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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Überall Krieg - Deutschland, werde erwachsen!

Flüchtlinge strömen in unsere Städte, Kurden und Salafisten gehen auf deutschen Straßen mit Macheten aufeinander los. All das zeigt: Ignorieren wir die böse Welt, kommt die böse Welt zu uns.

Von Tilman Gerwien

Eine halbwegs friedlich verlaufene Kurden-Demo - in Stuttgart

Eine halbwegs friedlich verlaufene Kurden-Demo - in Stuttgart

Ach Deutschland! Du bist wirklich ein putziges Land. Du feierst jetzt gerade 25 Jahre Mauerfall und überall werden schöne Reden gehalten: über den Mut der Menschen in Leipzig, die Macht der Freiheit, und sicher gibt es irgendwo auch wieder ein bedächtiges Symposium, auf dem ausgiebig geklügelt wird über die Frage nach der "deutschen Identität". Draußen brennt gerade die Welt, in Syrien, in der Ukraine. Alle können abends in der "Tagesschau" zuschauen, wie sich in den Häuserkämpfen von Kobane eine Tragödie von biblischem Ausmaß ereignet. Aber so etwas hat den deutschen Michel, der gerne ein romantisches Verhältnis zu den Unappetitlichkeiten der Weltkonflikte unterhält, noch nie sonderlich interessiert.

Dumm nur, dass die Welt uns einfach nicht mehr in Ruhe lässt. Immer neue Flüchtlingsströme landen in Deutschlands Kommunen an, ratlose Bürgermeister müssen die Menschen zum Teil in Zelten unterbringen. Und auf deutschen Straßen gehen Salafisten und Kurden in der Stärke von Hundertschaften mit Macheten aufeinander los. In braven Städten wie Hamburg, Hannover oder Celle sehen wir Bilder wie wir sie nur aus Karatschi oder Dyabarkir kannten.

Die Illusion der Friedensdividende

Lange Zeit herrschte in Deutschland die Illusion, wir könnten unseren Wohlstand genießen und den anderen das oftmals schmutzige Geschäft der Krisenbewältigung und Krisenintervention überlassen. Nach dem Ende des Kalten Krieges schien alles perfekt. Wir wollten in der Mitte Europas sitzen, als mächtiger, aber passiver Koloss, dick und gemütlich wie ein Buddha. Und als solcher die "Friedensdividende" verfrühstücken und uns als größte Industrienation Europas an unseren Exportüberschüssen satt fressen. Unsere Bundeswehr wurde systematisch kaputtgespart. Für die geopolitische Stabilität, von der wir fröhlich profitierten, sollten Andere sorgen, vorzugsweise der Weltpolizist USA. Aber bitte nicht zu doll. Sonst zogen wir mit "Peace"-Fahnen durchs Brandenburger Tor.

Als der damalige Bundespräsident Horst Köhler nur mal anzudeuten wagte, dass offene Handelswege für eine Exportnation wie unsere essentiell sind und das auch ein Aspekt von Sicherheitspolitik sein könne, ging ein Aufschrei durchs Land; Köhler trat danach beleidigt zurück. Eine späte Blüte erfuhr diese Weltabgewandtheit dann noch ausgerechnet in Gestalt des ziemlich peinlichen Außenministers Guido Westerwelle und der von ihm propagierten "Kultur der militärischen Zurückhaltung". Diese "Kultur", die sehr vornehm die Unkultur sicherheitspolitischer Trittbrettfahrerei umschrieb, verschaffte dem armen Westerwelle im Abendrot seiner Karriere sogar noch einmal ein paar Popularitätspunkte.

Die Bitte der Polen

Jetzt aber zeigt sich: Wenn wir uns nicht für die Weltkonflikte interessieren, dann kommen die Weltkonflikte zu uns. Die Krawalle auf den Kurden-Demos hierzulande sind nur die Verlängerung des latenten Bürgerkriegs, den es in der Türkei, in Syrien und im Irak längst gibt. Und die Flüchtlingsströme, die uns erreichen, sind womöglich nur der Anfang einer großen Wanderungsbewegung in Richtung Europa, die der "arabische Frühling" ausgelöst hat. Immer drängender werde die Forderungen der Verbündeten, Deutschland solle Verantwortung übernehmen und aktiv gestaltend eingreifen, mit der ganzen Palette an Möglichkeiten, die einem reichen Land wie unserem zur Verfügung steht: diplomatisch, finanziell, humanitär und, ja: auch militärisch. Aber gemessen am Bruttoinlandsprodukt gibt Deutschland weniger Geld für seine Armee aus als Staaten wie Estland oder Bulgarien.

Dass die anderen so große Angst vor einem starken Deutschland hätten, ist längst eine feige Ausrede, die uns keiner mehr abnimmt. Man muss nur mal mit ein paar polnischen Politikern reden, um das festzustellen. Die Polen, die sich zunehmend bedrängt fühlen von den Großmachtphantasien eines Wladimir Putin, sagen: Nicht ein starkes Deutschland macht uns Angst. Sondern ein schwaches. Und Polen ist nun wirklich kein Land, das mit deutscher Stärke in der Geschichte allzu gute Erfahrungen gemacht hat.

Das Kleinkind der Weltpolitik

Gibt es in Deutschland eine ernstzunehmende Debatte? Über unseren Beitrag in der Ostukraine, in Afghanistan, in Syrien, im Palästinenser-Konflikt, in der Auseinandersetzung mit den Höllen-Horden des "Islamischen Staates"? Fehlanzeige. Gibt es überhaupt eine international renommierte Community, ein tiefgestaffeltes System von Beratern, Experten, Think Tanks, das sich mit diesen Fragen beschäftigt, wie es das in Washington oder London gibt? Fehlanzeige. Deutschland führt sich auf wie ein Kleinkind der Weltpolitik, das partout nicht erwachsen werden will. Für die nächste Podiumsdiskussion über "deutsche Identität" wäre das doch wirklich mal ein schönes Thema, oder?