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Studien zum Phänomen Nichtwähler: Warum wählen sie bloß nicht?

Immer weniger Menschen geben bei Wahlen ihre Stimme ab. Das macht die Politik immer unruhiger. Bröckelt uns langsam die Demokratie weg? Zwei neue Studien untersuchen das Phänomen Nichtwähler.

Von Lutz Kinkel und Daniel Regnery

Kurt Beck war schon vieles in seinem Leben. Regierungschef von Rheinland-Pfalz, Vorsitzender der SPD, Präsident des Bundesrates. Jetzt, nach seinem Ausstieg aus der operativen Politik, leitet er die parteinahe Friedrich-Ebert-Stiftung - und hat abermals Sorgen. "Es ist schon dramatisch, wenn die Nichtwählerzahlen innerhalb von 20 Jahren um 18 Prozent ansteigen", sagte er auf einer Pressekonferenz in Berlin.

Zerbröselt uns die Demokratie unter den Fingern?

In der Tat: Der Anteil der Nichtwähler steigt und steigt und steigt, und zwar auf allen Ebenen, bei den Kommunal-, Landes- und Bundestagswahlen. Das verunsichert die politische Klasse. Wie kann ein Ministerpräsident noch von sich behaupten, er vertrete das Volk, wenn ihn faktisch nur 20 von 100 Wahlberechtigten in seinem Bundesland gewählt haben? Zerbröselt uns langsam aber sicher die Demokratie unter den Fingern? Und was sind das überhaupt für Menschen, diese Nichtwähler: Anti-Demokraten? Politikverdrossene? Oder Verwöhnte, die glauben, es läuft auch ohne ihr Zutun alles weiter? Beck ließ das Phänomen vom Forsa-Institut untersuchen (hier der Volltext). Kurz zuvor hatte die Bertelsmann-Stiftung eine Studie zum Thema vorgelegt - in Auftrag gegeben von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung.

Zumindest in zwei Punkten stimmen die Studien überein. Der größte Teil der Nichtwähler ist unter Menschen zu finden, die einen niedrigen Bildungsabschluss und ein geringes Einkommen haben. Aber, Überraschung: Es ist nicht so, als wären diese Menschen ausnahmslos verkappte Revolutionäre und Staatsfeinde. Laut Forsa sind sie zu zwei Dritteln mit dem politischen System zufrieden. Nach Erkenntnissen der Bertelsmann-Stiftung sind sie nicht wütend, sondern eher gleichgültig. Was sie offenkundig abschreckt, ist nicht die Tatsache, dass sie einer Demokratie leben - sondern wie Politik gemacht wird.

Nichtwähler: Da ist noch Musik drin!

Laut Forsa-Auswertung lautet die am häufigsten vorgetragene Beschwerde: "Die Politiker haben kein Ohr mehr für die Sorgen der kleinen Leute." Und der zweithäufigste Vorwurf: "Den Politikern geht es doch nur um ihre eigene politische Karriere." Manfred Güllner, Chef des Forsa-Instituts, schließt daraus, dass Nichtwähler durchaus eine politische Agenda haben - und damit prinzipiell auch für die Politik ansprechbar bleiben. Er untermauert diese Ansicht mit dem Hinweis, dass sich die Gruppe der Nichtwähler in verschiedene Untergruppen aufspaltet - vom notorischen bis zum gelegentlichen Wahlverweigerer. Mit anderen Worten: Da ist noch Musik drin.

Der Blick der Bertelsmann-Studie auf die Nichtwähler ist viel pessimistischer. "Die Wahlbeteiligung in Deutschland wird auf lange Sicht weiter sinken", heißt es. Das läge vor allem daran, dass die jüngere Generation die Politik nicht so spannend findet. Das ist ein Befund, der Rätsel aufgibt: Da entscheiden Menschen darüber, wie wir leben können und dürfen - und das soll langweilig sein?

Beck: "Nicht wie ein Blinder vor der Sonne"

Vorschläge, wie sich aus Desinteressierten Interessierte machen lassen und aus Nichtwählern Wähler, präsentiert die Bertelsmann-Studie nicht. Nur an einer Stelle heißt es wolkig, in der Schule könne mehr für die "politische Sozialisation" der Jugend tun. Ganz anders die Schlussfolgerungen der Forsa-Untersuchung: Die Politik heißt es, müsse sich wieder stärker den Interessen der breiten Bevölkerung zuwenden. Kurt Beck fügte hinzu, auch Elemente der direkten Demokratie könnten helfen, also Bürgerbegehren und Volksentscheide.

Und Beck, der schon vieles in seinem Leben war, auch ein oft gescholtener SPD-Vorsitzender, mahnte die Medien: "Diese teilweise hämische Abwertung von Politikern und Politik" trage ebenfalls viel zur Entfremdung mit den Bürgern bei. Als ihn stern.de fragte, ob er dabei seinen Parteigenossen, Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, vor Augen habe, wehrte Beck ab. Er wolle seine Äußerungen ganz allgemein verstanden wissen. Zugleich reklamierte er eine gewisse Glaubwürdigkeit für sich. "Ich rede hier ja auch nicht wie ein Blinder von der Sonne."

Lutz Kinkel und Daniel Regnery

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und Daniel Regnery