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Unauffällige Nuklear-Fracht: Frischer Brennstab an Bord - wenn die Ostsee-Fähre auch ein Atomtransport ist

Eine Fahrt mit der Fähre über die Ostsee kann wunderschön sein. Umso beängstigender, dass auf manchen Passagierfähren unheimliche Fracht mitfährt, die radioaktiv strahlt.

Schiffe am Nord-Ostsee-Kanal

Schiffe am Nord-Ostsee-Kanal: Auch auf dieser Wasserstraße wird Nuklearmaterial transportiert.

DPA

Deutschland steigt aus der Atomkraft aus, das steht fest. Andere Staaten um uns herum aber nicht - und so braucht es nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, dass über die Bundesrepublik rege Nuklearmaterial transportiert wird, das für ausländische Meiler bestimmt ist. Nicht jede Fracht wird dabei so spektakulär befördert wie die berühmten Castoren. Denn auch bei Atomtransporten gilt: Es geht auch kleiner. Und unauffälliger.

Ein Teil dieser strahlenden Stoffe wird über die Ostsee in Richtung Skandinavien und Russland verschifft - und das häufig auf ganz normalen Passagierfähren. Das ergab eine Anfrage der Linken im Bundestag an die Bundesregierung, die der Abgeordnete Hubertus Zdebel initiierte. Über die Antwort der Bundesregierung berichtete zunächst die "Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ)".  Wer also demnächst als Tourist von Rostock aus über die Ostsee reist, sollte damit rechnen, dass irgendwo im Frachtraum auch Nuklearmaterial mitfährt. Auch, wenn es nur schwach strahlt, die potenzielle Gefahr ist da. Solche Transporte sind seit Jahren umstritten, weil das Material potenziell krebserregend ist. Dennoch sind sie weiter gängige Praxis.

Atomtransporte auf Autofähren über die Ostsee

Die jüngsten Zahlen zu diesen Nukleartransporten lassen aufhorchen: Über die Häfen in Hamburg und Rostock wurden laut dem Bericht der "NOZ" seit 2011 mindestens 400 nukleare Güter wie frische Brennstäbe oder Uran umgeschlagen. Die meisten dieser Transporte - etwa 300 - liefen über Autofähren, häufig reguläre Ostsee-Passagierfähren. Mindestens 100 weitere Transporte seien auf Güterzug-Fähren verschifft worden. Von Hamburg, das von der Bundesregierung in 77 Fällen als Umschlagsort genannt wird, gehe die Reise in Richtung Ostsee in der Regel durch den Nordostseekanal.

"Der Transport von Nuklearmaterial auf Passagierfähren muss komplett gestoppt werden", forderte der Linken-Abgeordnete Zdebel im Gespräch mit dem dem stern. Wenn überhaupt, sollte solches Material nur auf Transportschiffen verfrachtet werden.

Ein Problem, auf das Zdebel im stern aufmerksam macht: Nicht jedes Nuklearmaterial ist speziell nach Atomrecht genehmigungspflichtig. Nur sogenannte Kernbrennstoffe sind davon betroffen. Das sind radioaktive Stoffe, bei denen das natürliche spaltbare Uran 235 angereichert ist. "Viele radioaktive Stoffe gelten aber nur als Gefahrstoffe. Über diese Transporte sagt uns die Bundesregierung nichts, dabei strahlt eben auch. Menschen atmen die Stoffe ein - und das ist krebserregend“, beklagt der Abgeordnete.

Völlig unklar sei, wie die Besatzung, die mit dem Nuklearmaterial in Kontakt kommt, geschützt ist, und ob dies überhaupt der Fall ist. "Gibt es Dosimeter, gibt es Sensoren? Darauf hat die Bundesregierung nicht geantwortet", so der Linken-Politiker.

Besonders problematisch sei der Transport von Uranhexafluorid, das für die Anreicherung von Uran benötigt wird. Die Behälter, in denen der giftige und radioaktive Stoff transportiert wird, stehen unter Druck, und die Fluorverbindungen sind hoch aggressiv. Sollte es eine Kollision eines Schiffes oder ein Feuer an Bord geben, stellen diese Behälter eine große Gesundheitsgefahr dar - die Stoffe könnten Haut oder Lunge verätzen, warnt Zdebel. Aus der Antwort der Bundesregierung gehe nicht hervor, ob solche Stoffe noch auf Passagierfähren transportiert werden.

Deutschland – Transitland für Atom-Transporte

Insgesamt ist die Partei auch deshalb verärgert über die Nukleartransporte hierzulande, weil Deutschland in vielen Fällen nur Transitland ist: Das Material geht beispielsweise von Skandinavien nach Frankreich oder in die Schweiz. "Trotz des Atomausstiegs Deutschlands wird über die Bundesrepublik sogar noch mehr strahlendes Material transportiert als vor vier oder fünf Jahren", sagte der Linken-Politiker dem stern.

Es gibt aber auch deutsche Absender oder Empfänger solcher Transporte: die  Brennelementefabrik im emsländischen Lingen oder die Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau. 

Bremen hatte den Umschlag von Nuklearmaterial in seinen Häfen bereits vor einigen Jahren untersagt. Geht es nach den Linken, sollten Hamburg und Rostock diesem Beispiel folgen.

Eine Fracht, die man nicht so gerne an Bord hätte

Ob das geschieht, ist derzeit aber unwahrscheinlich. Auf Anfrage der "NOZ" teilte das Innenministerium in Mecklenburg-Vorpommern mit: "Ein einheitlicher Sicherheitsstandard zum Schutz von Leben, Gesundheit und Eigentum wird durch ein umfassendes System von Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien gewährleistet." Und das rot-grün regierte Hamburg will dem Bericht zufolge Gespräche mit der Wirtschaft führen, damit diese  freiwillig auf Nukleartransporte verzichtet.

Wer in diesem Sommer also per Ostsee-Fähre zum Urlaub aufbricht, hat vielleicht ein mulmiges Gefühl. Denn irgendwo im Frachtraum liegt womöglich eine Fracht, die man lieber nicht an Bord hätte.

Auf einer weißen Schachtel mit dünnem grünen Rand liegt ein Blister mit sechs Jodtabletten


nik