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"Versehentlich" von Komplizen erschossen: Stephan E. tischt neue Version zum Lübcke-Mord auf – kann er so einer Strafe entkommen?

War alles doch ganz anders? Stephan E., Hauptverdächtiger im Mordfall Walter Lübcke, hat einen Komplizen der Tat bezichtigt. Sagt er die Wahrheit? Oder will er sich mit einer Lüge schützen? Um eine Gefängnisstrafe dürfte er auch mit der neuen Version nicht herumkommen. 

Stephan E., Verdächtiger im Mordfall Walter Lübcke

Stephan E. hat seine Aussage zum Mord an Walter Lübcke geändert (Archivbild)

DPA

Der Hauptverdächtige im Fall Walter Lübcke, Stephan E., hat seine Aussage geändert. Nach einem ersten Geständnis und dem Widerruf desselben, bezichtigt der 46-Jährige nun seinen mutmaßlichen Komplizen Markus H., im Juni den tödlichen Kopfschuss auf den damaligen Kasseler Regierungspräsidenten abgegeben zu haben. (Lesen Sie hier im stern mehr dazu.)

Erfährt der Fall damit eine spektakuläre Wende? Oder versucht E., sich mit einer Falschaussage vor einer Mordanklage zu retten?

Das hatte Stephan E. zuerst gesagt

Am 15. Juni 2019, keine zwei Wochen nach der Tat, wurde E. in seinem Kasseler Wohnhaus festgenommen. Eine DNA-Spur an der Kleidung Lübckes hatte die Ermittler auf die Spur gebracht. E. ist mehrfach vorbestraft, sein genetischer Fingerabdruck ist in der Datenbank des Bundeskriminalamtes gespeichert.

Nach zehn Tagen in Untersuchungshaft brach E. sein Schweigen und legte ein Geständnis ab. Er habe Lübcke in der Nacht vom 1. auf den 2. Juni aufgesucht und auf dessen Terrasse erschossen – alleine und "wortlos", wie unter anderem die "Süddeutsche Zeitung" berichtete. Das angebliche Motiv: rechtsextremer Hass auf den Kasseler Regierungspräsidenten, weil dieser sich für die Aufnahmen von geflüchteten Menschen eingesetzt hatte. In den Jahren zuvor sei er bereits häufiger bewaffnet zu Lübckes Haus gefahren, habe sich jedoch nicht zu einer Tat durchgerungen. Nach dem Geständnis führte E. die Ermittler zu der Tatwaffe, die gemeinsam mit anderen Waffen in einem Erddepot versteckt war. Den Revolver habe ihm ein Bekannter, der Neonazi Markus H., besorgt, belastete E. seinen mutmaßlichen Komplizen. Auch H. sitzt in Untersuchungshaft, wegen Beihilfe zum Mord – weil er E. die Waffe besorgt und in seinem Vorhaben bestärkt haben soll.

Eine Woche nach dieser Vernehmung widerrief E. sein Geständnis beim Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof, blieb jedoch in Untersuchungshaft. Die Ermittlungen gegen Stephan E. wegen Mordes laufen weiter.

Das sagt Stephan E. jetzt

Am Mittwoch (8. Januar) überrascht E. die Öffentlichkeit mit einer neuen Aussage. Er selbst hatte um einen neuen Vernehmungstermin gebeten und angekündigt, "ausführliche Angaben zum Tathergang zu machen", berichtete sein jetziger Verteidiger Frank Hannig. Sein Mandant habe in der Vernehmung bestritten, Lübcke erschossen zu haben, schildert Hannig. Stattdessen habe Markus H. den CDU-Poltiker "versehentlich" im Streit erschossen. 

E. und H. seien in der Juni-Nacht gemeinsam zu Lübckes Wohnhaus im Kasseler Vorort Wolfhagen-Istha gefahren. Nicht E., sondern H. habe dabei den Revolver getragen. Das Ziel der beiden nach Darstellung Hannigs: Lübcke, "wie mein Mandant gesagt hat, eine Abreibung zu verpassen". Ein Mord sei nicht geplant gewesen. Im Streit mit dem Regierungspräsidentin habe sich aus der Waffe, die H. auf ihn gerichtet habe, der tödliche Schuss gelöst. "So hat es mein Mandant dargestellt, er selber versichert, dass er nicht glaubt, dass dies absichtlich geschehen ist", erklärte der Rechtsanwalt.

Nach Angaben von Hannig wollte E. mit seinem früheren Geständnis Markus H. schützen – ihm seien dafür Schutz und finanzielle Vorteile für seine Familie versprochen worden. Von wem, sagte Hannig auch auf Nachfrage nicht. Warum E. anfangs H. dennoch wegen des Waffenverkaufes belastet hatte, ist unklar.

Was sind die Folgen der neuen Aussage?

Sollte die neue Version von E. stimmen, geriete H. verstärkt in den Blickpunkt – aber nicht nur er. Dessen Verteidiger zweifelte die Glaubwürdigkeit von Stephan E. an: "Es kann sich im Übrigen jeder Beobachter selbst die Frage stellen, wie glaubwürdig jemand ist, der im Laufe des Verfahrens ständig mit neuen Versionen eines Geschehens aufwartet, zu dem er ursprünglich ein vollständiges Geständnis abgelegt hat." H. wolle sich auch weiterhin nicht zu dem Fall äußern.

Stephan E., Verdächtiger im Mordfall Walter Lübcke

Stephan E. hat seine Aussage zum Mord an Walter Lübcke geändert (Archivbild)

DPA

Weiterhin geriete auch die Frage nach einem größeren rechtsextremen Netzwerk um Stephan E. und Markus H. wieder verstärkt in den Blick der Ermittler, sollte sich die neue Aussage als wahr erweisen – schließlich ist von "Schutz und finanziellen Vorteilen" für die Familie von Stephan E. die Rede. Gibt es also einen Unterstützerkreis? Bundespolitiker mehrerer Parteien forderten bereits entsprechende Untersuchungen. 

Andererseits mahnten andere Stimmen auch, der neuen Aussage von E. mit Skepsis zu begegnen. Niemand solle sich von "Szeneanwalt" Hannig und dessen Mandanten in dieser Diskussion "Takt und Richtung vorgeben lassen", sagte etwa die Bundestagsabgeordnete Martina Renner (Linkspartei). Der Jurist leitete unter anderem die Gründungsversammlung des Pegida-Fördervereins, wie Recherchen von "Sächsischer Zeitung" und "Correctiv" zeigen, will sich aber von dem islam- und fremdenfeindlichen Bündnis losgesagt haben.

So oder so: Die Bundesanwaltschaft wollte sich zu den neuen Angaben von E. nicht äußern. Die Ermittler müssten diese nun überprüfen, denn sie haben die Aufgabe sowohl be- als auch entlastende Tatsachen zusammenzutragen.

Zum einen wird es darum gehen, ob sich der Schuss tatsächlich versehentlich gelöst haben könnte. Passen die tödliche Verletzung und andere Spuren zu der neuen Version? Vom Ergebnis der Ermittlungen wird abhängen, ob Walter Lübcke vorsätzlich erschossen wurde und sich der Mordvorwurf aufrecht erhalten lässt.

Doch ganz gleich, ob Markus H. oder Stephan E. den tödlichen Schuss abgegeben hat – der jeweils andere muss ebenfalls mit einer Strafe wegen der Tötung des Regierungspräsidenten rechnen. In Frage kommen Beihilfe ("Als Gehilfe wird bestraft, wer vorsätzlich einem anderen zu dessen vorsätzlich begangener rechtswidriger Tat Hilfe geleistet hat." – §27 des Strafgesetzbuches) oder Mittäterschaft ("Begehen mehrere die Straftat gemeinschaftlich, so wird jeder als Täter bestraft." – §24 des Strafgesetzbuches).

Auch Juristen glauben nicht, dass E. einer Verurteilung entgehen könnte, selbst wenn dessen neue Aussage korrekt sein sollte. "Auch wenn er nicht selbst geschossen haben sollte, ist es rechtlich möglich, Täter zu sein, nämlich Mittäter", erklärte zum Beispiel der ARD-Rechtsexperte Frank Bräutigam. Nämlich dann, "wenn die Tat quasi arbeitsteilig mit einem gemeinsamen Plan begangen wurde."

Letztlich müssen die Ermittlungen ergeben, wem welche Beteiligung an der Tat zuzurechnen ist – und ob der Mordvorwurf gegen Stephan E. aufrecht erhalten werden kann oder die neue Aussage nur der Versuch eines Befreiungsschlages sein könnte. Der Verdächtige will nach Worten seines Anwalts für weitere Befragungen zur Verfügung stehen.

Nach Informationen des NDR-Magazins "Panorama" wurden von Markus H. keine Spuren am Tatort gefunden.

Quellen: Generalbundesanwalt (1), Generalbundesanwalt (2), "Süddeutsche Zeitung", "Sächsische Zeitung", "Correctiv"Strafgesetzbuch §27, Strafgesetzbuch §25, ARD, "Panorama", Nachrichtenagentur DPA