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Plagiats-Vorwürfe gegen Karl-Theodor zu Guttenberg: Warum Politiker titelgeil sind

Hochnotpeinliche Affäre für Verteidigungsminister zu Guttenberg: Teile seiner Doktorarbeit sind offensichtlich geklaut. Noch hochnotpeinlicher: Er hätte wissen müssen, dass das irgendwann auffliegt.

Von D. Bedürftig, J. Biedermann, L. Kinkel und H. P. Schütz

Manchmal geht die Sache mit "Dr." furchtbar schief. So wie beim Bundestagsabgeordneten Dieter Jasper (CDU). Er hatte sich bei der "Freien Universität Teufen" in der Schweiz einen Doktortitel besorgt, den er sich im Wahlkampf 2009 stolz ans Jackett klebte. Dumm nur, dass die "Freie Universität Teufen" eine Titelmühle ist, die für Geld Papiere ausspuckt, die nirgendwo anerkannt werden. Nachdem der Schwindel aufgeflogen war, musste Jasper den "Dr." wieder ablegen und 5000 Euro Geldstrafe zahlen. Nur mit Glück konnte er sein Bundestagsmandat behalten.

Häufiger geht die Sache mit dem "Dr." nur ein bisschen schief. So wie bei Bundesfamilienministerin Kristina Schröder. Sie legte kurz vor den Bundestagswahlen 2009 ihre Arbeit mit dem Titel "Gerechtigkeit als Gleichheit" vor, in der sie die unterschiedlichen Wertvorstellungen von CDU-Abgeordneten und CDU-Basis untersucht. Niemand hätte sich dafür interessiert - wäre Schröder nicht überraschend Ministerin geworden. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass Schröder die statistischen Daten mit Hilfe der CDU-Parteizentrale eingesammelt hatte. Von einem solchen Support können normale Doktoranden nur träumen. Schröder gilt seitdem als ausgefuchste Karrieristin.

"Nicht bloß Unachtsamkeit"

Nun also auch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), das Wunderkind der Berliner Republik: Die Süddeutsche Zeitung deckte an diesem Mittwoch auf, dass Guttenberg in seiner Doktorarbeit über die Verfassungen in Europa und den USA ganze Passagen aus anderen Publikationen übernommen hatte, ohne sie als Zitat zu kennzeichnen. Das ist in der Wissenschaft ein schwerer Regelverstoß. Und er wirft eine politisch heikle Frage auf: Ist dies ein weiteres Beispiel dafür, dass Medienstar Guttenberg doch mehr Schein als Sein produziert?

"Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus", konterte Guttenberg am Mittwoch in Berlin. "Ich bin gerne bereit zu prüfen, ob bei über 1200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten und würde dies bei einer Neuauflage berücksichtigen." Insider der CDU-Fraktion flüstern, dass eine Kampagne gegen Guttenberg im Gange sei. "Weil vielen seine Beliebtheit nicht schmeckt, bemüht man sich, ihm Kratzer zuzufügen", sagt einer zu stern.de. Als Beleg verweist er auf das politische Profil des Bremer Professors Andreas Fischer-Lescano, der die Ungereimtheiten in Guttenbergs Dissertation aufgedeckt hat. Fischer-Lescano sitzt im Kuratorium des Instituts Solidarische Moderne, das Andrea Ypsilanti gegründet hat - ein Thinktank für rot-rot-grüne Zukunftsvisionen.

Doch selbst wenn der Kritiker Karl Marx persönlich gewesen wäre - abgekupfert bleibt abgekupfert. Das ist selbst der Universität Bayreuth klar, die Guttenbergs Arbeit 2006 angenommen und mit der Bestnote "summa cum laude" bewertet hat. Es werde nun geprüft, ob der Plagiatsvorwurf berechtigt sei, teilte Markus Möstl, Dekan der rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, mit. Solche Prüfungen laufen im Extremfall darauf hinaus, den Doktortitel wieder einzusammeln. Und genau dafür scheint Felix Hanschmann, ein Freund und Kollege Fischer-Lescanos, zu plädieren. Er sagte über die geklauten Passagen in Guttenbergs Werk: "Das kann man nicht mehr als bloße Unachtsamkeit qualifizieren. Das ist vergleichbar mit anderen Fällen, die vor Gericht entschieden wurden und in denen der Doktortitel aberkannt wurde."

Bonner Dünnbrettbohrer und G11

Dieter Wiefelspütz, innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, der im hohen Alter von 56 Jahren promovierte, zuckt da nur mit den Schultern. "Dass eine Doktorarbeit genau gelesen wird, damit muss man als Politiker schon rechnen", sagt er zu stern.de. Er habe seinen Prüfer gebeten, noch strenger als üblich zu sein, um jedes Risiko auszuschließen. Was ansonsten droht, demonstrierte der Autor Achim Schwarze bereits 1994. Schwarze, der sich zeitweise als Ghostwriter für Doktorarbeiten verdingte, zitierte in seinem Buch "Die Dünnbrettbohrer in Bonn" genüsslich die einfältigsten Passagen aus den Doktorarbeiten der damaligen Politgranden. Kanzler Helmut Kohl zum Beispiel hatte - was heute noch für viele promovierende Politiker typisch ist - ein Thema gewählt, dass für ihn sehr, sehr nahe lag: "Die politische Entwicklung in der Pfalz und das Wiedererstehen der Parteien nach 1945". Guido Westerwelle, der sich früh bei den jungen Liberalen engagierte, schrieb über "Das Parteienrecht und die politischen Jugendorganisationen". Einen Nachfolgeband zu den "Dünnbrettbohrern in Bonn" zu erstellen, wäre nicht so schwer: 11 der 16 Mitglieder des Kabinetts Angela Merkel tragen einen Doktortitel - von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen bis Verkehrsminister Peter Ramsauer. In Berlin wird diese Gruppe gerne spöttisch die "G11" (die Großen 11) genannt. Ein Wunder, wenn ihre Werke peinlicher Nachprüfung Zeile für Zeile standhielten.

Die Vorstellung, dass sich Guttenberg seinen Titel systematisch erschlichen haben könnte, hegen allerdings nicht einmal seine politischen Gegner. "Er ist mir herzlich unsympathisch", sagt ein Sozialdemokrat, der ihn lange Jahre erlebt hat, zu stern.de. "Aber das? Nein." Viel wahrscheinlicher sei, dass Guttenberg Fehler und Ungenauigkeiten unterlaufen seien, weil er sich Passagen habe zuliefern lassen oder unter politischem Stress stand. Diejenigen, die sich offen zitieren lassen, spotten milde. "Egal ob vorsätzliches Plagiat oder einfache Schlamperei: Guttenberg hat zum ersten Mal das Problem, dass er die Verantwortung auf keinen anderen abschieben kann", juxt Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin. Seine Parteikollegin Claudia Roth wird in der "Leipziger Volkszeitung" mit dem Satz zitiert, sie habe mit Schmunzeln an das Prinzip gedacht: "Wenn man schon abschreibt, dann sollte man sich wenigstens nicht erwischen lassen."

Das ist für Politiker kaum möglich, für den Normalbürger schon. Eine Prüfung, ob jemand bei Bachelor-, Master- oder Doktorarbeiten abgeschrieben hat, ist an deutschen Unis kein Standard. Susanne Schilden, Sprecherin der Hochschulrektorenkonferenz, bestätigte stern.de, dass nur bei "Verdacht auf Verfehlungen" ein Verfahren eingeleitet werde. Diesen "Verdacht" hätten Guttenbergs Prüfer allerdings leicht bekommen können - sie hätten nur einzelne Textpassagen googeln müssen. Dann wäre ihnen sofort aufgefallen, dass eine "Bewertung" Guttenbergs fast wortgleich in einem Artikel der "Neuen Zürcher Zeitung" steht. Auch aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat Guttenberg abgekupfert - peinlicherweise steht der Absatz auch noch in der Einleitung.

Doktortitel - das "kleine Plus"

Was treibt Politiker überhaupt dazu, sich neben dem Mandat zum Doktorhut zu quälen? "Erstens ist das eine Frage der persönlichen Eitelkeit", sagt SPD-Mann Wiefelspütz. "Zweitens spielt bei vielen eine Rolle, dass man damit Kompetenz signalisiert." Der Darmstädter Elitenforscher Michael Hartmann sagt zu stern.de, Politiker würden das "kleine Plus" suchen, "etwas, was die Masse nicht hat". Die Statistik untermauert diese These: Unter den Bundestagsabgeordneten tragen knapp 20 Prozent einen Doktortitel, unter den Deutschen über 25 Jahren sind es nur 1,8 Prozent. Selbst einen "Dr. h. c.", also einen ehrenhalber verliehenen Doktortitel, tragen manche Abgeordnete wie eine Monstranz vor sich her. Für den politischen Alltag bringt der Titel nach übereinstimmender Ansicht nichts: Wichtig ist, wer Einfluss hat, sich also auf zentrale Posten und Netzwerke stützen kann, gleichgültig welchen akademischen Rang er hat. Ein Titel kann sogar hinderlich sein. "In der SPD muss man aufpassen, als nicht zu abgehoben zu gelten", meint Dr. Wiefelspütz. Davon kann der sozialdemokratische Gesundheitsexperte Karl Lauterbach ein Lied singen. Den Schmähruf "Ach, da kommt der Herr Professor" hat er schon oft gehört.

Bei FDP und Union passiert das natürlich nicht: Bürgerliche Wähler wissen Titel durchaus zu schätzen. Deshalb schreiben Kandidaten sie auch gerne mal auf ihr Wahlplakat. Karl Theodor zu Guttenberg hat, da adelig, promoviert und Minister, besonders viele Titel - und nun besonders viel zu verlieren.

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