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Rheinmetall: Der Rüstungskonzern, der Prinz - und ein Zehn-Milliarden-Flop

Interne Dokumente zeigen, wie Rheinmetall den Saudis Boxer-Panzer für zehn Milliarden Euro verkaufen wollte. Ein schwerreicher Prinz aus der Königsfamilie sollte als "Dealmaker" helfen.

Rheinmetall-Panzer vom Typ Boxer

Die Bundeswehr verfügt über 180 Exemplare des Panzers vom Typ Boxer, Rheinmetall wollte Hunderte an Saudi-Arabien verkaufen

DPA

Während die Bundesregierung gerade den Export von acht Patrouillenbooten der Lürssen-Werft nach Saudi-Arabien genehmigt hat, macht jenseits des Atlantiks in Kanada ein Panzer-Deal mit dem absolutistisch regierten Königreich Schlagzeilen.

Die Kanadier sind gerade dabei, fast 1000 Radpanzer an die Saudis zu liefern, für umgerechnet um die 10 Milliarden Euro. Was kaum einer weiß: Beinahe hätte der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall den Abschluss gemacht. Dann wären es die Deutschen, die jetzt sukzessive hunderte Panzer an die Saudis liefern.

Der kanadische Sender CBC News hat jetzt erstmals genaue Zahlen über den Umfang des Geschäfts genannt. Sie belegen, dass der kanadische Hersteller General Dynamics Land Systems (GDLS) Anfang 2014 die Saudis mit einem Angebot überzeugte, das fast identisch zu dem damaligen Lieferprogramm von Rheinmetall war. Dem stern liegen interne Angebotsunterlagen von Rheinmetall aus der damaligen Zeit vor. Demnach wollte Rheinmetall den Saudis damals insgesamt 928 Boxer verkaufen. Genau diese Zahl an Radpanzern liefern nun laut CBC News die Kanadier.

Panzer als "Lastwagen" und "Jeeps" heruntergespielt

Das ist nicht die einzige Übereinstimmung. So wollte Rheinmetall 119 der Boxer-Panzer mit einer 105-Millimeter-Kanone ausrüsten, als sogenannte "Break Through Vehicle" mit einer "full Hunter-Killer functionality", also einer uneingeschränkten Fähigkeit, den Feind zu jagen und zu töten. Jetzt sind es die Kanadier, die 119 der Radpanzer mit einer 105-Millimeter-Kanone ausliefern.

Kanadische Politiker bemühen sich trotzdem, den militärischen Charakter der Rüstungsexporte herunterzuspielen. Der frühere Premier Stephen Harper soll die Panzer als bloße "Lastwagen" heruntergespielt habe. Der heutige Regierungschef Justin Trudeau sprach von harmlosen "Jeeps".

Was westliche Waffenhersteller an den Saudis schätzen ist klar: ihre Kaufkraft. Im Jahr 2017 verfügte das Königreich über eines der vier größten Verteidigungsbudgets weltweit, noch vor Großbritannien und Frankreich. Die internen Papiere aus dem Hause Rheinmetall, die dem stern vorliegen, zeigen, wie das Düsseldorfer Unternehmen in den Jahren 2012 bis 2014 versuchte, diesem kaufkräftigen Kunden die Boxer-Panzer schmackhaft zu machen.

Dass Rheinmetall gerne Radpanzer nach Saudi-Arabien exportiert hätte, war bisher nur in Umrissen bekannt. Neu ist auch, wie groß der Umfang des geplanten Deals war. Auch Rheinmetall bezifferte seinen Gesamtwert auf zehn Milliarden Euro – also mehr als dreimal so viel wie die rund drei Milliarden Euro, für die jetzt Australien womöglich gut 200 Boxer von Rheinmetall beschafft.

Das am Ende geplatzte Geschäft mit den Herrschern in Riad lief firmenintern unter dem Codewort "Project Eagle" - also als "Projekt Adler". Der Kunde wäre nicht das offizielle saudische Militär gewesen, sondern die "Royal Guard". Ihre Soldaten sollen speziell den König und dessen Familie schützen. Sie seien für das "Haus Saud" und dessen Sicherheit zuständig, hieß es in einer vertraulichen Rheinmetall-Präsentation vom Januar 2014. Die "Royal Guard" sei "als direkte familiäre Streitkraft zu sehen", erläuterte ein Papier aus dem Jahr 2012.

Planungen von Rheinmetall weit fortgeschritten

Es gebe im Königreich Saudi-Arabien nun mal drei verschiedene Machtzentren: staatliche, familiäre und am Stamm orientierte. "Die 'Royal Guard' ist direkt mit dem Schutz der königlichen Familie beauftragt und somit eigentlich keine staatliche sondern eher (eine) familiäre Instanz im Lande", hieß es in der Präsentation weiter. In einem Papier über den Projektstatus im Januar 2014 formulierte es ein Rheinmetall-Vertreter noch drastischer: Saudi-Arabien sei nun mal ein "Land im Familienbesitz".

Diesem Land - oder dieser Familie - wollte Rheinmetall also 928 Boxer-Panzer verkaufen, in zehn verschiedenen Varianten. Neben den 119 Panzern mit der 105-Millimeter-Knone standen gut 100 Fahrzeugen mit Räumschaufeln im Angebot - gut geeignet für die Aufstandsbekämpfung. Daneben gehörten über 60 besonders teure Panzer mit "VIP"-Ausstattung zu dem Programm. Diese hätten dann über "Komfortsitze für bis zu 4 VIPs" verfügt, über zusätzliche Schutzsysteme gegen Beschuss und weitere zusätzliche Komforteinrichtungen für die besonders wichtigen Insassen wie Waschbecken, Kühlschrank und Safe.

Zeitweise war die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung in Berlin anscheinend nicht abgeneigt, eine Exportgenehmigung zu erteilen. Für zumindest 200 Boxer hatte Rheinmetall in Berlin bereits offiziell angefragt.

Im Königreich Saudi-Arabien - abgekürzt KSA - waren zur Flankierung des Geschäfts Gemeinschaftsunternehmen mit verschiedenen lokalen Anteilseignern angedacht. Vor allem sollte ein einflussreicher Prinz aus der Königsfamilie bei der Verkaufsförderung helfen: Prinz Mishal bin Abdul Aziz Al Saud.

Offenbar im Jahr 2013 besuchte eine Rheinmetall-Delegation den damals bereits 87-jährigen greisen Aristokraten, der inzwischen verstorben ist. Man habe hier "die Gelegenheit, die führende Autorität in KSA nach dem König" zu treffen, hielt ein Rheinmetaller in einer Präsentation zur Vorbereitung fest. Das sei eine gute Chance, "eine tragfähige Beziehung zur Familie eines der wichtigsten Dealmaker im Lande aufzubauen", fuhr der Autor fort: "Er und seine Nachkommen verfügen über umfangreiche Geschäftsinteressen in allen Aspekten der saudischen und internationalen Wirtschaft." Und, so damals die Hoffnung der Rheinmetaller, man habe hier die Chance, "unser Commitment für das 8x8 Programm zu unterstreichen". 8x8 steht für den achträdrigen Boxer.

Rheinmetall war siegessicher

Am Commitment - also dem offensiv vorgetragenen Engagement - von Rheinmetall wurde in Saudi-Arabien offenbar gezweifelt. Das gelte "seit dem misslungenen Vertriebs- und Projektmanagement zwischen KMW und Rheinmetall" im Jahr 2012, hielt das Rheinmetall-Papier zu dem Besuch beim Prinzen fest.

Gemeint waren womöglich frühere Versuche von Rheinmetall, zusammen mit Krauss-Maffei Wegmann (KMW) Kampfpanzer des Typs Leopard 2 nach Saudi-Arabien zu verkaufen. Im Jahr 2012 war auch eine Lieferung auf dem Umweg über eine Lizenzproduktion in Spanien im Gespräch. Aber der Plan scheiterte.

Noch im November 2013 sah es für die geplanten Boxer-Verkäufe hingegen offenbar gut aus. Laut einem Protokoll rechnete man damals bei Rheinmetall "noch vor Weihnachten" mit einem positiven Dekret des Königs. Es gab zwar bereits die Konkurrenten der amerikanischen Firma General Dynamics, der Mutter der dann siegreichen kanadischen Anbieter. Aber die fürchtete man zu der Zeit bei Rheinmetall nicht: "Versuche hochrangiger amerikanischer Vertreter, die Entscheidung in KSA noch zu ihren Gunsten zu beeinflussen, werden letztendlich wohl nicht erfolgreich sein", hieß es in dem Protokoll vom November 2013.

Die Panzer von General Dynamics, die in Kanada hergestellt werden sollten, hätten nur geringe Chancen. Zum Beispiel schränke der angeblich große Wendekreis des General-Dynamics-Panzers dessen "Mobilität im urbanen Gebiet" ein. Der Boxer seinerseits sei seit Januar 2012 "kampferprobt" in Afghanistan. Die "überlegene deutsche Ingenieurkunst" werde am Ende obsiegen, glaubten die Rheinmetaller.

Doch nur einige Monate später - im Februar 2014 - triumphierten die Kanadier. Auch Prinz Mishal konnte offenbar nicht helfen. Die Nordamerikaner ergatterten den Zuschlag der Saudis für die Lieferung ihrer Radpanzer. Auch der im Jahr 2015 gewählte neue kanadische Premier Trudeau bekräftigte die Exportgenehmigung. In Deutschland regierte inzwischen die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD. Mit der war eine Exportgenehmigung offenbar nicht mehr möglich.

Andere Insider verweisen auf einen anderen angeblichen Grund für das Platzen der Verhandlungen: Differenzen mit den Saudis über die Ausrüstung der Vehikel. Die Militärs in dem Königreich hätten sich eine Kombination der Rheinmetall-Fahrzeuge mit den Türmen des belgischen Anbieters CMI gewünscht. Das lehnte Rheinmetall im Sommer 2013 als zu teuer ab. Außerdem seien die belgischen Türme wohl mit israelischen Feuerleitsystemen ausgestattet - was offenbar als Ausschlussgrund galt.

Ex-Manager macht Karriere in Saudi-Arabien

Das Verhältnis zwischen Rheinmetall und dem Haus Saud hat das dennoch nicht nachhaltig getrübt. Im März 2016 eröffnete nahe Riad eine Munitionsfabrik der staatlichen Military Industries Corporation. Über eine südafrikanische Tochter war Rheinmetall nach eigenem Bekunden "als Zulieferer eingebunden" - trotz der blutigen Interventionen des saudischen Militärs im Bürgerkrieg im benachbarten Jemen.

Ende Oktober 2017 wurde eine weitere Saudi-Connection publik: Der langjährige Rheinmetall-Manager Andreas Schwer, der auch mit dem Boxer-Deal zu tun hatte, macht in dem Königreich Karriere. Er ist nun der Chef des staatlichen saudischen Rüstungskonzerns SAMI. Den will der König mit Milliarden ausstatten, um künftig mehr Waffen im eigenen Land zu produzieren. Sogar die Lieferung von Militärgerät aus künftiger türkischer Produktion halten manche Brancheninsider für Saudi-Arabien denkbar - wenn in ein paar Jahren mit Hilfe von Rheinmetall die Produktion der Altay-Panzer in der Republik am Bosporus beginnen sollte.

An der türkischen Rheinmetall-Partnerfirma BMC ist zwar das Militär des Scheichtums Katar beteiligt - also des Erzfeinds der Saudis. Aber das gilt nicht als unüberwindbarer Hinderungsgrund.

An den Leuten bei Rheinmetall wird es ohnehin kaum scheitern.

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