HOME

Nach den Anschlägen von Paris: Warum Angst die falsche Antwort ist

Plötzlich war der Terror ganz nah: Die tragischen Anschläge von Paris haben bei vielen Menschen in Europa die Angst vor dem Dschihadismus neu angefacht. Doch trotz eines anhaltenden Risikos bleibt die Gefahr für den Einzelnen sehr gering.

Von Alexander Meyer-Thoene

"Paris gibt sich der Angst nicht hin" - die Parole auf dem Platz der Republik sollte auch für Deutschland gelten

"Paris gibt sich der Angst nicht hin" - die Parole auf dem Platz der Republik sollte auch für Deutschland gelten

Auch nach den Terroranschlägen von Paris muss man in Deutschland nicht in Angst vor dem Dschihadismus leben. Zugegeben, wenn man sich die Zahlen der hier lebenden Islamisten anschaut, kann zunächst ein Gefühl der Beunruhigung aufkommen: Wie BKA-Präsident Holger Münch kürzlich in einem Interview mit der "Welt" bestätigte, haben wir eine "wachsende islamistische Szene in Deutschland mit derzeit rund 43.000 Personen". Diese Zahl hört sich zunächst sehr hoch an. Nun stellt sich die Frage, sind all diese Menschen bereit, für ihre religiöse Überzeugung Waffengewalt einzusetzen? Oder noch konkreter, sind all diese 43.000 Menschen potenzielle Attentäter?

Nein. Bereits an dieser Stelle ist es wichtig zu differenzieren. Zwar handelt es sich beim Islamismus um eine Form des politisch-religiösen Extremismus, nach dessen Willen sich der Staat einer bestimmten Interpretation des Islam unterzuordnen hat. Viele wünschen sich auch ein Leben nach den Regeln der Scharia, dem religiösen Gesetz des Islam. Doch bedeutet dies längst nicht, dass alle in lebenden Islamisten gewaltbereit sind.


7500 Salafisten in Deutschland

Eine Strömung innerhalb des , die häufiger mit Gewaltbereitschaft in Zusammenhang gebracht wird, ist der Salafismus. Beim Salafismus handelt es sich ähnlich wie beim Wahhabismus um eine fundamentalistische Bewegung, deren Vertreter sich als Verfechter eines Islams sehen, wie er in seinen Ursprüngen im siebten Jahrhundert praktiziert wurde. Laut Zahlen des Bundesamtes für Verfassungsschutz "beläuft sich das aktuelle salafistische Personenpotenzial auf ca. 7500 Anhänger" in Deutschland. Seit dem Jahr 2011 sei die Zahl demnach um fast das doppelte angewachsen.

 Auch innerhalb des  muss man differenzieren. Laut Einschätzung des Verfassungsschutzes gehört die "Mehrzahl der salafistischen Akteure und Gruppierungen in Deutschland dem politisch-salafistischen Spektrum an". Zwar handelt es sich bei diesen Personen durchaus um Menschen, die einer extremistischen Ideologie folgen, doch versuchen sie sich häufig in der Missionierung und Indoktrinierung bislang nicht radikalisierter Muslime mit dem Ziel, ihre Ideologie innerhalb von muslimischen Gemeinden gesellschaftsfähiger zu machen. Somit geht von ihnen eher eine indirekte Gefahr aus.

Teilweise sprechen sie sich sogar gegen Gewalt durch Anschläge aus - womöglich aus taktischen Gründen. Denn die Unvereinbarkeit ihrer religiösen Ansichten mit den Werten der westlichen Welt ist unbestreitbar. Die salafistische Ideologie hat das finale Ziel, einen Gottesstaat zu errichten - Leben und Religion sollen sich ausschließlich an einer fundamentalistischen Auslegungsform des Korans orientieren. Staat, Rechtssystem und Gesellschaft sollen sich nach ihrem Willen einer "gottgewollten" Ordnung unterwerfen.

Öffentlichkeitsarbeit statt direkter Gewalt

Doch um ihre Ideologie zu verbreiten, gehen viele Anhänger eher den Weg der Öffentlichkeitsarbeit als der direkten Gewalt. Gleichzeit schaffen sie jedoch mit ihrer Missionierung den Nährboden für den gewaltbereiten dschihadistischen Salafismus. Die Grenzen zwischen politischem und dschihadistischem Salafismus sind fließend. Demnach sind die Mehrzahl der Salafisten in Deutschland keine Terroristen, dennoch leben auch potenziell gewaltbereite Salafisten in Deutschland.

 Personen mit gewaltbereiter dschihadistischer Gesinnung werden von den Behörden als sogenannte Gefährder eingestuft. Laut BKA-Präsident gehören derzeit in Deutschland 420 Menschen zu diesem Kreis. Nun stellt sich die Frage, was gegen diese "Gefährder" unternommen wird. Max-Peter Ratzel, ehemaliger Europol-Direktor, sagte gegenüber dem Nachrichtensender "N-TV", dass derzeit "aufgrund der Personallage, aufgrund der Rechtslage und aufgrund der faktischen Umstände nur eine begrenzte Anzahl von Gefährdern rund um die Uhr überwacht werden." Die Abschiebung dieser Personen ist laut Ratzel "rechtlich nicht möglich".

Im Zuge der Flüchtlingskrise und auch nach den Anschlägen von Paris wird immer wieder die Sorge geäußert, dass sich unter den Flüchtlingen auch radikale Personen verstecken, die Anschläge planen. Völlig auszuschließen ist dies nicht. Doch zeigen die Anschläge von Paris, dass eine Mehrzahl der Attentäter französische und belgische Staatsbürger waren, die nicht aus den vom Islamischen Staat besetzten Gebieten eingereist sind. Der rasante Aufstieg des IS hat dem gewaltbereiten Islamismus ein neues Momentum verliehen - doch ist zu bedenken, dass die Terrormiliz derzeit auch unter so hohem militärischen Druck steht wie niemals zuvor und an fast allen Fronten herbe Niederlagen zu verzeichnen hat.

Gefährder oft schon seit Jahren in Deutschland

Zwar stuft Bundesinnenminister Thomas de Maizière die Lage als potenziell gefährlich ein, doch haben deutsche Sicherheitsbehörden schon in der Vergangenheit wiederholt vor dem Risiko von Anschlägen gewarnt. Der Terror von ist demnach eher als Manifestation einer andauernden Gefährdungslage in der gesamten westlichen Welt zu betrachten.

Auch die Gefährder leben oft schon seit Jahren unter uns. Sich nun der Angst hinzugeben, spielt erklärtermaßen Terrororganisationen wie dem IS in die Hände. Wir als Gesellschaft leben in einer konstanten Gefahr terroristischer Akte, vor Paris und auch danach.

Der Anschlag am Frankfurter Flughafen im März 2011, bei dem zwei US-Soldaten starben, ist das bislang einzige erfolgreiche Attentat mit islamistischem Hintergrund in Deutschland. Gemessen daran ist die Gefahr für den Einzelnen - in Anbetracht einer Bevölkerung von mehr als 80 Millionen Menschen in Deutschland - nach wie vor sehr gering.