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Islamisten in Hamburg: Der Hass aus dem Netz

Woher kommt die Gewalt? Das fragten sich viele Hamburger angesichts der brutalen Straßenschlachten zwischen IS-Sympathisanten und Kurden am Steindamm. Eine Analyse.

Von Michael Chmurycz und Kuno Kruse

Bei einer Ausschreitungen zwischen Kurden und radikalen Muslimen sind in Hamburg mehrere Menschen verletzt worden

Bei einer Ausschreitungen zwischen Kurden und radikalen Muslimen sind in Hamburg mehrere Menschen verletzt worden

"Der Krieg ist plötzlich hier", sagt ein junger Kurde, "er kommt aus dem Netz. Es sind die Bilder aus Kobane." Und es sind auch die Bilder aus dem Kalifat, die schwarzen Flaggen, die vermummten Reiter, die Videos von Männern auf modernen Pick-Ups und von den durchgeschnittenen Kehlen. Es sind die Bilder aus dem Orient, die im Bruchteil einer Sekunde versendet, auch in Deutschland aufwühlen, die Mitgefühl erzeugen oder Hass, Furcht oder Überlegenheit. Gefühle, die Kurden und Islamisten vergangene Woche in Hamburg gegeneinander aufgebracht haben. So dass sich viele fragten, ob der Krieg aus Syrien und Irak nun auch auf deutschen Straßen ausgetragen würde.

In der Nacht zum Samstag standen in Hamburg nach einer angespannten Woche noch immer Einheiten der Polizei am Steindamm, jenem Viertel hinter dem Hauptbahnhof, in dem am Dienstag mit Macheten und Spießen bewaffnete Salafisten das Gebäude des kurdischen Kulturvereins überfallen und eine blutige Straßenschlacht ausgelöst hatten. Es war ein Angriff mit Messern - und es war auch ein Angriff mit Mails, in denen Salafisten versuchten, sunnitische Jugendliche gegen Ungläubige aufzustacheln, in denen sie Furcht verbreiteten und zu angeblicher Gegenwehr aufriefen.

Das Leid auf dem Smartphone

Es hatte am Montag mit Hohnlachen und Beleidigungen begonnen, als eine Gruppe aufgewühlter Kurden von einer Kundgebung in jenes Viertel zurückgekehrt war, in dem Kurden, Türken und Araber Tür an Tür in ihren Restaurants sitzen, in den Geschäften das Fleisch "halal" ist, in den Hinterhöfen Moscheen und wenige Schritte entfernt verlebte Frauen vor Sexvideo-Läden ihre Dienste anbieten.

Die Kurden saßen in einem Café, gleich unterhalb des Büros des deutsch-kurdischen Kulturvereins, als sich am Nebentisch eine Gruppe junger Sympathisanten des IS-Kalifats auf ihren Smartphones an Videos der belagerten Stadt Kobane ergötzte. Es waren nur wenige Worte und Blicke. Die zahlenmäßig unterlegenen Salafisten türmten, die jungen Kurden setzten ihnen nach. Pflastersteine ließen zwei Scheiben eines nahen Restaurants zerspringen, in das sich die Sympathisanten des Kalifats zurückgezogen hatten.

Schon am Vormittag des nächsten Tages begann die Schlacht in den sozialen Netzwerken. Anhänger des Kalifats riefen zur Rache auf, und dazu, sich am selben Abend noch am Steintor zu treffen. Es war jener Dienstag, an dem die Kurden zur großen Demonstration aufgerufen hatten und einige von ihnen für mehrere Stunden die Gleise des nahe gelegenen Hauptbahnhofs blockierten.

Die vermummte Meute

Die ersten Demonstranten waren gerade in das Deutsch-Kurdische Kulturzentrum am Steindamm zurückgekehrt, als gegen 19 Uhr etwa 50 vermummte junge Männer in Jogginghosen und Kapuzenpullovern auftauchten. Niemand im Viertel schien die jungen Männer zu kennen. Sie streckten den Finger hoch, ein Zeichen der Salafisten dafür, dass es nur einen Gott gibt. Sie skandierten: "Kobane bleibt islamisch", "Tod der PKK" und immer wieder kam der Ruf "Allahu akbar", Gott ist der Größte. "Der Auftritt war eine Provokation," so berichtet es einer der Kurden, "sie haben uns herausgelockt." Die meisten der hier lebenden türkischen Kurden sympathisieren mit der kurdischen Befreiungsbewegung PKK, deren bisherige Einstufung als terroristische Organisation vor dem aktuellen Geschehen in Syrien in Deutschland über Parteigrenzen hinweg kontrovers diskutiert wird.

Filmaufnahmen des Norddeutschen Rundfunks zeigen, wie kurz darauf eine große Gruppe wild entschlossener Islamisten mit Hieb- und Stichwaffen auf die Kurden zustürmte. Diese waren völlig überrascht. Und auch die anwesenden Polizeibeamten, die sofort Verstärkung aus dem 15-Minuten entfernten Polizeipräsidium im Stadtteil Alsterdorf herbei gerufen hatten. "So eine Hemmungslosigkeit", sagt einer der herbeigerufenen Beamten, "habe ich noch nie erlebt. Sie hatten diese Messer. Für mich steckte dahinter eine klare Tötungsabsicht."

Moslems beten in der Al-Nour Moschee

Moslems beten in der Al-Nour Moschee

Flucht in die Moschee

Die Aggression sei eindeutig von den Salafisten ausgegangen, aber auch die Kurden hätten sofort mit gleicher Gewalt zurückgeschlagen. Sie schleuderten Steine, die sie an einer Baustelle fanden, nahmen Straßenschilder als Lanzen und bewaffneten sich mit Messern und Spießen aus den anliegenden Kebab-Restaurants. Eine Gruppe der Salafisten zog sich in eine 20 Meter entfernte Seitengasse zurück, an deren Ende sich, keine 50 Meter weiter, die Al-Nour-Moschee befindet. Die Gläubigen in der arabischen Moschee waren genauso schockiert wie vorher die Kurden. Als Einzelne der muslimischen Gemeinde den aggressiven Islamisten den Zutritt verweigerten, wurden diese bedroht. Ein Verantwortlicher der Moschee rief die Polizei um Hilfe, forderte die Beamten auf, sie zu schützen, ihr Hausrecht durchzusetzen und die ungebetenen Besucher abzuführen. Doch die angerückten Polizeieinheiten konzentrierten sich in diesem Moment darauf, Salafisten und Kurden voneinander zu trennen.

Gemeinsam gegen die Gewalt

Die Polizei habe sie deshalb gebeten, diese aggressiven Männer noch einen Moment zu dulden, sagt Daniel Abdin, Vorsitzender des Islamischen Zentrums Al Nour und der Schura Hamburg. "Wir kannten diese Leute nicht. Das waren völlig Fremde und wir verstanden die Aggressionen nicht. Die kurdische Gemeinde gehört zu unserer Familie." Ähnlich sagt es auch der Imam der Moschee, Samir El-Rajab. Im Koran heiße es: "Sei gut bis zu deinem siebten Nachbarn. Und die Kurden nebenan sind unser allernächster Nachbar."

Man fühle mit den Kurden in Kobane, jeder sehe doch ihr Leid, sagt der Imam. Schon seit einiger Zeit versucht die Gemeinde islamische Jugendliche vor verfüherischer Propaganda und im Internet verbreiteten Lügen zu warnen. Schon am nächsten Tag musste die Moscheegemeinde auf ihrer Homepage reagieren. Von Jugendlichen, so warnten sie, werde über Facebook und per SMS verbreitet, eine muslimische Frau wäre mit einem Messer erstochen worden. "Hierbei handelt es sich um eine Lüge", schreibt der Moschee-Vorstand.

Noch am Vormittag treffen die Verantwortlichen der Moschee und des Kurdischen Vereins zusammen, um deutlich zu machen, dass es keinen Zwist zwischen ihnen gäbe. Die Beziehungen zwischen allen Nachbarn seien immer friedlich und freundschaftlich gewesen: "Dies soll auch so bleiben."

Aufhetzer im Internet

Im Netz aber stacheln Unbekannte Gruppierungen unter Decknamen wie "Ukht Noura" vor dem Freitagsgebet weiter an. Über eine islamistische Facebookseite "Generation Islam" meldet ein Abu Abu weiter: "Wir bekamen gerade eine Nachricht aus sicherer Quelle. Morgen werden 5.000 Kurden auf dem Steindamm mit Schusswaffen erwartet. Sagt euren Männern, sie sollen woanders juma beten." Nach ein paar Sätzen die Warnung: "Es bringt euch euer Pfefferspray nichts, wenn mit einer Schusswaffe auf euch gezielt wird."

Auch der Salafistenprediger Pierre Vogel meldet sich in der angespannten Woche als Friedensengel aus dem Netz, redete von der Verteidigung der Hamburger Al-Nour-Moschee gegen kurdische Angreifer, warnte aber gleichzeitig seine Glaubensbrüder: "Haltet euch fern von Demonstrationen und Einrichtungen von Jesiden und ihren abtrünnigen Verbündeten."

In der Stadt Celle, gut hundert Kilometer von Hamburg entfernt, hatten sich jesidische, die wegen ihres nicht muslimischen Glaubens vom Kalifat am heftigsten verfolgten Kurden, Straßenschlachten mit Islamisten geliefert. Alle anderen Kurden sind für die Anhänger des Kalifats der IS deren Verbündete.

Spaß bei der Notwehr

Doch Pierre Vogels Appelle bleiben doppeldeutig: "Seid wachsam, greift niemanden an und wenn jemand versucht euch zu töten, wie die Jesiden und ihre abtrünnigen Verbündeten es seit Monaten androhen, dann befindet ihr euch in einer Notwehrsituation." Und dann gibt der Prediger auch gleich eine kleine Rechtsberatung. Bei einer Notwehrhandlung sind die Auswirkungen auf den Angreifer irrelevant. Weder ist ein Abwiegen von gesundheitlichen Schäden beim Angreifer erforderlich, noch sind Verletzungen des Angreifers, die aus einer Notwehrhandlung resultieren, strafbar. Er rät zu gezielten Faustschlägen, warnt aber davor, mit beiden Füßen auf seinem Kopf herum zu springen oder ihn zu enthaupten. Am Ende wünschte er: "Viel Spaß bei der Notwehr."

Die Propaganda im Netz zog am Freitag viele sunnitische Jugendliche zur Moschee in dem Irrglauben, sie müssten diese nach dem Gebet verteidigen. Der Imam aber hatte gegen den Hass und zur Rückkehr zur Vernunft aufgerufen. Er bat die Gläubigen gleich nach dem Gebet, ruhig nach hause zu gehen. Und so taten es die meisten. Die Polizei, die im ganzen Viertel Präsenz zeigte, erlebte eine ruhige Nacht.

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