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Ampel-Kompromiss "Dieser Weg ist steinig, aber es ist der richtige": So bewertet die Presse das Entlastungspaket

Neues Entlastungspaket: Kanzler Olaf Scholz (M.), der Grünen-Vorsitzende Omid Nouripour (l.) und FDP-Chef Christian Lindner
Neues Entlastungspaket von 65 Milliarden Euro: Bundeskanzler Olaf Scholz (M.), der Grünen-Vorsitzende Omid Nouripour (l.) und FDP-Chef Christian Lindner haben sich nach zähen Verhandlungen geeinigt
Die Ampel-Koalition hat sich auf ein Entlastungspaket in Höhe von mehr als 65 Milliarden Euro geeinigt. Bei den Kommentatoren der deutschen Presse werden die Maßnahmen überwiegend positiv aufgenommen. Doch es gibt auch kritische Stimmen

Eine Strompreisbremse, ein Heizkostenzuschuss für Wohngeldempfänger, ein günstiges, bundesweit gültiges ÖPNV-Ticket und Einmalzahlungen für Rentner und Studierende:  Mit einem 65 Milliarden Euro schweren dritten Entlastungspaket reagiert die Regierung von SPD, Grünen und FDP auf die massiv gestiegenen Energie- und Lebenshaltungskosten. Es ist damit mehr als doppelt so groß wie die ersten beiden Pakete mit ihren zusammen rund 30 Milliarden Euro.

So kommentiert die deutsche Presse das Entlastungspaket:

"Berliner Zeitung": "Zweifellos sind 65 Milliarden Euro Gesamtvolumen eine beachtliche Summe, oder um es mit den Worten von Bundeskanzler Olaf Scholz zu sagen: Das ist 'wuchtig', da wird viel Geld 'bewegt'. Die Ampel plant Einmalzahlungen für Rentner und Studenten sowie einen Heizkostenzuschuss für Wohngeldberechtigte. Sie will einen Nachfolger für das 9-Euro-Ticket, Regelsätze für Bedürftige sollen nach der Einführung des Bürgergeldes Anfang des kommenden Jahres steigen. Das sind nur einige der Vorhaben, die für viele Menschen im Land eine Hilfe sein dürften. Der Ampelkoalition ist es diesmal gelungen, ein breit angelegtes Papier vorzulegen. Allerdings hat das Ganze ein Manko: die Finanzierung. Tatsächlich steuert der Bund mit 32 Milliarden Euro nämlich nur rund die Hälfte des Geldes bei. Ein Nachtragshaushalt ist nicht geplant, die Schuldenbremse soll im kommenden Jahr eingehalten werden."

"Neue Osnabrücker Zeitung": "Das Paket bietet einige gute Ansätze. So werden jetzt Rentner und Studierende mit einem Zuschuss von einmalig 300 beziehungsweise 200 Euro bedacht, nachdem sie bei den vorherigen Paketen leer ausgegangen waren. Hartz IV wird zum Bürgergeld und auf 500 Euro erhöht, der Kreis der Wohngeldbezieher erweitert und eine Art Übergewinnsteuer bei Strom eingeführt. Doch unter dem Strich reicht das Sammelsurium an Maßnahmen nicht, um einen Wohlstandsverlust breiter Bevölkerungsschichten infolge des Ukraine-Krieges zu verhindern. Der Absturz wird bestenfalls abgefedert. Ob das reicht, um den sozialen Frieden zu sichern, muss bezweifelt werden."

"Allgemeine Zeitung" (Mainz): "Das wichtigste politische Signal: Diese Koalition ist in der Lage, unter Druck zu liefern. Dabei konnte sich die unter sinkenden Umfragewerten leidende SPD, immerhin stärkste Fraktion innerhalb der Koalition und die Partei, die den Kanzler stellt, mit ihrer Forderung nach einer Übergewinnsteuer gegen die sture Linie der Lindner-FDP durchsetzen. Auch wenn diese Maßnahme nicht so heißen darf. Die 'Abschöpfung' der Zufallsgewinne von Energieunternehmen ist nun von zentraler Bedeutung, vor allem für die Finanzierung der Strompreisbremse. Daher wird es höchstspannend, ob und wie die komplizierte Umverteilung, die massiv in den Markt eingreift, funktionieren wird."

"Ein teurer, halbgarer Kompromiss"

"Volksstimme" (Magdeburg): "Mit dem 65-Milliarden-Euro-Entlastungspaket hat die Ampel zuallererst — sich selbst entlastet. Zumindest vorerst. An der Aufgabe hätte die ohnehin ziemlich fragile Koalition auch zerbrechen können. So hat man nach zähem Ringen einen teuren, halbgaren Kompromiss geschmiedet, der die kommenden Generationen noch lange belasten wird und dessen Finanzierung in vielen Details noch gar nicht geklärt ist. Die Einmalzahlungen für Rentner und Studenten treffen zwar die wirklich Bedürftigen, sind in ihrer entlastenden Wirkung nicht nachhaltig. Der Strompreisdeckel hingegen ist Prinzip Gießkanne, kommt auch denen zugute, die die Mehrkosten relativ problemlos verschmerzen könnten. Die Fortsetzung des günstigen Nahverkehrstickets geht in die richtige Richtung. Funktioniert allerdings nur, wenn die Bundesländer auch Geld dazugeben. Und dazu sind aktuell längst nicht alle Ministerpräsidenten bereit."

"Reutlinger General-Anzeiger": "Das 65-Milliardenpaket wird Entlastung bringen und helfen, aber es wird den Bürgern die Sorge vor dem kommenden Winter nicht nehmen. Im Herbst und dann im Winter werden sie alle ungeachtet des Strompreises zunächst mal die Heizlüfter anwerfen und die Lichter in Deutschland zum Flackern bringen. Wenn der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz von einem möglichen Blackout in der kalten Jahreszeit spricht, dann ist das kein leeres Gerede, sondern etwas, das viele hinter vorgehaltener Hand schon längst sagen. Die Atomkraft alleine, wie sie Merz fordert, wird Deutschland vor einem solchen Szenario wohl nicht bewahren können."

"Hannoversche Allgemeine Zeitung": "Die Ampelkoalition hat die Erwartungen an das dritte Entlastungspaket selbst in die Höhe geschraubt, hinter denen sie nun zurückbleibt. 'Wuchtig' und 'präzise' sollten die Beschlüsse sein. Ein Volumen von 65 Milliarden Euro ist wuchtig, keine Frage, aber die Hilfen sind alles andere als präzise, gerade in den Bereichen, wo die meisten Menschen die größten Sorgen haben: Gaspreis und Lebenshaltungskosten. Tagelang wurde darüber debattiert, ob ein Gasgrundbedarf errechnet und darauf ein Preisdeckel gesetzt werde. Nun soll eine Expertenkommission 'zeitnah' klären, 'ob und, wenn ja, wie ein solches Modell in Deutschland oder Europa realisierbar ist'. Das wird dauern."

"Badische Neueste Nachrichten" (Karlsruhe): "Vom dritten Entlastungspaket profitieren deutlich mehr Einkommensschichten als von den Paketen eins und zwei, beispielsweise wird endlich die kalte Progression abgeschafft. Das ist eine gute Nachricht, weil das aufgeregte Gemüter abkühlen und einer möglichen Spaltung des Landes vorbeugen kann. Politisch ist das Paket ebenfalls spannend. Schien es zuletzt so, als ob die SPD gegenüber Grünen und FDP ins Hintertreffen geraten war, hat die Arbeit an den Entlastungen die Kräfteverhältnisse wieder zurechtgerückt: Das dritte Paket enthält ganz viel Rot, etwas weniger Grün und noch weniger Gelb."

"Das Paket ist umfangreich, zielgerichtet, ausgewogen"

"Rheinpfalz" (Ludwigshafen): "Die Bundesregierung hat ein beeindruckendes drittes Entlastungspaket geschnürt. Das dritte Paket ist umfangreich, zielgerichtet, ausgewogen und viel systematischer als die ersten beiden. Dabei hat die Bundesregierung nicht nur Geld in die Hand genommen. Sie will sich auch an strukturelle Veränderungen beispielsweise bei der Preisfindung am Strommarkt heranmachen. Wenn absurd hohe Energiepreise anfallen, Bürger und Unternehmen überfordert werden, zugleich sich einige Unternehmen dumm und dämlich verdienen und die ganze Gemengelage zu Verwerfungen führt, muss der Staat korrigierend eingreifen."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Politisch haben die vielen Maßnahmen des Pakets letztlich alle dasselbe Ziel: Sie sollen den sozialen Frieden im Land bewahren, den Putin mit seiner hybriden Kriegsführung aushöhlen will. Weil der Druck so immens ist, werden auch die geplanten staatlichen Eingriffe größer, diesmal vor allem bei der Stromerzeugung. Beim Gas, das gibt die Koalition offenherzig zu, wäre selbst der finanzstarke deutsche Staat nicht mehr in der Lage, alle Preissteigerungen zu kompensieren. Dass Versäumnisse der vorherigen Entlastungen korrigiert werden (Studenten, Rentner), ist sinnvoll. Ob der Abbau der kalten Progression reicht, um die Mittelschicht zu beruhigen, ist dagegen ungewiss. Dieser Weg ist steinig, aber es ist der richtige. Der Preis der Alternative wäre ein geopolitischer, aber er wäre noch höher."

"Märkische Oderzeitung" (Frankfurt/Oder): "Eine Botschaft der Bundesregierung ist aber auch, dass der Staat kein Rundum-Sorglos-Paket liefert. Er kann nicht alles auffangen. Die Mittelschicht wird nun eine größere Last tragen und am Ende vieles selbst zahlen müssen."

"Weser-Kurier" (Bremen): "Beeindruckend ist, wie viel Geld die Regierung auftreiben kann — trotz Schuldenbremse. Das klingt nach Zauberei oder politisch ausgedrückt: nach sehr optimistischer Einschätzung der Grundlagen, von der Zustimmung der Länder zum Neun-Euro-Nachfolger-Ticket bis zu den Erlösen der 'Zufallsgewinnsteuer'. Es mag sein, dass die Rechnung nicht ganz aufgeht und nachgebessert werden muss. Aber eines muss man SPD, Grünen und FDP lassen: Sie machen mit ihrem Paket vielen Bürgern Hoffnung, dass sie in den nächsten Monaten über die Runden kommen. Und darauf kommt es momentan an."

"Heilbronner Stimme": "Die größte Schwäche des Pakets könnte sein, dass die Erwartungshaltung der Menschen zu groß ist. Mit dafür verantwortlich ist auch ein Kanzler Olaf Scholz, der nicht müde wird zu betonen, dass der Staat 'niemanden alleine lassen' wird. Das ist in einer Zeit gewaltiger Verwerfungen leider nur Wunschdenken. Trotz aller Kritik kann die Regierung aber einen Erfolg für sich verbuchen: Geringverdiener und Bedürftige erhalten für diesen Winter und darüber hinaus eine spürbare Unterstützung vom Staat. Das darf angesichts der Vielzahl an Punkten in der Maßnahmenliste nicht untergehen. Das Paket sichert somit hoffentlich auch den sozialen Frieden in diesem Land."

Ampel-Kompromiss: "Dieser Weg ist steinig, aber es ist der richtige": So bewertet die Presse das Entlastungspaket

"Pforzheimer Zeitung": "Es ist richtig, dass die Koalition den Schwerpunkt dieses Mal stärker auf die legt, die in der Energiekrise am stärksten auf Unterstützung des Staates angewiesen sind. Das sind bedürftige Menschen, Geringverdiener, Rentnerinnen und Rentner sowie Studierende. Dass die Rentner bei den letzten Paketen leer ausgegangen sind, war ungerecht und wird nun nachgeholt. Das größte sozialpolitische Element ist aber die deutliche Anhebung der Regelsätze bei Hartz IV, das künftig Bürgergeld genannt wird. Zudem steigt das Kindergeld. Elemente, die SPD und Grüne für sich verbuchen können. Dass der Bund den Ländern ein günstiges bundesweites ÖPNV-Billett im Anschluss an das Neun-Euro-Ticket anbietet, geht mit den Grünen nach Hause. Die Länder sollten das Angebot unbedingt annehmen. Existenzängste gibt es aber bis tief in die Mitte der Gesellschaft. Für sie hat die FDP immerhin den Abbau der kalten Steuerprogression durchgesetzt."

"Eine unvorstellbar hohe Summe"

"Nürnberger Nachrichten": "Nun sollen es noch einmal 65 Milliarden sein, die an die Gesellschaft in ihrer ganzen Breite gehen — von Rentnern bis zu Studenten. Damit summieren sich die bisherigen Krisenprogramme im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg auf rund 100 Milliarden Euro. Eine unvorstellbar hohe Summe angesichts eines gesamten Bundeshaushalts von rund 450 Milliarden Euro. Solche Entlastungsprogramme haben immer zwei Seiten: das Ausgeben/Verteilen des Geldes und das Gegenfinanzieren, das zwangsläufig irgendwann fällig ist. Über Punkt eins redet die Ampelkoalition deutlich mehr und deutlich lieber als über Punkt zwei.

"Süddeutsche Zeitung" (München): "Ob es nun die Grünen waren, die wieder einmal besonders weit laufen mussten, ist diesmal nicht so leicht auszumachen. Sie können unter anderem auf die Beteiligung des Bundes an einer Nachfolge für das Neun-Euro-Ticket verweisen. FDP-Chef Lindner wiederum konnte die von 2023 an wieder greifende Schuldenbremse fürs Erste halten, muss aber auch dafür geradestehen, dass eine gewagt wirkende Milliardenrechnung aufgeht. Insgesamt ist es ein Ergebnis, das deutlich größer ist, als der zuletzt so geschrumpft wirkende gemeinsame Nenner der Ampel vermuten ließ."

"Frankfurter Rundschau": "Die Sorge angesichts explodierender Preise, die Angst vor nicht mehr bezahlbarer Energie ist im Land spürbar. Die Erschütterung durch den Krieg in der Nachbarschaft kommt hinzu. Ja, es geht hierzulande nicht um Leben und Tod wie für die Menschen in der Ukraine. Aber auch hier steht viel auf dem Spiel. Eine Teuerung wie derzeit haben nur die wenigsten Menschen erlebt. Manche wissen nicht, wie sie ihre Energierechnungen und ihre Lebensmitteleinkäufe bezahlen sollen. Für sie ist das Entlastungspaket ein Lichtblick. Aber nicht mehr. Dieses Paket darf daher nicht das letzte Wort sein. Weitere müssen folgen. Denn es geht um nicht weniger als das Wohlergehen der Menschen — und damit um die Grundlage unseres demokratischen Systems."

"Stuttgarter Zeitung": "Es gibt noch jede Menge Stoff für weitere Debatten. Innerhalb und außerhalb des Parlaments. Allerdings sollten diejenigen, die zum Beispiel an diesem Montag in Leipzig auf die Straße gehen, immerhin anerkennen, dass das nun vorgelegte Programm gerade für sozial Schwache einige sehr handfeste Verbesserungen enthält. Alles in allem erweist sich die neue Bundesregierung trotz ihrer heterogenen Zusammensetzung erneut als erstaunlich handlungsfähig. Das ist durchaus beruhigend, denn trotz aller staatlichen Hilfen kann der kommende Winter noch sehr hart werden. Das neue Entlastungspaket ist kein Allheilmittel und kein Abschluss des Krisenmanagements. Die weiteren Entwicklungen werden Nachsteuern erforderlich machen."

mad DPA

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