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TV-Kritik

"Hart aber fair" : Plasberg debattiert über Rassismus - und spart die Ereignisse in Chemnitz aus

Mesut Özil musste erneut herhalten, um über Rassismus in Deutschland zu diskutieren. Gut: Die erfrischend heterogen besetzte Runde. Gar nicht gut: Die aktuelle Lage in Chemnitz wurde ausgespart.

Von Simone Deckner

Bei "Hart aber fair" diskutierten die Gäste über das Thema Rassismus

Diskutierten bei "Hart aber fair" über das Thema Rassismus: Mehmet Daimagüler, Shary Reeves, Carim Soliman, Karlheinz Endruschat  und Tuba Sarica (v.l.)

Timing. So wichtig, in eigentlich allen Lebenslagen. Nur für Polit-Talkshows gelten andere Regeln. Man kann versuchen, es mit redaktionellen Zwängen zu erklären: Das Thema muss ja irgendwann feststehen. Die Gäste müssen rechtzeitig eingeladen werden. Die Redaktion kann unmöglich auf jede aktuelle Entwicklung reagieren. Aber dass Frank Plasberg in der aktuellen "Hart aber fair"-Ausgabe über das Thema Rassismus in Deutschland diskutierte und dabei die massiven Ausschreitungen von Rechten gegen Ausländer nach dem Tod eines Deutschen bei einem Stadtfest in Chemnitz nur als Randnotiz erwähnte, ist schon ein starkes Stück. Ein starkes Stück Ignoranz. 

Özil, immer wieder Özil

Vor dem Hintergrund der aktuellen Bilder aus Chemnitz erschien die Fragestellung "Özil und die Folgen: Steckt in jedem von uns ein kleiner Rassist?" nicht nur wie ein mauer Rückgriff auf ein durchgenudeltes Thema (Özils Foto mit Erdogan), man musste sich auch fragen: Warum auch noch diese Verniedlichung? Frei nach dem Motto: Sind wir nicht alle kleine Sünderlein? Amüsieren wir uns nicht alle über "Das kleine Arschloch"? Sind wir nicht alle kleine Rassisten? Was aber, wenn wir große sind?

Es diskutierten: 

  • Mehmet Daimagüler (Rechtsanwalt, Nebenkläger-Anwalt im NSU-Prozess; Buchautor "Kein schöner Land in dieser Zeit. Das Märchen von der gescheiterten Integration") 
  • Shary Reeves (Sängerin, Schauspielerin und Moderatorin, "Wissen macht Ah!") 
  • Karlheinz Endruschat (SPD-Ratsherr in Essen, stellvertretender SPD-Vorsitzender Essen) 
  • Carim Soliman (Journalist und Amateur-Fußballer) 
  • Tuba Sarica (Bloggerin, Buchautorin "Ihr Scheinheiligen! Doppelmoral und falsche Toleranz - die Parallelwelt der Deutschtürken und die Deutschen") 
  • Im Einzelgespräch: Borwin Bandelow (Psychologe, Angstforscher, Buchautor)

Betroffene kommen zu Wort

Dass die Diskussion größtenteils angenehm sachlich verlief, lag vor allem an diesen Gästen. Endlich wurden einmal die Menschen befragt wurden, die wirklich etwas zum Thema Rassismus sagen können. Denn alle, bis auf die Bloggerin und Buchautorin Tuba Sarica ("Ich wurde noch nie fremdenfeindlich angegangen") haben selbst Rassismus erfahren – sei es durch abwertende Sprüche oder durch verletzendes Verhalten. "Ich kann mein Hautkleid morgens nicht einfach ausziehen", sagte Moderatorin Shary Reeves an einem Punkt der Diskussion. Ein Satz, der im Gedächtnis blieb. 

Anwalt Mehmet Daimagüler sagt, er könne Özils Frustration teilen. "So lange wir funktionieren und nicht auffallen, verspüren wir keinen Gegenwind, aber es sieht schnell anders aus, wenn wenn wir den Erwartungen nicht entsprechen oder aufmucken", sagte der Mann, der in Harvard und Yale studiert hat und einst als erster Deutscher mit türkischen Wurzeln in den FDP-Bundesvorstand einzog, bevor er die Partei 2007 wieder verließ.

"Rassismus ist kein flächendeckendes Problem" 

Die gute, alte Populistenschule schien hingegen Tuba Sarica absolviert zu haben: Als Einzige in der Runde schlug die Bloggerin, Buchautorin und Erdogan-Kritikerin verbal irritierend um sich: Özil sei ein "Mitläufer", ein "undankbarer" noch dazu: "Die Deutschen haben ihn doch alle immer so gemocht", so Sarica. "Ich sage nicht, dass es keinen Rassismus in Deutschland gibt, mir ist es aber ein Anliegen, dass man nicht so tut, es sei es ein flächendeckendes Problem."

Mit dieser Meinung macht sie sich vor allem bei ihrem Sitznachbarn, dem SPDler Karlheinz Endruschat aus Altenessen beliebt. Der Mann, den Plasberg flapsig als "einzigen Bio-Deutschen in der Runde" vorstellte, findet es nicht gut, dass es in seinem Stadtteil "Kitas gibt, wo 50 Prozent der Kinder nicht Deutsch sprechen" oder auch mal "vier Moscheen auf engem Raum stehen." Weil er über Probleme mit der Integration offen spreche, habe man ihm "zum Rassisten abgestempelt", so Endruschat.

Außerdem erlebe er auch Rassismus "von beiden Seiten". Von arabischstämmigen, jungen Männern sei er schon als "Hund" bezeichnet worden. Araber, so Endruschat, hätten "ja bekanntermaßen Probleme mit Hunden". Eine krude These, die allein von Sarica unterstützt wird, während sich alle anderen in der Runde fragend anschauen. Plasberg, kokett: "Machen sie mal weiter mit ihren Erfahrungen außerhalb vom Gassigehen."

Andere sind ja auch rassistisch 

Erfahrungen, das ist das Stichwort bei dem der junge Journalist Carim Soliman ("Zeit Online") immer wieder einhakt. Er erinnert daran, dass Rassismus gegen ausländische Fußballer "schon immer ein Thema war, nicht erst jetzt." Genauso wie stets, wenn in Deutschland über Rassismus gesprochen werde, irgendjemand sage: "Na ja, aber das gibt es ja auch von der anderen Seite." Damit komme man jedoch kein Stück weiter. Man dürfe den Menschen ihre Erfahrungen nicht absprechen.

Es gebe auch, daran erinnerte eine nachdenkliche Shary Reeves, "einen Unterschied zwischen Rassismus und Diskriminierung". Daimagüler pflichtete ihr bei: "Rassismus hat etwas mit Macht oder Ohnmacht zu tun." Von "systematischem Rassismus" sprach Soliman.

"Angst ist nicht gut in Statistik" 

Es fehle in unserer Gesellschaft an Empathiefähigkeit, mahnte Daimagüler. Das war das Stichwort für den Psychologen und Angstforscher Borwin Bandelow. Er erklärte Rassismus als eine Art lästiges Überbleibsel, das Menschen noch aus der Steinzeit mit sich herum schleppen: "Wir haben ein Stammesgehirn. Für den eigenen Stamm ist man durch dick und dünn gegangen, andere Stämme hat man bekämpft." Das Problem: "Immer wenn dieses primitive Xenophobiegehirn gewinnt, passieren solche Dinge wie in Chemnitz", so Bandelow, der damit immerhin dafür sorgte, dass die alarmierenden Ausschreitungen kurz Thema war.

Man könne die Angst vor Fremden mit einer Spinnenphobie vergleichen, so Bandelow weiter. Die meisten Spinnen hierzulande seien ungefährlich, aber dennoch hätte das Gros der Deutschen Angst vor einem tödlichen Angriff der Langbeine. Und: "Da, wo die wenigsten Ausländer leben, haben die meisten Menschen Angst vor ihnen", so Bandelow, der dann noch den schönen Satz sagte: "Angst ist nicht gut in Statistik." Ein, zwei schlechte Erfahrungen würden von Menschen, die sich rassistisch äußerten, generalisiert. "Das ist das Problem."

Einen Rat hatte der Psychologe aber auch: "Durch Annäherung verliert man die Angst vor den Fremden", so Bandelow. Heißt: sich begegnen, miteinander reden, einander kennenlernen und so Rassismus im Keim ersticken. Damit kann man gar nicht früh genug anfangen. Stichwort Timing.