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Kanzlerduell auf Twitter Wenn der Schwarm die Fakten checkt


Für Merkel und Steinbrück war das TV-Duell ideal, um Bekanntes neu auszuwalzen. Wirklich interessante Diskussionen gab es parallel auf Twitter. Inklusive einiger Peinlichkeiten aus den Parteilagern.
Von Oliver Noffke

Das Fernsehduell der Kanzlerkandidaten ist kein Frontalunterricht mehr. Während sich Herausforderer Peer Steinbrück (SPD) und Amtsinhaberin Angela Merkel (CDU) drei Wochen vor der Bundestagswahl auf dem besten Sendeplatz zur "Tatort"-Zeit gleichzeitig auf ARD, ZDF, RTL, ProSieben und Phoenix einen mehr oder minder herzlichen Austausch lieferten, blickten Tausende auf den zweiten Bildschirm auf ihrem Schoß oder in der Hand. Über den Kurznachrichtendienst Twitter wurden die Aussagen beider Politiker sofort kommentiert, überprüft, ad absurdum geführt oder in andere Sprachen übersetzt. Neben cleveren Analysen und scharfsinnigen Kommentaren trieften manche Tweets vor Zynismus oder entpuppten sich als plumpe Politikmache.

Sucht man unter "#TVDuell" nach den Kommentaren, die die stärksten Reaktionen hervorrufen, stößt man auf drei Tweets, die besonders oft von anderen Nutzern verbreitet wurden.

Medienjournalist Stefan Niggemeier prophezeite früh in der Debatte, dass Stefan Raab sich als Joker beweisen und keine Floskeln als Antwort akzeptieren wollte. Mehr als 600 seiner etwa 21.000 Follower verbreiteten dies weiter. Ein ironischer Kommentar von Moderator Jan Böhmermann über die Teilnahme von Raab im Journalistenpanel wurde mindestens 533 Mal retweetet.

Wie rasant sich ein Kommentar über Twitter verbreiten kann, zeigte der dritterfolgreichste Tweet des Abends. Die Kritik an Merkels Haltung während der Sendung durch einen Berliner Webentwickler wurde mehr als 350 Mal geteilt. Dabei entspricht die Anzahl der Menschen, die Dennis Morhardt folgen, nur einem Bruchteil der Follower von Niggemeier oder Böhmermann.

Pöbeln aus der zweiten Reihe

Das Fernsehduell wurde auch von anderen Politikern kommentiert. Teilweise treffend, teilweise kam dabei wenig mehr heraus als ein Eigentor.

Anhänger von SPD und CDU betrachteten das Duell erwartungsgemäß durch die Parteibrillen. So wurde wahlweise die Haltung des politischen Gegners kritisiert oder der eigene Kandidat über den Klee gelobt. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel spulte im Zehn-Minuten-Takt die Positionen seiner Partei herunter und wurde nicht müde zu bekunden, dass Steinbrück stets klare Ansagen mache und einen Treffer nach dem nächsten liefere. Das Twitter-Urgestein der CDU, Bundesumweltminister Peter Altmeier, sah diese Eigenschaften hingegen deutlich bei Merkel. Floskeln wie "Was will uns der Gegner eigentlich sagen?" oder "Handeln statt reden!" gehörten zu den Lieblings-Tweets von Mitgliedern der großen Parteien.

Geradezu seltsam mutet es an, wie der CDU-Bundestagsabgeordnete Peter Tauber auf die Diskussion über den Mindestlohn reagierte. Die eigene Parteilinie hatte Merkel deutlich dargelegt: Die Politik solle hier keine festen Rahmenbedingungen schaffen, sondern den Tarifparteien aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden das Feld überlassen. Eine Haltung, die von der Linken, den Grünen und auch von der SPD kritisiert wird. Diese Parteien fordern einen politisch verankerten, flächendeckenden Mindestlohn. Nachdem diese Standpunkte von den Kandidaten auch für das Fernsehvolk etabliert wurden, schrieb Tauber, seine Partei hätte in 15 Branchen bereits den Mindestlohn eingeführt.

Abgesehen vom Wahrheitsgehalt dieser Meldung, ist unklar, warum Tauber die Parteilinie in diesem Punkt öffentlich zerschießt. Dennoch wurde der Kommentar auch von anderen prominenten Unionsmitgliedern verbreitet. Etwa von der CSU-Bundestagsabgeordneten Dorothee Bär oder dem Generalsekretär der CDU NRW, Bodo Löttgen. Die Aussage wurde auf den jeweiligen Profilen sofort mit Fragen nach der Höhe dieser Mindestlöhne überzogen und warum das denn nicht die Tarifparteien geregelt hätten.

Piraten auf Schatzsuche

Als Merkel auf die Aussage von Horst Seehofer (CSU) angesprochen wurde, wonach dieser nur dann einen Koalitionsvertrag unterschreiben wolle, wenn darin eine Pkw-Maut verankert sei, twitterte der Bundestagsabgeordnete Volker Beck von den Grünen süffisant:

Ziemlich ruhig blieb es auf vielen Twitterkanälen der FDP. Weder auf dem offiziellen Account der Partei noch bei Vizekanzler Philipp Rösler gab es irgendeine Anmerkung. Auch in der ersten Reihe bei der Partei Die Linke wurde darauf verzichtet, allzu laut auf den politischen Gegner einzudreschen. Die Piraten hingegen kommentierten im Minutentakt. Der ehemalige Bundesvorsitzende der Partei, Sebastian Nerz, äußerte Unverständnis darüber, warum die Moderatoren der NSA-Affäre nur wenige Minuten innerhalb des Duells einräumten.

Andere Piraten, wie der Kölner Ali Utlu oder Marina Weisband, twitterten ein Gedankenfeuerwerk im Minutentakt. Wobei bei Utlu nach dem Duell weniger die politischen Positionen der etablierten Parteien Antrieb seines Mitteilungsbedürfnis waren, sondern der Halsschmuck der Kanzlerin und Merkels mütterlicher Abschiedsgruß.

Wer denn nun der Gewinner und wer der Verlierer des Abends gewesen sei, interpretierten die Mitglieder von CDU und SPD erwartungsgemäß unterschiedlich. Einen deutlicheren Trend zeigte ein Experiment der Kollegen von "Zeit.de", wonach Peer Steinbrück zumindest bei der Twittergemeinde besser abschnitt.

Politiker + Twitter = #Vorsicht!

Gerade was Tweets von Politikern angeht, stellt sich die Frage, ob die Möglichkeit, durch kurze Texte offen zu kommunizieren, wirklich eine sinnvolle Idee ist. Nichts ist für einen User entlarvender als ein Statement, das Fragen aufwirft, die nicht beantwortet werden. Zudem kann sich jeder Twitter-User seine eigene Öffentlichkeit schaffen und die eigenen Positionen verbreiten, ohne auf Diskussionen oder Gegenargumente einzugehen. Besonders bei knappen politischen Statements ist dies eine Einladung für Gegenargumente, die im Zweifelsfall nicht mit 140 Zeichen befriedigend entkräftet werden können.

Während der Debatte hat sich allerdings gezeigt, das Twitter Journalisten und unabhängigen Kommentatoren die Möglichkeit gibt, leere Phrasen zu entlarven, noch während sie aufgestellt werden. Wie dies etwa der Berliner Wissenschaftsjournalist Kai Kupferschmidt, Tilo Jung und viele andere gezeigt haben.

In Anbetracht der vielen intelligenten Anmerkungen ist es dann schon fast schade, dass von diesem Twitterabend besonders drei Dinge in Erinnerung bleiben werden: Die Montage der Kandidaten, die durch den User "Herence Till" verbreitet wurde. Das Peer Steinbrück auch twittern kann, wenn er sich mit der Kanzlerin vor einem Millionenpublikum duelliert. Und Merkels Deutschlandkette, die mittlerweile ihren eigenen Twitter-Account besitzt: @schlandkette.


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