sich bemerkenswert tolerant gegenüber anderen Religionen. König Friedrich II. - genannt Friedrich der Große - ebnete in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit seinem Motto "Alle Religionen seindt gleich und guht" den Weg zur Gründung der ersten islamischen Gemeinde auf deutschem Boden (um 1739). Der "Alte Fritz" betrieb mittels Edikt zu Beginn der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die gezielte Ansiedlung von Muslimen in seinem Land. Am 22. Juli 1775 verkündete er: "Ich will ihnen gerne erlauben, Moscheen zu bauen und sollen sie allen Schutz geniessen." Hier und da flossen Elemente des islamisch geprägten Orients in die deutsche und deutschsprachige Kunst, die allerdings keinen religiösen Bezug hatten. Das gilt zum Beispiel für die Türme der Münchner Frauenkirche: Die Bauherren verbeugten sich vor der Heiligen Stadt der Christenheit, in dem sie offenkundig die Kuppel des Felsendoms in Jerusalem nachahmten, des wohl bedeutendsten islamischen Sakralbaus. Oder in der Oper: Man denke nur an Mozarts "Entführung aus dem Serail", die in einem Harem spielt. Auch sprachlicher Einfluss ist nachgewiesen: Worte wie etwa Admiral, Giraffe, Matratze oder Ziffer stammen aus dem Arabischen. Einen größeren Zuzug von Muslimen nach Deutschland gab es zu keiner Zeit, erst als das Zeitalter der "Gastarbeiter" anbrach. 1961 schloss die Bundesrepublik einen Anwerbevertrag mit der Türkei, 1963 mit Marokko, 1965 mit Tunesien und 1968 mit Jugoslawien. Folge war Einwanderung Zehntausender Muslime. Obwohl sich Mitte der 70-er Jahre nach Angaben des Sozialverbandes VDK schon mehr als eine halbe Million Türken in Deutschland befanden, gab es bis in die späten 90-er Jahre hinein kaum große integrationspolitische Projekte. Ab 2000 wurde durch die Neuregelung des Staatsbürgerschaftsrechts Nachkommen muslimischer Einwanderer der deutsche Pass angeboten. Viele nutzten die Möglichkeit.

Was unternahm die Bundesregierung?

Im Zuge der Integrationsdebatte bemühte sich die Politik, Foren für einen offiziellenen Gedankenaustausch zu schaffen, die als mehr oder weniger erfolgreich eingeschätzt werden. Seit 2006 trifft sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu "Integrationsgipfeln" mit Migrantenverbänden sowie Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Sport und Medien. Im selben Jahr rief der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) die Deutsche Islamkonferenz (DIK) ins Leben. Das Gesprächsforum soll den Dialog zwischen Staat und Vertretern der Muslime institutionalisieren und so die Integration der Muslime in Deutschland fördern. Die 15 Vertreter von Bund und Ländern sowie die 15 Repräsentanten der Muslime treffen sich einmal im Jahr. Begleitet werden die Veranstaltungen immer wieder von Streit um islamkritische oder -skeptische Äußerungen aus dem Lager konservativer Politiker. Gegner der Gesprächsrunden bezweifeln zudem den Sinn der Runden für die Praxis. 2007 gründete sich während der DIK der Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland als Spitzenverband der islamischen Organisationen. 2008 setzte sich die Konferenz für die Einführung von islamischem Religionsunterricht auf Deutsch als regulärem Schulfach ein. Der neue Innenminister Friedrich will an dem nächsten DIK-Termin, dem 29. März, festhalten.

Wer sieht den Islam als Teil von Deutschland?

Prominentester Fürsprecher der These, dass der Islam zur Bundesrepublik gehöre, ist Bundespräsident Christian Wulff. "Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland", sagte er am 3. Oktober 2010. In der islamischen Welt wurden die Worte des deutschen Staatsoberhauptes gerne gehört. Wulff erneuerte seine Meinung in einem Interview des arabischen Nachrichtensenders Al-Dschasira. "Der Islam ist ein Teil von Deutschland", sagte er. Man dürfe nicht zulassen, dass diese Religion automatisch mit Terrorismus in Verbindung gebracht werde. Die Äußerungen fielen zusammen mit der Ernennung des neuen Innenministers, der dem Bundespräsidenten widersprach.

Wer spricht Muslimen Integrationswillen ab?

Noch im Januar 1991 verschloss der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) beim Thema Migration die Augen vor der Realität. In einer Regierungserklärung sagte er: "Die Bundesrepublik Deutschland ist kein Einwanderungsland". Ikone der deutschen Islam-Kritiker ist ein Sozialdemokrat: Thilo Sarrazin sorgte im vergangen Jahr mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" für Aufregung. Darin behauptet das damalige Vorstandsmitglied der Bundesbank, muslimische Migranten seien schlecht integriert, würden überdurchschnittlich oft Hartz IV beziehen und hätten häufig keinen Schulabschluss. Im September 2009 hatte sich Sarrazin ähnlich geäußert. "Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate", sagte er der Kulturzeitschrift "Lettre International". "Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert." Dies gelte für 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin. Innenminister Friedrich sagte, die in der Bundesrepublik lebenden Menschen islamischen Glaubens gehörten zwar zu Deutschland. "Aber dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt."

FTD

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker