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Kinderehe: Zu früh gebunden

Mit den Geflüchteten kamen viele verheiratete Minderjährige ins Land. Die Paare stellen deutsche Helfer und Behörden auf die Probe - und sorgen in der Politik für Streit. Eine Auseinandersetzung.

Von Katharina Kluin

In seiner Hand: Vor der Flucht nach Europa werden immer jüngere Mädchen verheiratet

In seiner Hand: Vor der Flucht nach Europa werden immer jüngere Mädchen verheiratet

Claudia Scherkenbach regt sich auf. Sie regt sich sogar sehr auf, sie redet so schnell, dass man ihr kaum folgen kann. Wo doch ohnehin so schwer zu glauben ist, was sie erzählt.
Hayat*, sagt Claudia Scherkenbach, war 13, als sie zum ersten Mal vor ihr saß, im Beratungszimmer beim Sozialdienst des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) in Berlin. Der Vater tot, die Mutter in Syrien. Doch Hayat lebte nicht in einer Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Sie war verheiratet. Sie lebte mit ihrem 23-jährigen Mann und seiner Mutter seit acht Monaten in einem umfunktionierten Klassenzimmer, in einer mit Decken abgetrennten Parzelle.

Hayat, 13 Jahre alt, war im sechsten Monat schwanger.

"Und niemand – niemand! – hatte Alarm geschlagen!" , empört sich Claudia Scherkenbach. "'Er kümmert sich doch so rührend um sie', haben die Betreuer in der Unterkunft gesagt. Es gebe überhaupt keine Bedenken, haben die gesagt, er sei ein fürsorglicher Ehemann. Können Sie das glauben? Die reden von einem 23-Jährigen, der ein 13-jähriges Mädchen geschwängert hat! Und sagen fürsorglich!"

Der Ehemann als Vormund

Sie holt Luft. "Ich dachte erst, okay, das wird sich schon klären, ihr Vormund vom Jugendamt wird sie in eine Mutter-Kind-Einrichtung bringen. Wo sie in Ruhe ihr Kind kriegen und dann allmählich verstehen kann, wie viele Möglichkeiten sie in Deutschland hat, ihr Leben zu leben. Und wissen Sie, was ich dann erfuhr? Der Familienrichter hatte die Vormundschaft keineswegs an das Jugendamt gegeben. Nein! An den Ehemann, den fürsorglichen. Den, der sie geschwängert hatte. Genau der war jetzt auch noch erziehungsberechtigt."

Und das, obwohl die Sozialpädagogin mit ihren Kollegen längst alle zusammengetrommelt hatte, die in Berlin bei solchen Fällen mitentscheiden. Ihre Chefs beim Lageso, die Familiengerichte, die Senatsverwaltung, die Familienhelfer. Das Team um Scherkenbach hatte sie alle an einen Tisch geholt, um – zumindest für Berlin – so schnell wie möglich eine grundsätzliche Haltung zu dem Thema zu finden, über das inzwischen auch die Bundespolitik streitet: die Kinderehe.

Mädchen ab 13, Männer Anfang 20

Den Sozialbehörden war früh aufgefallen, dass sich unter den vielen Geflüchteten auch minderjährige Ehefrauen befanden. Meist 15, 16 Jahre alt. Doch immer mal wieder auch 13. Ihre Männer waren meist Anfang, Mitte 20. Doch immer mal wieder auch älter als 30. Heute zählt das Ausländerzentralregister rund 1500 minderjährig Verheiratete, mehrheitlich Mädchen. Sie kommen vor allem aus Syrien, aber auch aus Afghanistan und dem Irak. 361 von ihnen sind noch keine 14 Jahre alt.

In Deutschland können Paare erst ab 18 heiraten, in seltenen Ausnahmen ab 16. Andererseits aber gilt der Grundsatz, im Ausland geschlossene Ehen anzuerkennen.

Die jungen Paare stellen Beamte, Richter und Gesetzgeber nun auf die Probe. Oft war nach der großen Einwanderungswelle im vergangenen Jahr davon die Rede, dass Deutschland sich seiner Werte bewusst werden müsse. Dass es eine klare Haltung finden müsse, um die vielen Ankömmlinge integrieren zu können. Ohne ihnen den hiesigen Lebensstil aufzuzwingen. Aber auch, ohne zu tolerant zu sein.

Zwei Lager zur Kinderehe

Inzwischen streiten in Ämtern, Ministerien und Medien im Wesentlichen zwei Lager. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die im Ausland geschlossene Ehen mit Minderjährigen grundsätzlich nicht anerkennen wollen: die Fraktionsvorsitzenden von Union und Sozialdemokraten, der bayerische CSU-Justizminister, die hessische CDU-Justizministerin, Frauenrechtsinitiativen wie Terre des Femmes.

Und auf der anderen Seite stehen diejenigen, die nicht an eine pauschale Lösung glauben und finden, dass Ausnahmen möglich sein müssen: Bundesjustizminister Maas (SPD), die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, das Aktionsbündnis Muslimischer Frauen in Deutschland, das Deutsche Institut für Menschenrechte, Unicef, der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung – und Birgit Na'amni.

Keine Pauschallösungen

Birgit Na'amni ist Anwältin für Sozial-, Familien- und Migrationsrecht. Ihre Empörung ist genauso groß wie die der Sozialpädagogin aus Berlin. Nur streitet sie aus der entgegengesetzten Richtung. Na'amni arbeitet zurzeit an einem Fall, der sie davon überzeugt hat, dass es keine Pauschallösungen geben darf. Sie engagiert sich als Verfahrensbeistand für eine minderjährige Ehefrau. Dafür, dass sie bei ihrem Mann bleiben darf.

Samira* ist 15. Sie lebt mit ihrem 21-jährigen Mann in Aschaffenburg, er ist ihr Cousin. Samira und Muhammad* wurden in Syrien getraut, nur ein paar Monate, bevor ihre Eltern sie auf die Flucht nach Europa schickten. Muhammad sollte die damals 14-jährige Samira vor all dem bewahren, was einem Mädchen auf der Flucht geschehen kann. In Schlepperbüros, Wäldern, Notunterkünften. "Sie sagt, sie hätte es nicht geschafft ohne ihn" , erzählt Birgit Na'amni.

Sie kennen sich seit frühester Kindheit

Samira kennt Muhammad seit frühester Kindheit. Als in Syrien noch keine Bomben fielen, haben sie zusammen auf den Straßen gespielt und die Familienfeste zusammen gefeiert. Sie habe Muhammad immer besonders gemocht, versichert Samira der Anwältin. "Die beiden kommen hier an, sie sind unzertrennlich", sagt Birgit Na'amni, "sie lachen sich an, sie greifen immer wieder nach der Hand des anderen. Und dann? Dann kommt eine bayerische Behörde und sagt: Das geht so nicht. Die beiden landen in getrennten Unterkünften. Sie dürfen sich nur unter Aufsicht sehen, zwei Stunden pro Woche im Jugendamt." Die Anwältin schüttelt den Kopf. "Die verstehen doch die Welt nicht mehr!" Muhammad, ihr größter Schutz auf der Flucht, soll in Deutschland nun gefährlich für Samira sein?

Erst bestätigte ein Familiengericht die Trennung. Im Mai dieses Jahres stellte das Oberlandesgericht Bamberg dann die Wirksamkeit der in Syrien geschlossenen Ehe fest. Der Fall von Samira und Muhammad ist jener, nach dem die Zeitungen titelten "Bayerisches Gericht erkennt Kinderehe an" und mit dem das Thema endgültig auf die politische Agenda rückte. Inzwischen liegt der Streit beim Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe – und Jugendämter und Politiker in ganz Deutschland erhoffen sich von dessen Entscheidung eine größere Klarheit.

Samira braucht ihren Mann

Birgit Na'amni rechnet täglich mit der Aufforderung, in Karlsruhe für Samira Stellung zu nehmen. Sie hat lange Gespräche mit ihr geführt, sie ist es gewohnt, genau hinzuhören. Als Verfahrensbeistand in Familiensachen ist sie die Einzige, die ausschließlich für die Sicht der Kinder und Jugendlichen eintreten kann – weil sie, anders als die Eltern oder das Jugendamt, nicht selbst involviert ist. Sie ergründet deshalb genau, was diese Mädchen und Jungen brauchen.

Und Samira braucht ihren Mann. Daran gibt es für Na'amni keinen Zweifel. "Wenn es irgendeinen Hinweis auf eine Zwangsehe gegeben hätte, dann hätte auch das Gericht sicherlich anders entschieden", sagt sie. "Gab es aber nicht. Sie liebt ihn. Sie sagt, sie hätte ihn sich auch ohne Krieg als Mann ausgesucht. Wenn man sie jetzt von ihm trennt, dann nimmt man ihr auch noch den letzten Halt."

"Wir nehmen Mädchen die Freiheit"

Claudia Scherkenbach stritt für die Trennung einer 13-Jährigen von ihrem 23-jährigen Mann

Claudia Scherkenbach stritt für die Trennung einer 13-Jährigen von ihrem 23-jährigen Mann

Die Berliner Sozialpädagogin Claudia Scherkenbach kennt das Letzter-Halt-Argument. Sie hat es auch gehört, als es um die schwangere 13-Jährige ging. Und deshalb hat es für sie seine Kraft verloren. "Natürlich will ein Mädchen, das neu hier in Deutschland ist und niemanden kennt, nicht von seinem Mann getrennt werden. Aber wenn wir das zulassen, dann nehmen wir dem Mädchen die Freiheit, sein eigenes Leben zu leben. Zur Schule zu gehen. Erst später Kinder zu bekommen. Einen Beruf zu erlernen, eigenes Geld zu verdienen. Und nicht lebenslang abhängig zu sein."

Scherkenbach und ihre Kollegen aus den Sozialbehörden haben bei ihrem eilig zusammengetrommelten Treffen deshalb schon im Februar vereinbart: In Berlin dürfen Paare ab 16 Jahren zusammenleben, allerdings muss es eine "regelmäßige Nachschau über ein Jugendamt" geben. Ehen mit Partnern unter 16 Jahren werden grundsätzlich nicht anerkannt und die Paare getrennt untergebracht. Unter 14-Jährige werden sofort in Obhut genommen. Und: Der Vormund soll niemals der Ehemann sein. Doch das Papier formuliert lediglich eine Empfehlung, es ist rechtlich nicht bindend. Claudia Scherkenbach streitet deshalb mit aller Kraft für eine gesetzliche Verschärfung. Und gegen Ausnahmen im Einzelfall. Sie hat gesehen, wie schwierig ein Einzelfall werden kann.

Sie ist 14 und seit August Mutter

Denn Hayat, sagt Claudia Scherkenbach, lebe noch immer bei ihrem zehn Jahre älteren Mann, inzwischen ist sie 14 und seit August Mutter. Das Paar wohne mit dem Säugling weiterhin in einem Flüchtlingsheim, und auch dort sei nicht jeder einverstanden mit der Ehe. Als der Betreuer im Haus herausgefunden habe, dass der Mann an Hayats Seite keineswegs ihr Bruder war, habe er ihn sich vorgeknöpft. Er sei ein Kinderschänder, nichts anderes. Wegen solchen wie ihm gerate eine ganze Kultur in Verruf.

Seine Kultur. Denn der Betreuer selbst stammte aus der Region. Er schämte sich. Weil es auch in Syrien nicht üblich sei, eine 13-Jährige zu heiraten und sie zu schwängern, sagte er Claudia Scherkenbach am Telefon. Das hatten ihr zuvor schon die Dolmetscher in ihrem Büro versichert: Nach syrischem Recht dürfen Jungen mit 18 und Mädchen mit 17 heiraten. Ausnahmen sind nur nach genauer Prüfung und dem Einverständnis der Eltern erlaubt. Erst der Krieg hat dazu geführt, dass diese Ausnahme häufiger wird.

Kinderehe ist Krisenphänomen

Die Ehe von Minderjährigen, die mit den Geflüchteten nun Deutschland beschäftigt, ist in erster Linie ein Krisenphänomen. Mädchen werden vor allem dort früh verheiratet, wo Eltern kaum selbst für sie sorgen können. Wo die "Ehre" eines jungen Mädchens nur durch Ehe leidlich geschützt werden kann. Oder wo ein Mann sie mit auf die Flucht nehmen soll. Dass sich die Menschen im Krieg und in Flüchtlingscamps oft auf traditionelle Bräuche besinnen, nach denen ein geschlechtsreifes Mädchen grundsätzlich als heiratsfähig gilt, verschärft das Phänomen. Die Kinderhilfsorganisationen schlagen inzwischen Alarm: Die Zahl der früh verheirateten Mädchen in den meisten Krisenregionen steige ständig, gerade in den Flüchtlingslagern entlang der syrischen Grenzen würden sie zudem immer jünger.

Auch deshalb bereitet sich Deutschland nun auf einen Anstieg der Fallzahlen hierzulande vor. Justizminister Maas will in diesen Tagen seinen Gesetzesentwurf zur Kinderehe vorlegen. Er soll die bisherigen Gesetze verschärfen. Doch noch ist offen, ob auch Ausnahmeregelungen den Bundestag passieren werden. Die Fraktionschefs haben sich im Vorfeld dagegen entschieden, aber zumindest öffentlich hält Maas an einer Härtefallregelung fest.

Wollen wir Freiheit erzwingen?

Dass der politische Streit letztlich nur um diese eine Frage kreist und dass er so empört geführt wird, verrät, wie groß das Dilemma dahinter ist: Ist uns die Freiheit im Grundsatz so viel wert, dass wir sie – ohne Ansehen des einzelnen Menschen – erzwingen wollen? Oder lassen wir zu, dass jungen Mädchen ihre grundgesetzlich verbürgte Freiheit genommen werden kann?

Vielleicht wäre es gar nicht nötig, diese Wahl zu treffen. Vielleicht könnten schon besser vorbereitete, besser geschulte Familienrichter, Sozialarbeiter und Fallmanager helfen. Und spezielle Unterkünfte, in denen das Zusammenleben der Paare bis zur Volljährigkeit an die Bedingung geknüpft wird, dass die Mädchen Deutsch lernen, zur Schule gehen, eine Ausbildung machen.

Die Frage ist, ob das Thema Kinderehe nicht tatsächlich eine Integrationsaufgabe für beide Seiten ist.

Die 15-jährige Samira, deren Fall nun bald vom BGH entschieden werden soll, war in den Gesprächen mit Birgit Na'amni irgendwann nur noch fassungslos. Und zwar auch über die Haltung jener Deutschen, die meinen, besser zu wissen, was gut für sie ist, als sie selbst. "Wenn ich nicht mit Muhammad leben wollte", fragte sie, "meint ihr nicht, ich würde das spätestens hier und jetzt sagen?"

* Namen von der Redaktion geändert

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