Laurenz Meyer Der Frauen-Flüsterer


Als Haudrauf wurde er geholt. Erfolgreich aber ist CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer erst, seit er sich zum geschmeidigen Parteimanager gewandelt hat. Er zieht alle Strippen - und er sitzt im Ohr von Angela Merkel.

Dieser Tage ging er ins Theater. Da saß er dann mit seiner Sonja, hinter ihnen ein paar Schüler, überall sehr viele Leute, die neugierig den Kopf verdrehten. Spiel im Spiel. "Du bist mal wieder das Ausstellungsstück", sagte Sonja. Prompt kam ein Schüler in der Pause, fragte: "Sind Sie der Laurenz Meyer von der CDU?", und Herr Meyer sagte ja, und der Junge riss die Faust von hoch nach tief und rief begeistert: "Wusst ich's doch, das ist der Meyer!" Das fand er klasse, der Generalsekretär - und zwar sehr.

Ja, es stimmt schon, der Laurenz Meyer von der CDU wird inzwischen meist erkannt. Ja, es stimmt auch, gerade die Damen erkennen und bewispern ihn am meisten. Mann o Mann, dieser Meyer! So ein Charmeur. Mit diesem Lächeln, das die Herzen im Dutzend schmilzt! Der dirty-flirty Sekretär! Leider gerade in festen Händen. Ja, in der Hauptstadt genießt Herr Meyer den Ruf eines Schnittchens.

Im weißen Kasten der Macht

Das Objekt der Begierde sitzt von morgens früh bis abends spät im zweiten Kommandostand des Konrad-Adenauer-Hauses in Berlin. 55 Jahre alt, Diplom-Volkswirt, trägt dunkle Dreiteiler, die gut sitzen, schicke Schuhe, perfekt geputzt, und ein babyglattes Kinn. Das sieht nach nass rasiert und scharfer Klinge aus. Von Kopf bis Fuß sehr ordentlich, der Mann. Blickt aus großen Fenstern über den Reichstag bis hinüber zum Kanzleramt. In diesen weißen Kasten der Macht, da soll sie rein, seine Gebieterin, die Mächtige, die Einzige, die über ihm sitzt - seine Vorsitzende Angela Merkel. Dafür schuftet er und immer zu viel, deshalb raucht er wieder und immer zu viel Benson & Hedges aus der goldenen Packung.

"Seit dem Leipziger Parteitag fühle ich mich zusätzlich bestärkt. Der Erfolg des Parteitages war sicher auch für mich eine Bestätigung", sagt Herr Meyer und lacht. Er lacht viel. Er lacht ausgiebig. Er lacht wie beschwipst, denn zurzeit, so scheint es, macht alles, aber wirklich alles Spaß in seinem Leben. Die Umfragewerte, wundervoll, schweben sie doch in galaktischen Höhen, das tägliche Politgeschäft, wunderbar, läuft es doch wie geschmiert, seine Liebe zu Sonja, wunderschön, sind sie doch schon länger als ein Jahr zusammen. Zurzeit hat er einen richtigen Lauf. Das weiß er. Das genießt er.

Der Parteitag in Leipzig letzten Dezember, da hat er allen gezeigt, dass er es drauf hat. Da ging es um Inhalte, um Programmatik, um die Herzog-Vorschläge, die für die Gesundheit, die mit der Kopfprämie, hässliches Wort, jeder soll das Gleiche in die Krankenkasse zahlen, nur die Arbeitgeber nichts, und wie das alles zu bezahlen ist, weiß nicht mal der Teufel des Aufschwungs! Scheußliche Kröte! Doch die Parteitagsdelegierten haben sie geschluckt. Einfach so. Da fällt es leichter, jetzt über Veränderungen am Rürup-Plan nachzudenken.

Harter Arbeiter

Genau daran, an diesem großen, glänzenden Erfolg, war er wahrlich nicht ganz unbeteiligt. Wer war es denn, der monate- und nächtelang die Kommission leitete, wenn Roman Herzog, der erschöpfte Ex-Präsident, nicht mehr konnte? Wer war es denn, der Hunderte Änderungswünsche aus den Kreisverbänden bündelte und besprach und am Ende faltenfrei bügelte? Wer war es, der noch in der Nacht vor dem Parteitag wie irre durch die Hallen rannte und "Scheiße" brüllte, weil das Licht nicht so wollte wie er, nicht mehr nur blau und bodenständig, nein, orange, modern, dynamisch? Wer hat all das organisiert? Der harte Arbeiter Laurenz Meyer.

Gerade dieses Orange, dieses neue Design für die alte Tante CDU, hat Meyer eigenhändig ausgetüftelt. "Die neue Akzentfarbe", die Logozusatzzone für Embleme und Wappen, die Logoschutzzone und sogar die heiligen drei Buchstaben hat er kamikazemutig umgestaltet - auf dass sie leichter, freundlicher, stabiler wirken. Und schon einen Monat später, im Hamburger Wahlkampf, suhlte sich die Landes-CDU in der neuen Farbe, und die Herren lebten das Design bis in die Schlipse und gewannen die absolute Mehrheit. "Diese Wahl hat gezeigt, dass die CDU auch in einer weltoffenen, modernen Metropole gewinnen kann. Sie ist die modernste Partei in Deutschland", sagt Meyer. Er findet, das ist auch, vielleicht vor allem, sein Erfolg.

Die Geschichte vom Meyerschen Erfolg hat sich inzwischen herumgesprochen im Politbetrieb. Inzwischen. Endlich. Ein weiter Weg vom GAU auf der ersten Pressekonferenz bis zum ziemlich anerkannten Politmanager. Damals, vor dreieinhalb Jahren, er war gerade als Haudrauf aus dem Düsseldorfer Landtag und als Nachfolger für den glücklosen Ruprecht Polenz geholt worden, schockte er seine Vorsitzende mit den Worten: "Einen zweiten Missgriff kann sich Angela Merkel nicht erlauben." Und schmiss ihr, der Kühlen, lässig den Arm um die Schulter.

Der Tölpel aus Westfalen

Meyer, der Berserker. Meyer, der Tölpel aus Westfalen, der statt Florett den Säbel schwang und den Kanzler als Rentenverbrecher plakatieren ließ, zack und ab der Kopf - um ein Haar der eigene. Und weiter ging es, grob und gröber. Nikolaus 2001 schenkte er der Republik ein selbst verfasstes Gedicht: "Draus? vom Walde kommt er her, und es erschüttert ihn gar sehr. Schaut er die Regierung an, wütet er, der heilge Mann: "Mit Arbeit und Wirtschaft wird es öder, doch der tut nix, dieser Schröder!" Und so dröhnt es durch die Lüfte: "Schröder-Gerd, komm aus der Hüfte!"" Zwei Strophen von 13.

Inzwischen ist Meyer geheilt von dieser Art Wahn. Im Jahr darauf schickte er dem Kanzler zu Weihnachten nur noch das CDU-Regierungsprogramm und eine Tasse mit der Aufschrift: "Jammert mir nichts vor - ich habe CDU gewählt." Nicht tiefsinnig, aber weniger peinlich. "Ich war am Anfang sehr viel stärker auf Außenwirkung bedacht. Inzwischen weiß ich, dass man mehr bewirkt, wenn man sich ein bisschen zurückhält und mehr nach innen wirkt", sagt er und lächelt zahm. Das Zahme passt zu ihm viel besser. Seine Gesichtszüge sind milde, nicht kantig. Seine Stimme klingt weich, nicht hart. Seine Sätze sind lang, nicht knackig. Weniger Kraftmeyer, mehr lieber Laurenz.

Nur manchmal, wenn er an der Basis spricht, muss er dann doch den Polit-Berserker geben - für einen zu Zahmen mag ein CDU-Saal nicht mal simmern. Beispiel: Rußberg beim politischen Schwartenmagen. Rußberg - winziger Ort auf der Schwäbischen Alb. Schwartenmagen - Wurstsülze aus Tierresten. Der CDU-Star aus Berlin steht unter Lampentroddeln am langen Tisch und hält eine Rede: Die Regierung baue nur Murks, sein Vater habe immer gesagt, lieber zehn Flaschen im Keller als zehn Flaschen in der Regierung, und überhaupt, bei dieser Truppe von Flaschenpfand zu sprechen entbehre nicht einer gewissen Pikanterie, und Schlusslicht und Reform und so weiter und "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein, dafür wurde ich als Skinhead beschimpft, aber das lasse ich mir nicht nehmen. Ich werde immer wieder sagen: Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein." Und endlich, endlich, bei diesem Satz klatschen die Schwarzwälder nicht nur ein bisschen, sondern frenetisch und rufen "Bravo". Meyer lacht. Das gefällt ihm.

Fremd in der schwitzenden Männerwelt

Umweltminister Jürgen Trittin war es, der ihn damals als "Skinhead" beschimpfte für diesen stolzen, deutschen Satz. Seither ist Meyer mit Stolz und Deutsch verbunden, diese Worte gehören zu ihm, und er benutzt sie gern, denn sie klingen so mutig rabenschwarz, so schön nach Patriot und passen zudem wunderbar zu seinem Credo: Hoheit über den Stammtischen, die will er haben. Klare Botschaften für die Basis, Streicheleinheiten für die katholische Männerpartei. Und auch wenn Meyer Bier und Schnaps verträgt wie nur ein schwarzes Loch, wenn er in sieben Schützenvereinen Mitglied ist und Dutzende Zoten erzählen kann - er wirkt fremd in der schwitzenden Männerwelt Rußbergs. Wie ein viel zu feiner Pinkel.

Feiner Pinkel in feinem Zwirn, der im feinen Berliner Charlottenburg auf 150 Quadratmetern lebt und so nett und harmlos wirkt. Und doch - dieser nette Pinkel hat schon manches Mal ums Ganze gepokert. Als Schüler schon. Beim Sportfest. Da versteckte sich der junge Laurenz im Schuppen, ließ die anderen alleine rennen, stieg erst in der Schlussrunde wieder ein, frisch und verdammt schnell, und wurde nicht nur Erster, sondern brach den Schulrekord aus Versehen gleich mit. Später als Politiker zockte er noch abgebrühter: im Wahlkampf zum Oberbürgermeister von Hamm 1994. Da ließ er große Plakate kleben - lachender Herr Meyer mit der jüngsten seiner vier Töchter und dem Slogan "Mein Papi packt's". Schönes Plakat, so lebensnah. Doch seine Parteifreunde kauten auf den Nägeln, weil sich der liebe Papi mit wechselnden Süßen in Düsseldorf vergnügte und niemand wusste, wie lange sich die Trennung von Ehefrau Susanne noch verheimlichen ließ. Nein, das Risiko scheut der Hammer wahrlich nicht.

Doch seither ist Laurenz Meyer ruhiger geworden. Besonnener. Mit der Profilierung seiner Partei gewinnt auch er an Profil. Schon im letzten Bundestagswahlkampf machte er perfekt das Bindeglied zur CSU. Man verstand sich, nicht nur im Job, auch persönlich. Man versteht sich bis heute, nicht immer im Job, aber immer persönlich. Überhaupt, der Laurenz scheint schlichtweg unionsbeliebt, ein jeder lobt und preist Verhandlungsgeschick und Kompetenz, Geduld und Lebensfreude. Ach ja, der Laurenz, immer lacht er, immer hat er gute Laune. Einziger Wermutstropfen, so murren nur noch ganz wenige: nun ja, seine bunten Geschichten, sein Hang zur Klatschspalte.

Der kleine Rückfall

Neulich. Kleiner Rückfall. Blöde Sache. Laurenz Meyer hatte gemeinsam mit seinem CSU-Pendant Markus Söder ein saftiges Papier zur Arbeitsmarktreform verfasst - tiefe Einschnitte bei Kündigungsschutz, Arbeitslosengeld, Tarifverträgen. Eigentlich sollten sich CDU und CSU in einer gemeinsamen Präsidiumssitzung auf diese Brocken verständigen. Eigentlich. Tatsächlich aber war sich nur die CSU einig, doch die CDU-Präsiden krakeelten: "Überfallkommando" und "Amoklauf gegen den Sozialstaat". Erst nach stundenlangem Geschrei konnte man sich auf ein zerfleddertes Meyer-Söder-Papier einigen. "Die Merkel hat den Meyer hängen lassen", murrte einer. "Der Meyer soll zurücktreten", verlangte ein anderer. "Er hat sich wohl lieber auf der Echo-Verleihung vergnügt, als sich um die interne Koordinierung zu kümmern", motzte der Nächste. Ja, da war er, der kleine Rückfall, die alte Litanei vom unfähigen Feier-Meyer.

Inzwischen kann der Laurenz darüber sehr lachen. So viele riefen nach dem Vorfall an, um ihm die Treue zu versichern. Der Streit um das Papier, meint Meyer, sei doch eigentlich nur Ausdruck des Gezickes zweier Schwestern, die sich zurzeit nicht lieben mögen. Was denn bitte hat das mit Feier-Meyer zu tun? Pah, Arbeit ist Arbeit, Schnaps ist Schnaps, und eigentlich kapieren doch mittlerweile selbst die verknöchertsten Unionisten: Was war denn stets das Problem der CDU? Dass sie so lebenslustig ist? Wohl kaum. Schon eher: dass sie so lange so unerträglich vertrocknet wirkte wie die verkniffenen Lippen von Frau Merkel. Als Meyer ihr seine damals neue Liebe Sonja Müller vorstellte, sagte er: "Darf ich vorstellen, das ist Sonja Müller." Die Vorsitzende guckte kurz und fragte spitz: "Muss ich mir diesen Namen jetzt merken?" Strenge Mutti. Böse Mutti.

Sie verstehen sich gut, die Vorsitzende und ihr Generalsekretär. Seit sie als Fraktionsvorsitzende seltener in der Parteizentrale sitzt, muss sie ihm voll und ganz vertrauen. Zu vertrauen fällt ihr schwerer, als Umarmungen zu ertragen. Doch Meyer hat oft bewiesen, dass er loyal ist. Dass er eher sein Hirn spenden würde, als an den Mord der Königin zu denken. Dass er brav die Suppe löffelt, die sie ihm auf den Teller füllt. Dass ihr größter Traum auch der seine ist: sie, die erste Kanzlerin Deutschlands. Für den Traum ist er stets bereit, sich mit dem Gesicht voran in den Staub zu werfen. Manchmal muss er sich von seiner Vorsitzenden in großer Vorstandsrunde anblaffen lassen: "Herr Meyer, was ist da los?", er haspelt, und sie setzt nach: "Was ist da los, will ich wissen?", und er windet sich. Manchmal ist sein Gehalt Schmerzensgeld. Manchmal muss er so tun, als seien ihre Ideen die seinen. Manchmal ist er nur dafür gut, dass sich die Nummer eins nicht mit der Pest infiziert. Trotzdem macht es ihm Spaß.

Weniger Haudegen als moderner Manager

So oft ist ihm vorgeworfen worden, er sei so viel weniger intellektuell, so viel weniger programmatisch als die berühmten Vorgänger Heiner Geißler und Kurt Biedenkopf. Dann mag er trotzig denken: Die waren doch auch nur am Schluss ihrer Amtszeit so scharf, weil sie wussten, dass sie es nicht mehr lange machen würden. Na gut, er ist vielleicht nicht der geschliffenste Redner. Bitte, er ist vielleicht manchmal inhaltlich ein wenig flach. Okay, ab und an verpasst er, hübsche Formeln zu prägen und hat stattdessen pickelige Worte wie die "Kopfprämie" am Hals. Seine Stärke liegt eher darin, Diskussionen zu moderieren und die Partei zu organisieren. Er ist eben weniger Haudegen des alten Schlages als moderner Manager der Politik. Eigentlich passt das doch gut zur Aufgabe des Generalsekretärs.

Dieser Tage im Bundestag. Er steht am Pult und blickt süffisant in die Runde. "Sehr gut", rufen die Seinen. "Uns bleibt auch nichts erspart", rufen die anderen. Er stellt sich in Positur, sehr ordentlich und glatt rasiert, und beginnt ruhig und getragen: "Herr Präsident! Meine Damen und Herren." Dann Hiebe hier, Schubser da, nicht hart, nicht weich, nicht witzig, so zehn Minuten, so mittendrin, so sehr lala. Die Seinen klatschen. Die anderen schreien "Herr Meyer ist unbestechlich! Der nimmt nicht mal Vernunft an!" Er lacht. Er hat Humor. Ihm macht das Spaß, zurzeit so viel wie nie zuvor.

Franziska Reich print

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