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Kostenexplosion bei Stuttgart 21: Ramsauer warnt vor teureren Bahn-Tickets

Stuttgart 21 ist ein Milliardengrab. Zahlen muss das womöglich der Bahnkunde, fürchtet Verkehrsminister Ramsauer. Er nimmt Baden-Württemberg in die Pflicht; Ministerpräsident Kretschmann wehrt sich.

Was Schlichtung, Volksabstimmung und Stresstest nicht schafften, scheint auch dem Bahn-Aufsichtsrat nicht gelungen zu sein - nämlich endgültig Ruhe in die Diskussion um Stuttgart 21 zu bringen. Mit der am Dienstag beschlossenen Erweiterung des Finanzrahmens auf 6,5 Milliarden Euro ist ein Abbruch des Bauprojekts zwar erst einmal vom Tisch. Anlass zum Streit gibt es aber weiter: Die Stadt Stuttgart und das Land Baden-Württemberg wollen sich weiter nicht an den Mehrkosten beteiligen.

Der Bahn-Aufsichtsrat hatte trotz Kostenexplosion für den Weiterbau des Tiefbahnhofs gestimmt. Nun will die Bahn erreichen, dass sich das Land und die Stadt an den Mehrkosten von zwei Milliarden Euro beteiligen. Doch beide lehnen das bislang strikt ab.

Kretschmann spricht von "Ramsauer"-Zuschlag

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) versucht es deshalb per Appell über die "Bild"-Zeitung. Er hält höhere Ticketpreise bei der Bahn für möglich, sollte sich Baden-Württemberg nicht an den Mehrkosten für den Tiefbahnhof beteiligen. "Bahnfahren darf nicht teurer werden, weil sich ein einzelnes Land seiner Verantwortung entzieht", sagte Ramsauer dem Blatt. Die Kosten für das vor Jahrzehnten gemeinsam vereinbarte Bauprojekt müssten von Bahn, Land und Stadt gemeinsam getragen werden: "Baden-Württemberg darf seine Vertragspartner nicht im Regen stehen lassen", warnte der Minister.

Winfried Kretschmann (Grüne) wies die Mahnungen Ramsauers zurück. "Ich gehe gemeinhin pfleglich mit anderen Verfassungsorganen um, das ist aber einfach dreist", sagte der Ministerpräsident in Stuttgart. Der Bau von Schienenwegen und Bahnhöfen sei Aufgabe des Bundes, sagte er und mahnte an die Adresse Ramsauers, "sich endlich seiner Verantwortung" zu bekennen: Als Eigentümer der Bahn müsse der Bund auch die Verantwortung für die Mehrkosten bei Stuttgart 21 tragen. Wenn dadurch die Ticketpreise anstiegen, "ist es ein Ramsauer-Zuschlag und nichts anderes", sagte Kretschmann.

Rechnerisch 30 Prozent Preisanstieg

Nach Schätzungen des Bahnexperten Christian Böttger von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin müssten die Bahnpreise rein rechnerisch um drei Prozent für die nächsten zehn Jahre steigen, um die Mehrkosten für Stuttgart 21 aufzufangen. Er rechne allerdings eher damit, dass die Bahn bei der Infrastruktur sparen werde, statt die Preise zu erhöhen. "Das heißt, wir bauen Stuttgart, lassen aber andere Bahnhöfe verfallen", sagte Böttger der Zeitung.

Die Bahn muss in nächster Zeit allerdings auch in andere Bahnhöfe investieren - auch in die kleinsten. Das staatseigene Unternehmen war jüngst per Gerichtsurteil gezwungen worden, Tausende kleine Bahnstationen mit besseren Informationsmöglichkeiten und Lautsprechern auszustatten, um Fahrgäste über Fahrplanänderungen oder Verspätungen zu informieren.

In den nächsten Jahren kommen also eine Menge Kosten auf die Bahn zu - wobei Stuttgart 21 ein extrem großer zusätzlicher Brocken ist.

anb/dho/DPA/AFP / DPA