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Linken-Parteitag in Göttingen: Doch keine "Super-Horror-Show"

Die Linken haben eine neue Doppelspitze: Katja Kipping und Bernd Riexinger werden die Partei künftig führen. In Göttingen kam es zwar nicht zum Desaster, doch die Frage bleibt: Gelingt der Neubeginn?

Von Tobias Ochsenbein, Göttingen

Am Schluss ging die Strategie auf: Bernd Riexinger wurde mit 53,1 Prozent der Delegiertenstimmen zum Parteivorsitzenden der Linken gewählt und bootete damit Dietmar Bartsch aus. Die Anhänger des linken Gewerkschaftsflügels um Oskar Lafontaine begannen lauthals zu singen, als am späten Samstagabend in der Lokhalle Göttingen das Wahlergebnis verkündet wurde. Bartsch zeigte sich aber als guter Verlierer und gehörte zu den ersten Gratulanten Riexingers.

Katja Kipping ist die andere neue Vorsitzende der Linken. Sie wurde mit 67,1 Prozent der Stimmen gewählt. Damit setzte sie sich gegen die Hamburger Fraktionschefin Dora Heyenn durch - ihre einzige Gegenkandidatin, die 29,3 Prozent der Stimmen erhielt. Sichtlich glücklich ging Kipping durch die zahlreichen Tischreihen im Saal, nahm Gratulationen entgegen, umarmte Parteikollegen und Freunde, posierte für die Fotografen. Danach zog sich die neue Parteispitze zurück. "Wir müssen uns nun besser kennenlernen, bitte habt Verständnis", sagte Kipping zu den Medien.

Befürchtetes Chaos blieb aus

Zum befürchteten Chaos auf dem Parteitag ist es gar nicht erst gekommen. Noch vor dem ersten Wahlgang zogen sowohl Katharina Schwabedissen als auch Sabine Zimmermann ihre Kandidaturen zurück. Schwabedissen wollte nicht bloß taktische Manövriermaße sein, sondern als eigenständige Kandidatin wahrgenommen werden. Zimmermann sprach sich für eine konstruktive Lösung und damit für Kipping und Riexinger aus und nahm sich deshalb selbst aus dem Rennen. Auch bei der Wahl des zweiten Vorsitzenden blieb die "Super-Horror-Show", wie der langjährige Parteichef Lothar Bisky die Querelen im Vorfeld des Parteitages genannt hat, aus.

Die harschen Worte von Gregor Gysi und Oskar Lafontaine an die Delegierten am Samstagnachmittag schienen ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben: Riexinger sprach davon, dass die Linke künftig nur als gemeinsam handelnde Partei Zukunft hat. "Bitte lasst uns diese verdammte Ost/West-Verteilung auflösen", sagte Kipping. Beiden traut man zu, dass sie das Zeug zu Integrationsfiguren haben. Ob es den beiden neuen Partei-Leadern nun gelingen wird, die Partei rechtzeitig zu den Bundestagswahlen 2013 aus dem Sumpf zu ziehen, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

Auch Enttäuschung bei Delegierten

Auch Sahra Wagenknecht, die sich vor den Wahlen gewunden hat, sich für oder gegen eine Kandidatur auszusprechen, die bis zuletzt alles offen ließ, erklärte vor der Wahl des zweiten Vorsitzenden: "Ich glaube nicht, dass die Partei hier wieder zusammenfindet, wenn wir den absoluten Showdown inszenieren." Vieles sei falsch gelaufen in den letzten Wochen und sie wolle die Polarisierung mit einer Kandidatur ihrerseits nicht auf die Spitze treiben. Wagenknecht zeigte sich erfreut über die Wahl Kippings. Verständlich, hat sie sich doch zuvor stark gemacht für das Duo Kipping und Riexinger.

Es gibt aber auch Delegierte, die mit dem Ausgang der Wahlen nur schwer leben können. "Ich hätte mir gewünscht, dass Bartsch das Rennen macht. Klar müssen wir jetzt als Partei und nicht innerhalb der Partei kämpfen, enttäuscht bin ich trotzdem", sagte eine Delegierte zu stern.de.

Wagenknecht bleibt Vize-Vorsitzende

Lafontaine zeigte sich am Sonntag glücklich über den Ausgang der Wahl. Wer sich aber bei ostdeutschen Delegierten umhörte, merkte schnell, dass die Wahl einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen hat. Viele sind überzeugt, dass das letze Wort in der Diskussion um die Spaltung noch nicht gesprochen ist.

Am Sonntag wurde auch Parteivize Sahra Wagenknecht im Amt bestätigt. Die bisherige Bundesgeschäftsführerin Caren Lay wurde als zweite von vier Stellvertreter gewählt. Die Bundestagsabgeordneten Axel Troost und Jan van Aken komplettieren das vierköpfige Stellvertreter-Gremium. Raju Sharma bleibt Bundesschatzminister und der Linken-Landeschef von Sachsen Anhalt, Matthias Höhn wird neuer Bundesgeschäftsführer. Er wird mit einer grossen Mehrheit von 80.9 Prozent der Stimmen gewählt. Wenigstens ein kleiner Erfolg für die Ost-Delegation, gehört der 36-jährige Höhn doch zum Bartsch-Lager.