Luftangriff in Afghanistan Nato-Bericht belastet deutschen Oberst


Mindestens 56 Afghanen starben, weil der deutsche Oberst Georg Klein zwei Tanklaster bombardieren ließ. Dabei hätte er den Angriffsbefehl offenbar gar nicht geben dürfen.

Der Befehl zur Bombardierung zweier von Taliban gekaperter Tanklaster in Afghanistan wird einem Medienbericht zufolge bei der Nato nach ersten Erkenntnissen als Fehlentscheidung eingestuft. Wie die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) am Mittwoch unter Berufung auf Nato-Kreise in ihrer Online-Ausgabe berichtet, hat der deutsche Oberst Georg Klein seine Kompetenzen überschritten und die Lage falsch eingeschätzt. Dies ergebe sich aus einem vorläufigen Bericht der Internationalen Schutztruppe Isaf zu dem Angriff bei Kundus.

Es sei "sonnenklar", dass Klein den vorgeschriebenen Befehlsweg nicht eingehalten habe, erklärte ein führender Nato-Offizier der "SZ". Zu einer Entscheidung von solcher Tragweite sei der deutsche Oberst ohne Rücksprache mit dem Isaf-Hauptquartier nicht befugt gewesen. Es habe keine unmittelbare Bedrohung für Isaf-Truppen und daher auch keine Notwendigkeit für eine schnelle Entscheidung gegeben. Die beiden Tanklaster hätten auf einer Sandbank im Fluss Kundus festgesteckt. Nach Einschätzung der Bundeswehr hätten die beiden Tanklaster jedoch als rollende Bomben eingesetzt werden können und daher auch das deutsche Lager in Kundus bedroht.

Die Lage sei über Stunden hinweg beobachtet worden, eine schnelle Entscheidung nicht erforderlich gewesen, sagte der Nato-Offizier der "SZ". Die Truppen hätten bis Tagesanbruch warten können, um zu versuchen, die mutmaßlichen Taliban zu fassen oder zu vertreiben.

Verteidigungsministerium: Reisebericht mit Spekulationen

Die Anforderung von Luftunterstützung durch zwei US-Kampfjets, die schließlich die beiden Bomben auf die Tanker abwarfen, sei unzulässig gewesen. Der "Close Air Support" dürfe nur angefordert werden, wenn Soldaten am Boden in Gefechte verwickelt seien, zitiert die Zeitung den Offizier.

Ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums sagte, die Aussagen des Nato-Offiziers stützten sich auf einen ersten Bericht der Isaf, der als "eine Art Reisebericht" mit unbestätigten Spekulationen zu werten sei. Vor dem Abschluss der Untersuchungen werde das Ministerium nicht zu derartigen Spekulationen Stellung nehmen.

Vorgesetzter hat "volles Vertrauen" in Klein

Der höchste Bundeswehroffizier in Afghanistan, Brigadegeneral Jörg Vollmer, hat sich unterdessen hinter Oberst Klein gestellt. "Ich habe volles Vertrauen in ihn", sagte Vollmer der Nachrichtenagentur AP. Er und seine Soldaten hätten viel erreicht für die Provinz Kundus. Zur Beurteilung seiner Entscheidung müssten zunächst "sehr sorgfältig alle Fakten" zusammengetragen und die laufenden Untersuchungen abgewartet werden.

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums kamen bei dem Angriff am vergangenen Freitag 56 Menschen ums Leben. Andere, unbestätigte Quellen berichteten von weit mehr als 100 Toten. Einem Zwischenbericht der Nato zufolge soll es bis zu 78 Todesopfer gegeben haben. Das Verteidigungsministerium blieb auch am Mittwoch bei seiner Darstellung, dass es keine Gewissheit über zivile Opfer gibt.

joe/Reuters/AP/AFP AP Reuters

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