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Porträt einer Klimaaktivistin: Luisa Neubauer, die Laut-Sprecherin bei "Fridays for Future"

Wow. Alle reden übers Klima, und manch einer schämt sich beim Fliegen. Was für ein Erfolg. Aber wie geht‘s weiter mit der Fridays-for-Future-Bewegung – und ihrem Star? Am Freitag soll's einen neuen Höhepunkt geben.

Luisa Neubauer bei einer Klima-Demo der "Fridays for Future"-Bewegung. Kritiker halten ihr vor, sie dränge sich zu sehr ins Rampenlicht.

Luisa Neubauer bei einer Klima-Demo der "Fridays for Future"-Bewegung. Kritiker halten ihr vor, sie dränge sich zu sehr ins Rampenlicht.

Getty Images

Unerschrocken. Luisa Neubauer ist vor allem das: unerschrocken. Auch hier in dieser riesigen, abgedunkelten Halle, der Grugahalle in Essen. Auch heute, an einem Freitag im April. Draußen wird gegen Kohle und fürs Klima demonstriert. Drinnen tritt Neubauer ans Rednerpult, zufällig, wie passend, um kurz nach zwölf. Ihr Publikum: die Aktionäre des Energiekonzerns RWE, also: die Gegner. Neubauer trägt schwarz, spricht ruhig, fast sanft im Tonfall, ihre Worte aber sind eisenhart. "Was die Weltgemeinschaft gerade mit dem Planeten anrichtet, wird eines Tages als größtes politisches Versagen unserer Zeit beschrieben werden", prophezeit die 23-Jährige, "und die Tatsache, dass Sie an dieser vermeidbaren Zerstörung verdienen, als größter Skandal. Sie alle hier im Raum werden eines Tages nicht sagen können, dass Sie es nicht gewusst haben. Machen Sie etwas aus Ihrer Verantwortung." Im Saal johlen erst ein paar Fans, dann werden die Gegner lauter. So oder so. Die Botschaft sitzt. Wie so vieles, was Neubauer derzeit sagt und tut.

Greta Thunberg mag weltweite Ikone und geistige Führerin der jungen Bewegung "Fridays for Future" sein. Ihre prominenteste Vertreterin in Deutschland aber heißt Luisa Neubauer. Ihre Mission: Aufrütteln. 50, 60 Stunden in der Woche, mindestens. Seit mehr als fünf Monaten. Im Dezember hat Neubauer - auch mit einem Gastbeitrag auf NEON – die ersten Streiks der Schüler mit angestoßen – und seither vor allem Journalisten und Politikern erklärt, worum es eigentlich geht. Bei "Markus Lanz", bei "Hart aber fair", in unzähligen Interviews. Journalisten – uns – hat Neubauer gegeben, wonach wir suchen: ein Gesicht, gerne klug, gerne attraktiv, gerne weiblich. Und Politikern, wonach diese suchen: ein Gegenüber, dem sie demonstrativ zuhören können, scheinbar auf Augenhöhe.

Luisa Neubauer traf schon Obama und Macron

Obama? Hat sie in Berlin getroffen. Macron? In Paris, mit Thunberg im Elysée-Palast. Merkel? Die zwar noch nicht, dafür aber Wirtschaftsminister Peter Altmaier, mehrfach. "Wir sind hier. Wir sind laut", skandieren die Streikenden. Und Neubauer ist ihre Laut-Sprecherin. Und ja, das hat bisher funktioniert: In Berlin streiten die Politiker über eine CO2-Steuer, bei den Europawahlen ist Klimaschutz Thema Nummer eins  – und das kollektive Gewissen ist bei jedem Flug schlechter.

Nur: Was heißt das für die "Fridays"? Ist das jetzt Revolte à la 68, in grün und ohne Sex und Drogen? Oder blüht "FFF" nur einen Frühling und fff…erschwindet dann? Oder – führt Luisas Mission zu echter, harter Politik? 

Saarbrücken am Montagabend vergangener Woche. Im Haus der "Stiftung Demokratie Saarland" hinter dem Hauptbahnhof soll gleich diskutiert werden, Thema: "Fridays for Future – was nun?" Stargast: Luisa Neubauer. Bevor es losgeht, steht sie im Foyer im Erdgeschoss an einem Cocktailtisch. Auf ihrem Handy korrigiert sie noch schnell ein Interview, scannt Nachrichten, telefoniert. "Ich wär‘ sehr gerne dabei. Aber ich bin heute Abend bei einer Veranstaltung", sagt sie bedauernd ins Telefon.

Rhetorik-Training beim Abendbrot im Elternhaus

So geht das jetzt immer. Mindestens 300 E-Mails bekommt sie pro Tag, unzählige Anfragen auf Twitter und Instagram von mehr als 30.000 Followern und Abonnenten. Verdammt viel los. Erst am Vortag hat sie wieder das gemeinsame "Tatort"-Gucken in der Göttinger-WG verpasst. Doch jetzt, bei diesem Treffen kurz vor dem Auftritt, zeigt sich eine wichtige Gabe. Neubauer schaltet um. Blitzschnell. Sie wirkt freundlich, konzentriert, zugewandt. Ihre Sätze sind präzise, knapp. Ein Profi. "Ich habe drei ältere Geschwister, die alle kein Blatt vor den Mund nehmen", sagt sie, "um beim Abendbrot mitreden zu können, muss man kurz und kompakt formulieren." Es ist nicht nur die geschliffene Sprache, die sie von ihrem Zuhause im wohlhabenden Hamburger Elbvorort Iserbrook mitbekommen hat. Auch ein politisches Vorbild war dabei: ihre Großmutter, die eine lokale Umweltgruppe mitbegründet hat. 

Neubauers Herkunft ist typisch für jene, die gerade streiken. "Das ist eine Bewegung des Bildungsbürgertums", sagt der Berliner Soziologie-Professor Dieter Rucht. Mit Kollegen hat er die Streikenden früh zu Herkunft und Ausbildung befragt. Neubauer erfüllt viele FFF-Profil-Klischees. Ihr Aktivisten-Lebenslauf erscheint de luxe. In Tansania hat sie Entwicklungshilfe geleistet, bei Wasserleitungen und einer Krankenstation geholfen. Ihr Geografie-Studium in Göttingen, nach dem Einser-Abi vor sieben Semestern begonnen, finanziert das Grünen-Mitglied mit einem Stipendium der parteinahen Heinrich-Böll-Stiftung. Bei der Kampagnenorganisation "One", die sich für Entwicklungshilfe engagiert, ist Neubauer "Jugendbotschafterin". 2018 war sie erst eine von vier deutschen Delegierten beim Jugendgipfel der G7-in Kanada, dann "Youth Observer" – "Beobachterin" – bei der UN-Klimakonferenz in Kattowitz.

Streiken mit Greta Thunberg - und dabei berühmt werden

Beobachtet hat sie in Polen vor allem: Greta Thunberg. Und weil die Schwedin und ihr Vater dort mit Medienanfragen überhäuft, nein, regelrecht erstickt wurden, bot Neubauer ihre Hilfe an. Sie telefonierte, organisierte. Bis Thunberg sagte: "Luisa, morgen früh möchte ich streiken. Machst du das mit mir?" Neubauer antwortete: "Jo, wir machen das." Am nächsten Tag streikte sie,  im Lichtkegel der Schwedin.

In Saarbrücken mahnt nun einer der Veranstalter: "Wir fangen an!" Neubauer muss hoch, in den ersten Stock. Der Saal ist rappelvoll, knapp 200 Leute: saarländische Fridays-for-Future-Aktivisten – gendermäßig korrekt wäre: Aktivistinnen, es sind vorwiegend Frauen – Vertreter von Schülern, Eltern, Parteien, Gewerkschaften, ein Herr von den "Omas gegen rechts." Neubauer stellt sich in die Mitte des Saals und skizziert den Urknall, mit dem Fridays for future entstand. Sie macht das frei, ohne Sprechzettel, berichtet von den ersten Demos, als vor allem die Lautsprecher streikten, aber trotzdem die BBC anrief.

Das Interesse der Medien war sofort riesig. "Wir wurden als Bewegung dargestellt, die wir eigentlich gar nicht vor hatten zu sein." Sie erzählt von den 500 Ortsgruppen, die es inzwischen gibt, von Whatsapp-Chats und Telefonkonferenzen, von Delegierten und Abstimmungen. "Das ist einzigartig im europäischen Vergleich." Und sie erinnert an jene weltweite Demonstration im März, als allein in Deutschland Hunderttausende dabei waren. "Die Natur dieses Protestes macht mir ganz, ganz viel Hoffnung, dass uns das hinträgt zu einer echten Veränderung."

"Einer Bewegung wie unserer helfen Gesichter"

Wovon sie in dieser Runde nicht spricht, ist die Kritik, die es gab. An ihr. Ganz persönlich. Ganz hart. Revolutionen fressen ja mitunter ihre Kinder, und an Neubauer wurde zumindest genagt. Intern, in Chats, hieß es, sie dränge sich zu sehr ins Rampenlicht, über öffentliche Auftritte würde im kleinen Kreis entschieden – klandestin. Selbstherrlich. Danach klang das. Wenn man Neubauer auf die Vorwürfe anspricht, so beteuert sie, es sei nie ihr Ziel gewesen, im Mittelpunkt zu stehen. Und es gebe intern sehr wohl Abstimmungen. Zwar spiegele sich die Vielfalt der Bewegung in den Medien nicht richtig wider, aber: "Einer Bewegung wie unserer helfen Gesichter, zumindest im besten Falle." Ihre Prominenz wolle sie nutzen, um andere in den Vordergrund zu rücken. "Ich kann das Scheinwerferlicht weiterstreuen." 

Tatsächlich treten auch andere Aktivisten öffentlich auf, bei der Volkswagen-Hauptversammlung, bei der Lufthansa, auch bei "Markus Lanz".  Trotzdem war es Neubauer, die bei RWE Furore machte. Trotzdem rast sie von Veranstaltung zu Veranstaltung durch die Republik. Luisa Neubauer spielt weiter mit. Im "Haus der Demokratie" hört an diesem Abend auch Susanne Speicher zu, eine im Saarland führende Aktivistin. Sie wird Arm in Arm mit Neubauer fotografiert. "Luisa vertritt uns gut", sagt Speicher später am Telefon. "Dennoch würde ich mir wünschen, dass mehr Menschen der Bewegung sichtbar sind. Nur so können wir Wucht entfalten. Es braucht charakterliche Stärke, sich den Medien zu entziehen." 

Neubauer hat den öffentlichen Charakter-Test in den vergangenen Monaten mit allen Härten erlebt. Weil sie früher öfter Langstrecke flog, wurde ihr Heuchelei unterstellt, Hashtag #Langstreckenluisa. Als dieser Shitstorm aufgekommen sei, sagt sie, habe ihre Mutter, eine Krankenschwester, angefangen, sich Sorgen zu machen. Es gibt auch Behauptungen, Neubauer wolle sich den Grünen andienen, als wäre alles ein Praktikum für Future Habeck. Aber – sie sei als Mitglied derzeit nicht aktiv, sagt sie. Und die Bewegung mache sich mit keiner Partei gemein.

Erste Erfolge fürs Klima

Als die Grünen im März ihr Grundsatzprogramm diskutierten, übernahm Neubauer dennoch die Rolle einer Kritikerin – aus Sicht einer Kritikerin, aus Sicht von Fridays for Future. Trotz aller Kritik scheint sie weiter Gefallen zu haben an der Rolle der gefeierten Aufrüttlerin. Dramaturgisch gekonnt erzählt Neubauer dem Publikum, wie sie neulich mit einem Bus nach Sibiu in Rumänien fuhr, um dort beim EU-Gipfel zu streiken, auch zwei prominente Aktivistinnen aus Belgien und Großbritannien waren dabei. Überraschend habe das Büro von Macron angerufen: "Der Präsident würde sie gerne treffen." Und dann kamen nicht nur Macron, sondern acht weitere EU-Staats- und Regierungschefs. "Die standen da mit stolzgeschwellter Brust und meinten: Ja, wir wollen klimaneutral werden", sagt Neubauer. "Da können wir mit aller Bescheidenheit sagen: Krass, was wir geleistet haben als Bewegung." 

Luisa Neubauer mit der "Fridays for Future"-Gründerin Greta Thunberg (r.)

Luisa Neubauer mit der "Fridays for Future"-Gründerin Greta Thunberg (r.)

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Und jetzt? "On the ground, konkret", sagt Neubauer, sei noch nichts erreicht. Im nächsten Schritt gehe es darum, den Druck zu erhöhen. Nur wie? Als ein junger Gewerkschafter vorschlägt, des Klimas wegen den Kapitalismus abzuschaffen, klatscht Neubauer nicht mit. Sie ist pragmatischer, fokussierter: "Junge Menschen wollen immer irgendetwas", sagt sie. "Frieden, Atomausstieg, jetzt Klimaschutz. Was wir brauchen, ist eine gesellschaftliche Mitte, die der Politik richtig Angst macht. Dazu braucht es auf den Straßen die älteren Generationen." 

Die Europawahl, eine Klimawahl

Der nächste Test steht diesen Freitag an: "Fridays for Future" hat wieder zu einem "globalen Klimastreik" aufgerufen, zwei Tage vor der Europawahl, die Berliner Demonstration hat Neubauer angemeldet. "Das ist eine Klimawahl", sagt sie. "Das ist das letzte Parlament, das noch so viel machen kann." Wegen jener "Kipp-Punkte", die dem Klima, einmal erreicht, unaufhaltsam schaden, etwa wenn der Permafrostboden auftaut und Methan entweicht. Der Beifall ist groß. "Du bist ein tolles Vorbild", sagt eine Schülervertreterin später. Neubauer lächelt. Konzentriert. Zugewandt. Sie gibt noch rasch ein Interview, für Youtube, dann zieht sie weiter – Luisa Unerschrocken auf Mission.