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"Fehlende Alternativen": Koalition verschiebt Verbot zur Ferkelkastration ohne Betäubung

Ab Januar wollten CDU/CSU gemeinsam mit der SPD die Ferkelkastration ohne Betäubung verbieten, jetzt haben sie einer Verschiebung um zwei Jahre zugestimmt. Die Grünen sind in Rage und nennen die Koalition den "Alptraum der Tiere".

Verbot zur Ferkelkastration ohne Betäubung verschoben

Die Kastration von Ferkel erfolgt in den meisten Fällen nur wenige Tage nach der Geburt

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Nach Angaben der CDU/CSU verständigte sich die Union gemeinsam mit der SPD am Freitag auf einen Gesetzesentwurf, mit dem das ursprünglich ab Januar geplante Verbot der Kastration von Ferkeln ohne Betäubung verschoben wird. Die Übergangsfrist bis zum vollständigen Verbot solle um zwei Jahre verlängert werden.

Als Grund für die Entscheidung gibt die Koalition fehlende Alternativen an, was viele Schweinehalter ihre Existenz kosten könne. Die Koalitionsspitzen hatten sich bereits Anfang Oktober auf eine längere Übergangsfrist geeinigt. Grüne und Verbraucherschützer empörten sich und bestritten, dass es an Alternativen mangele - sie kosteten die Fleischindustrie nur mehr.

Alles für den guten Geschmack

In Deutschland werden jedes Jahr Millionen männlicher Ferkel wenige Tage nach der Geburt ohne Betäubung kastriert. Diese Methode soll vermeiden, dass Fleisch von Ebern einen strengen Geruch und Beigeschmack bekommt.

Unionsfraktionsvize Gitta Connemann erklärte am Samstag, es gebe derzeit keine marktgängige oder praktikable Alternative zur betäubungslosen Ferkelkastration. Erforderliche Tierarzneimittel seien noch nicht zugelassen, alternative Verfahren würden bislang von Handel und Verbrauchern nicht akzeptiert. "Ohne ein Handeln des Gesetzgebers würden gerade die kleinen Höfe ab dem kommenden Jahr vor einem unlösbaren Problem stehen", argumentierte sie. Die Ferkelerzeugung werde dann ins Ausland abwandern.

Verbot wurde bereits vor fünf Jahren beschlossen

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter wies diese Argumentation entschieden zurück. "Natürlich gibt es Alternativen, die längst von Wissenschaftlern, Tier- und Verbraucherschützern anerkannt sind - zum Beispiel die Kastration unter Narkose. Die Fleischindustrie stemmt sich gegen die tierschutzgerechten Lösungen, in erster Linie um Kosten zu sparen", sagte Hofreiter der Deutschen Presse-Agentur. Die Grünen-Abgeordnete Renate Künast kritisierte auf Twitter, die Koalition weiche das Tierschutzgesetz auf. Die GroKo sei der "Alptraum" der Tiere.

Der Bauernverband hatte auch angesichts der generell schwierigen wirtschaftlichen Lage vieler Schweinehalter für eine Verschiebung geworben und argumentiert, dass es keine praktikablen Alternativverfahren gebe. Das Verbot ab 2019 war bereits mit der Reform des Tierschutzgesetzes 2013 beschlossen worden.

"Tierschutz hat keinen Stellenwert in der Koalition"

Grünen-Chef Robert Habeck warf Klöckner und der großen Koalition vor, seit Jahren gültige Gesetze auszusetzen. Es habe fünf Jahre Vorbereitungszeit für Alternativen zur Kastration ohne Betäubung gegeben. "Jetzt müsste die Koalition zu dem stehen, was längst beschlossen ist und sich um die Umsetzung kümmern", sagte Habeck der Deutschen Presse-Agentur. "Offenkundig hat Tierschutz keinen Stellenwert in dieser Koalition."

Der stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, Matthias Miersch, schob den Schwarzen Peter der Union zu. "Wir haben aus der fatalen Situation, in die das Bundeslandwirtschaftsministerium und Funktionäre des Bauernverbandes viele Landwirte gebracht haben, das Möglichste gemacht: Durch die Fristverlängerung vermeiden wir massive Verwerfungen und schaffen gleichzeitig die Voraussetzungen, dass die Neuland-Methode Standard wird", teilte Miersch mit.

Schmerzfreie Ferkelkastration ist bereits Praxis

Neuland ist ein Gütesiegel, das für artgerechte Tierhaltung steht. Ferkel für die Marke dürfen nach Angaben des Neuland-Vereins seit über zehn Jahren nur noch unter Betäubung und Schmerzausschaltung kastriert werden. Dafür fahren in Deutschland Tierärzte von Hof zu Hof und führen die Kastration durch.

Auch die Verbraucherorganisation Foodwatch kritisierte den Aufschub. "Das ist einer modernen, aufgeklärten Demokratie unwürdig", sagte Kampagnendirektor Matthias Wolfschmidt der dpa. "Die blutige und schmerzliche Tortur könnte Millionen von männlichen Ferkeln sofort durch die Immunokastration erspart werden - ohne Risiken und Nebenwirkungen für aufgeklärte Verbraucherinnen und Verbraucher." Bei der Immunokastration wird mit einer Art Impfstoff die Bildung der Geschlechtshormone von vornherein verhindert; die Wirkung kommt einer Kastration gleich.

sve / DPA