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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Gauck ist anstrengend - gut so!

Halbzeit für Joachim Gauck. Der Präsident ist seit zweieinhalb Jahren im Amt - unbequem, politisch, angstfrei. Der Mann bringt Leben in die Bude.

Von Jens König

Joachim Gauck besitzt das Talent, sich selbst ziemlich gut zu finden. Das geht vielen auf die Nerven. Der Mann ist ihnen zu eitel. Das ist ihr gutes Recht, verstellt jedoch den Blick auf Gauck. Es gibt schlimmeres als einen eitlen Präsidenten - einen Präsidenten zum Beispiel, der nichts zu sagen hat, der mit seinem Amt nichts anzufangen weiß, der sich mit Hauskrediten herumschlagen muss. Ist Gauck ein solcher Präsident? Nein. Na also.

Man darf diesen Seemannssohn aus Rostock, der heute die Hälfte seiner fünfjährigen Amtszeit hinter sich bringt, ruhig gut finden. Er ist ein außergewöhnlicher Bundespräsident. Der ambitionierteste seit Richard von Weizsäcker. Politisch, unbequem, angstfrei.

Politisch unterzuckert

Zu politisch? Darf er das eigentlich, der Bundespräsident, der qua Verfassung ein Mann ohne Macht ist, das gute Gewissen der Republik - entspricht es seiner Rolle, dieses Land in Unruhe zu versetzen, wie er das mit seinen Reden über Krieg und Frieden, über Freiheit und Verantwortung tut? Ja klar, er darf das. Er tut diesem Land damit sogar gut. Deutschland ist nach neun Jahren mit Angela Merkel und ihrem Ingenieurwesen im Kanzleramt politisch dermaßen unterzuckert, dass Gaucks Provokationen, seine klugen, kontroversen Reden als geradezu notwendig erscheinen. Der Mann will was. Von uns, den Bürgern. Von unserem Land. Er will, dass wir über uns und unsere Rolle in der Welt nachdenken. Es kann uns mit einem Präsidenten doch nichts besseres passieren - es sei denn, man möchte, dass Deutschland in seiner Selbstzufriedenheit und latenten Ängstlichkeit weiter unter seinen Möglichkeiten bleibt.

Der Mann, man darf das so unpräsidial ausdrücken, bringt Leben in die Bude. Er will die Auseinandersetzung - und darf deswegen auch hart kritisiert werden. Wem Gaucks Interventionen über mehr deutsches Engagement in internationalen Konflikten zu forsch sind - bitte sehr, der soll mit ihm streiten, in der Sache, gern kontrovers, er sollte nur nicht so gedankenfaul sein und die Debatte mit dem Vorwurf beenden wollen, der Präsident sei ein Kriegstreiber.

Am richtigen Platz

Gauck ist anstrengend, ja. Aber gerade das ist das Gute an ihm. Er verlangt uns etwas ab. Wir sind das nur nicht mehr gewöhnt. Joachim Gauck im Schloss Bellevue ist der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Platz.

Jens König leitet das stern-Hauptstadtbüro. Er lernte Gauck schon Anfang der 90er als Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde kennen. Aktuell hat er einen biografischen Essays für das gerade erschienene Buch "Bürger Gauck" von Christian Irrgang geschrieben. König twittert unter kingsize66