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Neujahrsempfang bei Wulff Händeschütteln als Überlebenstest


Distanz oder Solidarität? Beim Empfang des Bundespräsidenten offenbarte sich beim Händeschütteln, wer dem Staatsoberhaupt die Treue hält. Einige kamen erst gar nicht.

Am Ende muss #link;http://www.stern.de/politik/deutschland/christian-wulff-ein-bundespraesident-in-der-bredouille-1769380.html; Christian Wulff# noch selbst Hand anlegen. "Ein bisschen enger müssen wir schon rücken", sagt er und breitet die Arme aus, als sich das Kabinett beim traditionellen Neujahrsempfang zum Gruppenfoto rechts und links von ihm aufreiht. Fast wirkt es, als ob die Minister zu große Nähe zu dem in der Kritik stehenden Präsidenten meiden möchten. Weil die Kameras nur dann alle einfangen können, wenn sie eng beieinander stehen, hat Wulff am Ende die schwarz-gelben Minister dicht neben sich.

Als das Gruppenfoto im Kasten ist, endet für den angeschlagenen Bundespräsidenten und seine Frau Bettina am Donnerstag das stundenlange Händeschütteln unter medialer Beobachtung. Bei mehr als 250 Begrüßungen von verdienten Bürgern, Funktionsträgern und Politikern wird genau hingesehen, ob Distanz oder Solidarität überwiegen.

Kanzlerin mit "uckermärkischer Herzlichkeit"

Als um 12.35 Uhr Angela Merkel selbst an der Reihe ist, gibt sie sich gelöst, aber geschäftsmäßig. Die Kanzlerin huscht nach dem Handschlag so schnell vorbei, dass Wulff sie noch zu einem Dreierfoto bewegen muss, bevor sie sich neben seine Frau stellt und mit ihr flachst. Als "uckermärkische Herzlichkeit" wird dies später interpretiert.

Zuvor zeigte das streng getaktete Defilee die ganze Palette an Reaktionen. Einige wie Bundestagspräsident Nobert Lammert, der Wulff noch kritisiert hatte, legen ihm zum Zeichen der Nähe die Hand auf den Arm. "Alles, alles Gute", murmelt Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt dem Staatsoberhaupt aufmunternd zu. Und Linken-Chef Klaus Ernst grinst breit, als er sich zwischen das Ehepaar Wulff stellt.

Doch der Bundespräsident weiß genau, dass an diesem Tag nicht nur die netten oder nettgemeinten Gesten wie die Wangenküsschen von Außenminister Guido Westerwelle für seine Frau ("Man muss nicht verschweigen, wenn man sich mag.") registriert werden. Auch jeder fehlende Gast wird als Zeichen der Ablehnung interpretiert - die SPD- und die Grünen-Spitze etwa glänzten demonstrativ durch Abwesenheit. Abgesagt hatte auch die Anti-Korruptionsorganisation Transparency International. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) dagegen ließ sich die Teilnahme nicht nehmen. Eine solche Einladung des Staatsoberhauptes schlage man nicht aus. "Wenn jemand unten ist, schon gar nicht."

Mehr schmerzen dürften Wulff die Lücken in den eigenen Reihen. Dabei betont CSU-Chef Horst Seehofer, der um die Macht der Symbole weiß, noch ausdrücklich: "Heuer habe ich Wert darauf gelegt, dabei zu sein." Aber Wulffs politischer Ziehsohn und Nachfolger im Amt des niedersächsischen Ministerpräsidenten, David McAllister, lässt sich ebenso wenig blicken wie Verteidigungsminister Thomas de Maiziere, der in einigen Medien als potenzieller Nachfolger gehandelt wird.

Wulff wirkt deutlich gelöster

Alles in allem wirkt Wulff bei dem zweieinhalb Stunden dauernden Händeschütteln deutlich gelöster als beim Empfang für das Diplomatische Korps zwei Tage zuvor. Der 52-Jährige lächelt viel, plaudert mit seinen Gästen, schaut ihnen stets tief in die Augen - und Ehefrau Bettina im schwarzen Kleid strahlt fast ununterbrochen in die Kameras. Einmal mehr unterstreicht der Auftritt den Durchhaltewillen des Präsidentenpaares. Wulff, der dieses Mal keine Ansprache hält, hatte aber am Dienstag vor den Diplomaten gesagt, sie könnten sich in puncto Zusammenarbeit auch in Zukunft auf ihn verlassen.

Als Stütze dürfte der Hausherr im Schloss Bellevue die Wünsche der rund 80 ehrenamtlich tätigen Bürgerinnen und Bürger empfunden haben. "Ich habe ihm Stehvermögen, Gottvertrauen und Gesundheit gewünscht", sagt der 67-jährige Wido Hertzsch aus Thüringen, der in der Festtagstracht der Altenburger Bauern erschienen ist. Als "offen und warmherzig" beschreibt Ahmet Cengelköy aus Worms seine kurze Begegnung mit Wulff. Für die Migranten sei Wulff nach seiner Rede am 3. Oktober 2010 beim Thema Integration ein Hoffnungsträger, sagt Cengelköy. Dies habe er Wulff mit auf den Weg gegeben.

Der 35-jährige Florian Sitzmann, der nach einem Unfall seit 20 Jahren an den Rollstuhl gefesselt ist, wünschte Wulff "Kraft und die Chance, seinen Weg weiterzugehen". Der Bundespräsident habe gesagt, dies werde er tun.

Die Koalitionsvertreter geben sich zu ihren Wortwechsel mit dem Bundespräsidenten nach dem Treffen allerdings wortkarg, wohl um keinen Raum für Interpretationen zu bieten. "Ich habe ihm ein gutes, erfolgreiches, gesundes neues Jahr gewünscht", sagt Innenminister Hans-Peter Friedrich. Hat der Bundespräsident solche Wünsche in diesem Jahr besonders nötig, will ein Journalist wissen. "Gesundheit ist immer gut", antwortet der CSU-Politiker.

fw/Reuters Reuters

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