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Landtagswahl Schleswig-Holstein: Gute Aussichten für Rot-Grün

Peter Harry Carstensen will die lange Oppositionszeit der CDU im Kieler Landtag endlich beenden. Doch der Spitzenkandidat in Schleswig-Holstein hat ein Problem: Heide Simonis. Die SPD-Ministerpräsidentin will ihr Amt verteidigen - mit guten Aussichten.

Schlichter geht es kaum. Seit Wochen wirbt die schleswig-holsteinische SPD mit Plakaten, auf denen nur ein einziges Wort steht: "Heide". Kein Wunder, die Ministerpräsidentin ist offenbar das einzige Pfund, mit dem die Partei kurz vor der Landtagswahl am kommenden Sonntag wuchern kann. Bei Beliebtheitsumfragen liegt Heide Simonis weit vor ihrem Herausforderer Peter Harry Carstensen (CDU). Und das trotz des bundesweiten Tiefs der SPD.

Simonis gilt als Kämpferin. So hält sie trotz aller Neins aus Berlin unbeirrbar an ihrer Idee der Erbschaftsteuer fest. Mit ihrer Hartnäckigkeit konnte sie sich auch in der Männerwelt der Politik behaupten: Schröder verriet bei seiner Wahlkampfreise durch Schleswig-Holstein, es gebe am Telefon schon "manchmal Zoff mit der Heide". Und wenn sie anrufe, kriege er "das Zittern".

Dass Heide Simonis kein Blatt vor den Mund nimmt, ist bekannt. Das "Hamburger Abendblatt" veröffentlichte vor eineinhalb Jahren sogar eine Liste "ihrer vorlautesten Sprüche". Darin finden sich unter anderem Bezeichnungen wie "der Dicke" (für Helmut Kohl), "Kotzbrocken" (für Völker Rühe) oder "Plage" (für das Verteidigungsministerium unter Rudolf Scharping). Einmal musste sie einräumen: "Ich mache immer, was ich will. Das ist das Problem." Mit ihrer Schnoddrigkeit haben die Schleswig-Holsteiner in den letzten zwölf Jahren leben gelernt. Und es sieht so aus, als könnten sich viele von ihnen fünf weitere Jahre mit ihrer Landesmutter vorstellen.

Heide Simonis lebt mit ihrem Mann Udo, einem Professor im Ruhestand, in einer stuckverzierten 200-Quadratmeter-Wohnung in der Kieler Schillerstraße - eine feine Gegend. Den Kontakt zur Bevölkerung glaubt sie trotzdem nie verloren zu haben. "Ich gehe auf die Leute zu, ich rede mit ihnen, ich höre ihnen zu." Gelegenheit dazu bieten ihre ständigen Flohmarktbesuche. "Da lerne ich mal das pralle Leben kennen", sagt sie.

Heide Simonis wurde 1943 in Bonn als Tochter eines Beamten der Bundesanstalt für Arbeit geboren und wuchs in Bonn, Hamburg und Nürnberg auf. Dass sie sich als Frau in der Männerwelt der Politik behaupten kann, begründet sie auch mit der Erziehung in ihrem Elternhaus, wo preußische Tugenden gefragt waren. "Heulen, sich vor etwas drücken oder die 'Kleinmädchentour', das ging bei uns nicht."

Nach dem Examen als Diplom-Volkswirtin ging Simonis zunächst als Deutsch-Lektorin nach Sambia, arbeitete anschließend drei Jahre lang beim Institut für Bau- und Finanzplanung in Berlin und Kiel, bevor sie als Deutsch-Tutorin für das Goethe-Institut nach Tokio ging. Danach wurde sie Berufsberaterin beim Arbeitsamt Kiel. Bei der Bundestagswahl 1976 konnte sie ein Direktmandat ergattern und blieb bis 1987 im Bundestag, wo sie bald zu den finanzpolitischen Nachwuchstalenten zählte.

Ministerpräsidentin über Nacht

1988 wechselte sie in die schleswig-holsteinische Landespolitik und wurde in Kiel Finanzministerin im Kabinett von Björn Engholm. Nachdem der 1993 wegen seiner Falschaussagen in der Barschel-Pfeiffer-Affäre alle Ämter niedergelegt hatte, wurde Simonis quasi über Nacht zur Ministerpräsidentin. In diesem Amt verschaffte sie sich in nur wenigen Wochen Anerkennung und Respekt.

Ihre politische Linie hat Simonis selbst einmal so beschrieben: "Als ich bei den Jusos war, da war ich eine klassische Linke. Ich lief Fahnen schwenkend durch die Straßen und war für Verstaatlichung. Inzwischen bin ich sehr viel pragmatischer geworden." Mittlerweile ist Simonis seit fast zwölf Jahren die Landesmutter von Schleswig-Holstein und immer noch die einzige Ministerpräsidentin Deutschlands. Auf mehr Dienstjahre als sie kommt nur der baden-württembergische Regierungschef Erwin Teufel.

Trotz ihrer Beliebtheit ist die politische Bilanz eher durchwachsen. Unter ihrer Leitung wurde Schleswig-Holstein das am höchsten verschuldete Flächenland der Bundesrepublik, auch die Regierungsmannschaft von Simonis bekommt von den Wählern eher schlechte Noten. Sie hat angekündigt, bei einem Wahlsieg die ganze nächste Legislaturperiode im Amt zu bleiben. Ein Leben ohne Politik kann sich Simonis nur schwer vorstellen, wie sie im letzten Frühjahr sagte: "Wenn ich nur zu Hause rumsäße, würde ich ja verrückt werden."

Ruhestand sei für Carstensen kein Thema, ein Leben ohne Politik aber auch kein Problem: "Mir würde nicht langweilig. Wer weiß, vielleicht vermiete ich mal an Feriengäste. Mein Haus ist groß genug." Es sieht nicht gut aus für den Herausforderer der CDU, doch an ein Scheitern mag er auch nicht denken und hat vor seinem Geburtshaus in der nordfriesischen Provinz die CDU-Flagge gehisst. "Wir ziehen das durch", sagt er und gibt sich unverdrossen. Und wenn es nicht klappt? "Ich habe in meinem Leben schon mehr erreicht, als je geplant war."

Der Kandidat sitzt in seinem alten Bauernhaus gleich hinterm Deich auf der Halbinsel Nordstrand und lässt den Blick über die Einöde schweifen. "Eigentlich will ich hier gar nicht weg, hier geht es mir richtig gut", sagt der 57-Jährige. 1,91 Meter, kräftige Statur, weißgraues Haar und Bart: Carstensen ist eine stattliche Erscheinung. Er ist heimatverbunden, gesellig, und den Bauern fühlt sich der gelernte Landwirt besonders nahe. Wo immer er erscheint, sucht er den Schnack mit seinen Landsleuten, seine Nummer steht im Telefonbuch. "Die Leute haben keine Berührungsängste bei mir, und ich habe die auch nicht", sagt er.

Doch Carstensen hat ein Problem: Man kennt ihn nicht. Während es Simonis auf 98 Prozent Bekanntheitsgrad bringt, hat jeder Dritte im Lande noch nie etwas von dem Nordfriesen gehört. Vielen dürfte er vor allem wegen der zahlreichen Wahlkampfpannen bekannt sein. So hat Carstensen innerhalb weniger Wochen sein Schattenkabinett ausgetauscht, der Wahlkampfmanager musste gehen. Und erst kürzlich endete die Internet-Umfrage zur Schulpolitik vorzeitig mit einem Fiasko, weil sich die Mehrzahl der Teilnehmer gegen das CDU-Modell aussprach. "Wir sind unprofessionell vorgegangen", räumt Carstensen ein.

"First Lady gesucht"

Hohn und Spott erntete der Kandidat mit seiner öffentlichen Brautschau im vergangenen Sommer. Unter dem Titel "First Lady gesucht" hielt er per "Bild"-Zeitung nach einer Partnerin Ausschau, die ihm "was Schönes zu essen" bereiten und ihn "bei vielen politischen Terminen begleiten" sollte. "Was damals passiert ist, habe ich so nicht gewollt. Das Ganze war unerfreulich", sagt er. Im Umgang mit Journalisten sei er seither vorsichtiger. 500 Kontakt-Zuschriften erhielt Carstensen, der zwei erwachsene Töchter hat und seit sechs Jahren Witwer ist. Er hat sie alle beantwortet. Viele Frauen hätten Verständnis für ihn gezeigt, betont Carstensen und gesteht: "Ich habe nicht gewusst, wie schwer es ist, allein zu sein."

Carstensen sieht sich als Mann, der "anpacken kann und Klartext redet". Das Image eines Karrierepolitikers passe überhaupt nicht zu ihm. Nach der Landwirtslehre studierte er in Kiel, wurde Agraringenieur und arbeitete zuletzt an einer Landwirtschaftsschule. Seit 1983 sitzt er für die CDU im Bundestag. Über die SPD-Politikerin Simonis sagt er nur Gutes: "Sie ist eine schlagfertige Frau, ich bin mir ihr auf Du, Respekt vor ihrer Leistung." Seit Wochen reist Carstensen durchs Land und wirbt für sein Programm. Er will die Landesfinanzen sanieren, kämpft gegen die "Einheitsschule" und propagiert einen Nordstaat, doch von den Sitzen reißt das die Wähler offenbar nicht.

Es sei nicht die Lust an der Macht, die ihn treibe, betont Carstensen. "Ich habe mich nie um ein Amt bemüht, ich bin immer gefragt worden." Zugleich gesteht er, durch "Grabenkämpfe" und "missgünstige Parteigenossen" auch enttäuscht worden zu sein. Besonders ärgere ihn, wenn schon jetzt über die "Zeit nach Carstensen" spekuliert werde. Rückzugsort in schweren Zeiten ist immer wieder sein Bauernhof in der nordfriesischen Einöde. Sein Land hat er verpachtet, die Liebe zur Landwirtschaft ist geblieben: Im Gewächshaus zieht er Kürbisse, Zucchini und Tomaten, in den Fischteichen schwimmen japanische Koi-Karpfen. Bei Ebay fahndet er regelmäßig nach seltenen Pflanzensamen oder seinen geliebten dänischen Landschaftsmalern.

Lisa Arns und Manfred Rolfsmeier/AP / AP