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Rot-grüne Koalitionen: Die Wiege stand in Wiesbaden

Bereits in neun Bundesländern haben SPD und Grüne in der Regierung zusammengearbeitet. Über das Schicksal der letzten verbliebenen rot-grünen Landesregierung entscheiden die Wähler in NRW.

In Hessen fing alles an. Nach quälenden und noch dazu öffentlich geführten Verhandlungen zwischen SPD und Grünen kam es 1984 zum ersten politischen Bündnis von Rot-Grün auf Landesebene: zunächst als Tolerierung der Regierung Holger Börner und ein Jahr später als richtige Koalition. Weniger spektakulär folgten weitere rot-grüne Regierungen in anderen Ländern und 1998 auch im Bund. Die am längsten ununterbrochen bestehende Koalition beider Parteien aber ist die in Nordrhein-Westfalen - inzwischen zugleich die einzige noch bestehende in einem Bundesland.

Ob sie nach zehn Jahren fällt oder weiterregieren kann, entscheidet sich am kommenden Sonntag. Würde sie, wie die Umfragen vorhersagen, scheitern, wäre die rot-grüne Bundesregierung ohne jedes Pendant in der Länderkammer. Der Ausgang der Landtagswahl im bevölkerungsreichsten Bundesland ist also nicht nur von Bedeutung für die künftige politische Konstellation in Düsseldorf und letztlich auch in Berlin - er wird auch symbolträchtig für die Geschichte des Projekts Rot-Grün insgesamt sein.

Die Anfänge waren schwierig

Einen ersten, allerdings vergeblichen Anlauf hatte es schon 1982 in Hamburg gegeben. Die damaligen Gespräche über die Duldung eines SPD-Minderheitssenats durch die Grün-Alternative Liste scheiterten aber. Nach der hessischen Landtagswahl im September 1983 gab es dann einen neuen Anlauf. Immer wieder setzten sich Vertreter von Sozialdemokraten und Grünen in Wiesbaden zusammen, um in öffentlicher Sitzung die Möglichkeit einer Zusammenarbeit auszuloten. Die Gespräche waren außerordentlich zäh und schwierig. Schließlich war das Vorhaben innerhalb der Grünen selbst höchst umstritten. Vor allem der damals noch starke Flügel der "Fundis" mit Jutta Ditfurth an der Spitze lehnte es ab. Und Börner galt ja auch nicht gerade als linker Sozialdemokrat - über Startbahngegner am Frankfurter Flughafen hatte er einmal gesagt, so etwas habe man früher am Bau "mit der Dachlatte" erledigt.

Zudem erwies sich eine Verständigung vor allem über die Atompolitik als außerordentlich schwierig. Schließlich beherbergte Hessen mit Biblis nicht nur eines der ältesten und größten Atomkraftwerke in Deutschland. Hinzu kamen die Nuklearfabriken Nukem und Alkem in Hanau. Erst im Juni 1984 war der Tolerierungsvertrag unter Dach und Fach, der Börner eine parlamentarische Unterstützung durch die Grünen sicherte. Doch an der Ankündigung einer Teilgenehmigung für Nukem II scheiterte die Tolerierung nur wenige Monate später schon wieder, und die Grünen erklärten die Zusammenarbeit für beendet.

Erstes Regierungsbündnis von SPD und Grünen

Doch 1985 kam es dann doch noch zu einem Koalitionsvertrag und der Vereidigung Joschka Fischers als Umweltminister. Damit war er das erste grüne Kabinettsmitglied in Deutschland. Lange Zeit wurde er "Turnschuhminister" genannt, weil der frühere Sponti und Taxifahrer bei seiner Vereidigung im Wiesbadener Landtag Turnschuhe trug. Die erste rot-grüne Koalition war geboren und arbeitete recht effektiv, bis es 1987 wiederum wegen der Atompolitik zum Bruch kam und Börner seinen Grünen-Minister entließ.

Zwar wollten es beide Parteien bei der darauf folgenden Landtagswahl noch einmal miteinander versuchen, aber der Wähler machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Es kam unter dem CDU-Politiker Walter Wallmann zu einer schwarz-gelben Koalition in Wiesbaden. Vier Jahre später gewann Rot-Grün dann wieder und reagierte mit dem heutigen Finanzminister Hans Eichel als Ministerpräsident immerhin acht Jahre lang unangefochten in Hessen, bis mit Roland Koch 1999 wiederum ein CDU-Politiker das Zepter übernahm.

Die FDP kam mit ins Boot

In der Zwischenzeit hatte das hessische Modell längst in anderen Ländern Schule gemacht. So regierte Rot-Grün von 1989 bis 1990 mit der Alternativen Liste unter dem Regierenden Bürgermeister Walter Momper in Berlin und dann nochmal 2001 für ein halbes Jahr unter Klaus Wowereit. In Niedersachsen war es Gerhard Schröder, der 1990 bis 1994 mit den Grünen-Ministern Jürgen Trittin und Waltraud Schoppe zusammen am Kabinettstisch saß. Es folgten Ampelkoalitionen, bei denen neben Rot-Grün auch die FDP in der Regierung vertreten war, und zwar unter Manfred Stolpe in Brandenburg 1990 bis 1994 sowie in Bremen unter Klaus Wedemeier 1991 bis 1995. Und in Sachsen-Anhalt regierte 1994 bis 1998 ein von der PDS toleriertes rot-grünes Minderheitskabinett unter dem Sozialdemokraten Reinhard Höppner.

Recht stabile rot-grüne Koalitionen gab es zudem unter Ortwin Runde von 1997 bis 2001 in Hamburg sowie in Schleswig-Holstein unter Heide Simonis von 1996 bis 2005. Das Kieler Regierungsbündnis wurde nach dem Scheitern der Wiederwahl von Simonis als Ministerpräsidentin von einer großen Koalition aus CDU und SPD abgelöst. Seitdem ist die bereits seit 1995 bestehende rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen die einzig verbliebene in einem deutschen Bundesland. Trotz zwischenzeitlicher Krisen hat sie ein ganzes Jahrzehnt und mit Johannes Rau, Wolfgang Clement und Peer Steinbrück bislang drei Ministerpräsidenten überdauert. Bärbel Höhn und Michael Vesper waren von Anfang an dabei und sind somit die Grünen-Minister mit der längsten Amtszeit überhaupt. Ob diese jetzt zu Ende geht oder nicht, entscheiden am Sonntag die Wähler.

Gerhard Kneier/AP / AP